Leben

Andrà tutto bene: Alles wird gut Corona-Kunst mit Jesus und Superman

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Giuseppe Veneziano: "Die Erschaffung der Schutzmaske".

(Foto: Veneziano - Die Erfindung des Mundschutz )

In Mailand entstehen in diesen Tagen immer mehr Wandmalereien, die das Coronavirus zum Inhalt haben. Von den Balkons hängen Bettlaken, die Kinder mit Regenbögen bemalt haben, in der Krise sprießt die Kunst. Malen als Therapie, Kunst als Zeugnis ungewöhnlicher Zeiten, entdeckt von unserer Italien-Korrespondentin.

Seit einigen Tagen sorgt eine Wandmalerei in einem Mailänder Viertel für Aufsehen: Sie zeigt ein männliches Gesicht mit einer riesigen Mundschutzmaske, die blauen Augen starren ins Leere. Wer es gemalt hat, weiß man nicht. Die Tageszeitung "Corriere della Sera" veröffentlichte ein Bild, in dem ein Mann mit Mundschutzmaske, gesenktem Kopf und einer großen gelben Einkaufstasche vorbeigeht. Selbst hinfahren, um das Bild zu sehen oder zu fotografieren, kann momentan niemand. Denn die Verordnungen im Italien der Pandemie sind eindeutig: Man darf sich nur im Umkreis seiner Wohnung bewegen und den nur verlassen, wenn unbedingt nötig.

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Postkarten an die Außenwelt.

(Foto: VanniCuoghi)

Auch TvBoy, Italiens bekanntester Street-Art-Künstler, hat zum Thema Coronavirus eine Mauer der Stadt mit einem Wandbild bemalt und dieses auch auf seiner Instagram-Seite veröffentlicht. Zu den beliebtesten Sujets dieses Künstlers gehört das Gemälde des Mailänder Malers Francesco Hayez "Der Kuss" aus dem Jahr 1959, das TvBoy immer wieder aufs Neue interpretiert. Und so sieht man in seiner aktuellen Wandmalerei das innig umschlungene Paar mit Mundschutz und Desinfektionsmittel in der Hand. "Liebe in Zeiten des Co...vid-19" lautet der Titel.

Postkarten an die Außenwelt

Das Malen gilt schon immer als wirksame Therapie, um sich mit Ängsten und Traumata auseinanderzusetzen. Das gilt für Erwachsene und noch mehr für Kinder, wie man in diesen Tagen in den Wohnvierteln immer wieder sieht. Von vielen Balkons hängen große mit Regenbogen bemalte Leintücher, auf denen in kindlicher Schrift der Satz "Andrà tutto bene" zu lesen ist: "Alles wird gut".

Andere wiederum malen, um mit ihrer Kunst ein bleibendes Zeugnis dieser Tage, Wochen, Monate zu hinterlassen. Diese Absicht verfolgt der Künstler Vanni Coughi, der zusammen mit seinem Galeristen Giuseppe Pero an dem Tagebuchprojekt "Our strange days" arbeitet. Seit dem 9. März, als ganz Italien abgeriegelt wurde, postet Cuoghi jeden Tag ein neues Aquarell auf seiner Instagram- und Facebook-Seite. Es sind Bilder, die an Fragmente eines Albtraums erinnern. Auf dem einen sieht man einen Mann mit vollen Einkaufstaschen vor einem Panzerwagen stehen, auf dem anderen eine Frau, die von einer roten Schlange an die Tür eines leeren Kühlschranks gefesselt wird. Im Original sind es 10 x 14 Zentimeter große Aquarelle. "So etwas wie Postkarten, die ich an die Außenwelt schicke" erzählt Cuoghi ntv.de am Telefon.

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Er trägt eine Krone, aber anders.

(Foto: Corona Jesus von LadyBe)

Diese Zeit wird in die Geschichtsbücher eingehen, dessen ist er sich sicher. "Und die muss man festhalten, die will ich festhalten und irgendwann werde ich meinen Enkelkindern davon erzählen." Jeden Tag postet er um Punkt 19 Uhr, also eine Stunde nachdem der Zivilschutz den neuesten Stand der Infizierten, Genesenen und Verstorbenen verkündet hat, sein Bild mit Titel und Anzahl der Tage, die seit dem Lockdown verstrichen sind. Um Punkt 19.30 Uhr fügt dann der Gallerist Pero auf Italienisch und Englisch einen Satz hinzu, den er aus der aktuellen Berichterstattung entnommen hat. Wenn dieser Albtraum vorbei sein wird, soll daraus ein Buch werden.

Die kollektive Buße

Auch die Mosaikkünstlerin Lady Be hat das Virus zum Thema ihres letzten Werkes gemacht. Aus unzähligen zerkleinerten Plastikgegenständen hat sie einen "Corona-Jesus" zusammengesetzt. Ihr Jesus trägt aber keine Dornenkrone auf dem Haupt, sondern die mikroskopische Darstellung des Coronavirus. "Das Virus wird zum Symbol der Buße", erklärt Lady Be im Gespräch mit ntv.de. "Denn die Menschheit, also wir alle, haben uns bis jetzt herzlich wenig um die Umwelt gekümmert, haben die Erde mit Unmengen von Schadstoffen und Plastik verseucht." Und jetzt sei jeder von uns davon betroffen. Die Ärzte und die Sanitäter, die an vorderster Front gegen das Virus kämpfen. Die Kinder, die Erwachsenen, die alten Menschen, die nicht aus dem Haus dürfen. Der Werktätige, der seine Arbeit und der Unternehmer, der den Bankrott riskiert. Es sei nur zu hoffen, meint Lady Be, dass aus dieser kollektiven Buße jeder Einzelne die richtige Lehre ziehe.

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Jesus - was sagst du denn zu der ganzen Sache?

(Foto: Veneziano Salvador 2008 )

Das Thema Gott und die Menschheit beschäftigt auch Giuseppe Veneziano. Für den Vertreter der "New Pop"-Bewegung ist Kunst ein Akt des sozialen Engagements. Und da das hier und jetzt eng mit der Geschichte verflochten ist, greift er oft auf weltberühmte Werke zurück. So auch in seinem Aquarell "Die Erschaffung der Schutzmaske", bei dem der Bezug auf Michelangelos Deckenmalerei "Die Erschaffung von Adam" in der Sixtinischen Kapelle unverkennbar ist.

Veneziano ist in diesen Tagen aber auch etwas äußert Kurioses widerfahren. Eine Freundin hat ihm ein Bild geschickt, in dem sie in einer Kunstgalerie vor einem Bild steht, auf dem ein Jesuskind mit Mundmaske zu sehen ist. Das Gemälde stammt aus dem Jahr 2008, Veneziano hatte es für eine Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten von Kindern gemalt. "Eigentlich erinnerte ich mich an dieses Gemälde gar nicht mehr", erzählt Veneziano ntv.de. "Aber ist es nicht erschreckend, wie aktuell es ist?"

Auf dem Sezessionsgebäude in Wien steht der berühmte Satz: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit". Damals begehrten die Künstler gegen den vorherrschenden Konservatismus auf. Heute legen sie, jeder nach seinem Stil, Zeugnis von einer Zeit des kollektiven Leidens ab, einem Leiden, das die Menschheit noch lange beschäftigen wird.

Quelle: ntv.de