Leben

Robert Enkes Tod offenbarte Tabu "Depressionen können jeden treffen"

imago04507081h.jpg

Robert Enke war die Nummer 1 bei Hannover 96. Seine Krankheit hielt er vor der Öffentlichkeit geheim. Erst nach seinem Tod wurde seine Depression bekannt.

(Foto: imago sportfotodienst)

Vor zehn Jahren rüttelt der Suizid von Fußballstar Robert Enke viele Menschen auf. Nur einen Tag später wird seine schwere Depression öffentlich. Seitdem wird zwar mehr über die Erkrankung gesprochen, doch laut Experten gibt es immer noch Missverständnisse und massive Versorgungslücken.

Es ist der 10. November 2009, als Robert Enke nicht mehr weiterweiß. Er sieht keinen Ausweg mehr aus seiner Krankheit und nimmt sich das Leben. Der 32-Jährige hinterlässt seine neun Monate alte Tochter Leila und seine Ehefrau. Teresa Enke macht nur einen Tag später die schwere Depression ihres Mannes öffentlich. Sie zeigt, wie verzweifelt Menschen sein können, die unter Depressionen leiden, ihre Ängste nur wenigen offenbaren. Verzweifelt trotz einer Familie, Ruhm, Geld und einer erfolgreichen Karriere als Fußballprofi, geliebt von seinen vielen Fans.

imago05118080h.jpg

In einer viel beachteten Pressekonferenz sprach Teresa Enke über die Krankheit ihres Mannes.

(Foto: imago sportfotodienst)

"Das war ein Leben, das vorher niemand mit Depressionen in Verbindung gebracht hätte", berichtet Teresa Enke zehn Jahre später. "So aber wusste auf einmal jeder: Es ist egal, ob du erfolgreich oder reich bist: Das ist eine Krankheit, die kann jeden treffen", erklärt Enke rund zehn Jahre nach dem Schicksalsschlag der dpa. Die depressiven Phasen ihres Mannes beschreibt sie heute so: "Wenn diese Krankheit kam, hat sie ihn übermannt". Sie betont zugleich: "Der Fußball hat Robert nicht in die Krankheit getrieben".

Es war ein Leben zwischen lauten Fußballarenen wie in Hannover und den sehr ruhigen Momenten, in denen die Familie sich alleine der Krankheit stellte, von der die Öffentlichkeit bis zum 11. November 2009 nichts ahnte. Später gründete Teresa Enke die Robert-Enke-Stiftung, um sich für die bessere Behandlung von Depressionen einzusetzen.

Die Krankheit geht quer durch alle Gesellschaftsschichten, bestätigt der Vorsitzende der Deutschen Depressionshilfe, Prof. Dr. Ulrich Hegerl: "Depressionen können jeden treffen, auch Menschen, die außerhalb der depressiven Krankheitsphasen erfolgreiche Politiker, Sportler oder Unternehmer sind und in guten familiären Verhältnissen leben. Es ist also nicht nur eine Erkrankung von Menschen, die besonders schlimme Lebensumstände haben." Hegerl, der auch Inhaber der Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt ist, spricht von vielen Missverständnissen: "Depression wird oft missverstanden als persönliches Versagen, als Schwäche, als Reaktion auf äußere Belastungen und wird nicht als das gesehen, was sie ist: eine eigenständige, schwere, verschiedene Hirnfunktionen betreffende Erkrankung."

6dd8bc89a63814846c01ba67c0846939.jpg

Wenige Tage nach dem Tod von Enke nahmen seine Fans im Hannoveraner Stadion Abschied.

(Foto: imago images/Rust)

Die Symptome sind nicht immer eindeutig. Manche Menschen sind niedergeschlagen, fühlen sich wie versteinert, angespannt und überfordert. Auch Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit sowie Schlafstörungen können vorkommen. Sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen von Erkrankten ist es nicht einfach, eine mögliche Depression von einer negativen Phase zu unterscheiden. Der Gang zum Arzt ist dann der wichtigste Schritt. "Das ist ein ganz schwerer, quälender Krankheitszustand und deshalb ist es wichtig, dass man frühzeitig mit der Behandlung beginnt", bekräftigt Hegerl.

Eine Volkskrankheit, die lebensbedrohlich ist

*Datenschutz

Robert Enke war einer von fünf Millionen Menschen, die in Deutschland an einer Depression leiden. Diese psychische Erkrankung ist eine echte Volkskrankheit - genauso wie Diabetes und chronische Rückenschmerzen. Weltweit wird die Anzahl der Erkrankten von der Weltgesundheitsorganisation auf 350 bis 400 Millionen Menschen geschätzt. Menschen, die an Depression erkrankt sind, machen dies oft mit sich selbst aus. Aus Angst, aus Schamgefühl vor anderen oder aus Hilflosigkeit suchen sie oft zu spät psychologische Unterstützung. Im schlimmsten Fall sind manche von ihnen suizidgefährdet. Wenn Angehörige und Freunde dies bei Depressionskranken bemerken, sollten sie alarmiert sein: "Wenn es eine beträchtliche Gefährdung gibt, sollte man den Notarzt rufen. Der kann dann auch beurteilen, ob vielleicht eine Klinikbehandlung notwendig ist", erklärt Hegerl.

90 Prozent der etwa 10.000 Suizide in Deutschland werden vor dem Hintergrund einer nicht behandelten psychischen Erkrankung, am häufigsten einer Depression, begangen. Wird die Krankheit vorher erkannt, kann Hilfe angeboten werden: Gesprächstherapien, Behandlung mit Antidepressiva, Betreuung von Angehörigen - all dies gehört zum Umgang mit der Depression - wenn sich der Erkrankte behandeln lassen möchte.

Dabei gibt es vor allem zwei Probleme: Viele Betroffene erleben die Depression als Tabuthema und können sich nicht öffnen, um Hilfe zu suchen. Wenn jemand aber doch bereit für Hilfe ist, steht er schon vor der nächsten Herausforderung: einen Therapieplatz zu finden. "Wir haben zwar im Vergleich zu anderen Ländern eine hohe Dichte an Psychiatern und Psychologischen Psychotherapeuten in Deutschland, trotzdem gibt es so viele Betroffene, dass es zu wochenlangen Wartezeiten auf einen Facharzttermin kommt", erklärt der Vorsitzende der Deutschen Depressionshilfe. "Da die Depression eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung ist, ist das ein völlig intolerabler Zustand. Noch länger sind die Wartezeiten bei der Psychotherapie. Es bestehen große Versorgungsengpässe."

Diagnose wird heute häufiger gestellt

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes hat sich nach Meinung von Teresa Enke auch etwas im gesellschaftlichen Umgang mit dem Tabuthema Depression verändert. Es gebe etwas mehr Aufmerksamkeit: "Es wird viel mehr darüber berichtet, und es wird ganz anders wahrgenommen. Wenn ich am Flughafen oder am Bahnhof stehe und die Titel der vielen Zeitungen sehe: Da geht es viel häufiger als früher um Depressionen, seelische Erkrankungen oder um mentale Hygiene. Das ist ein großes und mittlerweile auch öffentliches Thema geworden."

Auch Hegerl sieht eine gewisse Veränderung: "Bei den Hausärzten wird auch die Diagnose häufiger gestellt. Überall werden Depressionen besser erkannt und häufiger behandelt. Dazu hat vieles beigetragen, auch die Berichterstattung über Robert Enke. Weil viele in der Gesellschaft gesagt haben, 'wenn so ein erfolgreicher Fußballer eine Depression kriegen kann, dann ist das auch eine richtige Erkrankung' ", berichtet der Vorsitzende der Deutschen Depressionshilfe.

Das falsche Image der Depression ist trotz mehr Aufmerksamkeit für die Erkrankung immer noch da. Es braucht offensichtlich immer noch mehr Aufklärung, dass dieses psychische Leiden keine Form des Versagens, des Scheiterns, sondern einfach eine Krankheit ist. Die Hilfe-App der Enke-Stiftung wirbt mit einer eindringlichen Botschaft: "Robert Enke konnten wir nicht retten. Dich schon."

Quelle: n-tv.de