Leben

Aus der Schmoll-Ecke Der schreibende "Untermensch" ist zurück

Walter Ulbricht war in den 1950er und 60er Jahren der starke Mann in der DDR.

Walter Ulbricht war in den 1950er- und 1960er-Jahren der starke Mann in der DDR.

(Foto: picture alliance / Konrad Giehr/)

Es gab zu Weihnachten viel zu essen. Die Pandemie wird ein Ende haben. Wir schreiben nicht mehr Forscher, sondern Forschende. Lauter Gründe, warum unser Kolumnist einigermaßen gut gelaunt und zuversichtlich ins neue Jahr gerutscht ist.

Er ist wieder da! Ich bin wieder da - und schreibe, was die Tastatur an Unsinn hergibt. Das Fest ist vorbei. Die Weihnachtsfachperson, wie Weihnachtsmänner neuerdings politisch korrekt genannt werden müssen, damit sich künftig auch Mädchen diese volkswirtschaftlich und gesellschaftlich bedeutende Tätigkeit zutrauen, hat ihr Geschäft verrichtet. Meiner Familie hat sie, noch verkörpert vom Opa und nicht der Oma, auch einen Besuch abgestattet. Unsere Weihnachtsfachperson hat einen Oscar verdient. Sie hat ihren Job hervorragend gemacht, Kinderaugen sowohl zum Weinen als auch zum Leuchten gebracht.

Wir haben toll gegessen. Ragout fin mit gentechnisch veränderter Boostersoße. Köstlich. Obwohl es an Langzeitstudien zur Magenverträglichkeit fehlt. Ich habe viel gefuttert und nun eine Ahnung davon, wie es Menschen ergeht, die sich im eigenen Körper nicht wohlfühlen. Ich habe zugenommen. Ansonsten ist nicht viel passiert in meinem Leben seit der letzten "Schmoll-Ecke" vor vier Wochen. Da ich nach wie vor nicht migrantisch, nicht schwul, nicht behindert und keine Frau bin, gehöre ich weiterhin nicht zu einer Benachteiligungsgruppe. Denn Ostzonale, selbst Sachsen, werden nicht diskriminiert. Höchstens mal pauschal als Nazis bezeichnet. Aber das ist keine Diskriminierung.

Ich bin einigermaßen gut gelaunt ins neue Jahr gerutscht und voller Schaffenskraft. Global geht es aufwärts, den Fortschritt hält weder Ochs noch Esel auf. Deutschland hat eine Klimaregierung. Die Pandemie wird irgendwann ein Ende haben. Die Taliban sind nicht islamophob. Und die Darts-Weltmeisterschaft ist vorbei. Lauter Gründe, die für Zuversicht sorgen. Bei mir jedenfalls. Der Kampf geht weiter. Meine selbst errichtete Öko-Diktatur hilft dabei. Ich musste drei Bio-Paprika in den Bio-Müll schmeißen. Ich hatte vergessen, dass sie im Gemüsefach meines Kühlschranks auf Verzehr warteten. Daraufhin habe ich mich in einem Akt der Selbstbestrafung zu Stubenarrest ohne Weinverzehr verurteilt. Das war hart. Aber coronakonform.

Nur ein einziger guter Vorsatz

Ich habe einen einzigen guten Vorsatz für 2022. Ich möchte ein Sehr-Gutmensch bleiben. Ich werde immer Forschende schreiben, damit kleine Mädchen nicht mehr denken, dass sie, wenn sie groß sind, Hausfrauen werden müssen, sondern: Auch ich kann Forschende werden und eines Tages zu den In-der-Talkshow-Sitzenden gehören, wie Gäste bei Anne Will neuerdings politisch korrekt genannt werden müssen. Sprache ist wichtig, sie verändert den Geist. Und die Geistin.

Ich werde auch nicht mehr schreiben, dass dieses oder jenes ein Selbstläufer wird, damit sich Frauen nicht ausgeschlossen fühlen. Jeder sollte endlich begreifen, dass Frauen selbst laufen können. Auto und Fahrrad fahren. Oder mit dem Lastenflugzeug fliegen, wie die heilige Annalena, die - das Lastenfahrrad braucht der Mann daheim - ab und an nach Brüssel, Paris oder Amerika düst, um ihr Englisch zu verbessern, das sie während ihres Völkerrechtsstudiums in London noch nicht zur Perfektion gebracht hat.

Aber Schluss mit dem Bashing der heiligen Annalena. Lieber auf die eindreschen, die auf der falschen Seite stehen. Und auf die, die sich nicht genügend von denen abgrenzen, die auf der falschen Seite stehen. Und auf die, die sich nicht genügend von denen abgrenzen, die sich nicht genug von denen abgrenzen, die Verständnis für die falsche Seite zeigen. Alles grenzwertige Leute.

Außerdem muss ich aufpassen. Denn Leser Basti, ein Verteidiger der heiligen Annalena, drohte mir: "Ich werde mal schauen das ich ihren Namen mal ein wenig weiter gebe damit Ihre texte nicht mehr so einen anklang finden." (Alle Orthografie- und Grammatikfehler im Original, Anm. d. Red.) Im Übrigen wünscht mir Basti "viel spaß noch mit weiter lügen und quatsch erzählen und scheiße in die welt tragen". Andererseits: "Mir ist bei einer person wie ihnen es völlig egal was sie denken sie sind für mich einfach ein untermensch der alten schule." Er schreibt mir Mails zu meiner Denke, um mir zu erklären, dass es ihm egal ist, was ich denke. Hoffentlich steht ein Psychologe an Bastis Seite.

Tolerante mit Toleranzgrenzen

So was in der Art kriege ich häufig von Anhängern der AfD, mitunter in ähnlicher Rechtschreibqualität. Aber auch Fans toleranter Parteien machen mir gerne Mitteilung darüber, wo ihre Toleranzgrenzen liegen. Das hat damit zu tun, dass ich mich der Forderung nach Eindeutigkeit entziehe. Es wundert mich nicht, dass Google bei Eingabe meines Namens als Ergänzung "politische Ausrichtung" vorschlägt. Forschende, sparen Sie sich die Suche im Internet. Ich verrate es Ihnen: Ich bin kein Rechts- und kein Linksextremist, sondern ein schreibender Untermensch, der zu Übermenschen wie Thomas Mann und Claudio Monteverdi aufblickt, die im Himmel wohnen. Den III. Weg habe ich nicht gewählt, weil ich Nazis und Rassisten Scheiße finde. Ich habe für den X. Weg ins Glück gestimmt. Die Entscheidung habe ich nicht bereut. Meine Partei hat es in den Bundestag geschafft. Gut so.

Viele haben für die SPD votiert, also für Olaf Scholz. Mir ist er ein bisschen zu trocken. Seine Neujahrsansprache hat mich nicht gepackt, obwohl er von "wir" sprach und wohl auch mich damit meinte. Er redet seltsam monoton. Walter Ulbricht hätte das nicht gefallen. Der war erklärter Gegner der Eintönigkeit, wie er in seinem Urteil zum Gesang der Beatles ("She loves you, yeah, yeah, yeah") seinem eingesperrten Volk erklärte: "Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Mist, der vom Westen kommt, kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des yeah, yeah, yeah und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen."

Das zeigt, dass gewisse Politiker auch schon früher Denkdefizite hatten und ihre Widersprüchlichkeit nicht wahrnahmen. Jedenfalls gibt es das nicht erst seit Donald Trump. Es ist lustig, dass der Mann, der eine sehr eintönig gestaltete Mauer bauen ließ und ein Land regierte, das Millionen Kinder und Jugendliche in Uniformen steckte und Städte und Dörfer in Einheitsgrau verkommen ließ, über Monotonie klagte. Ist Ihnen aufgefallen, dass Ulbricht nur von Genossen redete? Scholz sagt immer "Bürgerinnen und Bürger". Schon deshalb will ich die Ostzone nicht zurück.

Quelle: ntv.de

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