Leben

Als Fotografin in der Arktis "Die Ruhe der Polarnacht macht süchtig"

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"Wenn ich die Menschen eher als Silhouetten fotografiert habe, wurde der rote Anzug irgendwie schwarz."

(Foto: MOSAiC/Esther Horvath)

Dreieinhalb Monate begleitet die Fotografin Esther Horvath die Drift des Forschungsschiffs "Polarstern" durch die Arktis. Zu Beginn der Expedition steht sie auf 50 Zentimeter dickem Meereis, unter sich die Tiefen des Ozeans. Ihre Fotos erzählen von der dort geleisteten Forschungsarbeit, sind preisgekrönt. Sie selbst sehnt sich seitdem in die Dunkelheit der Polarnacht zurück.

ntv.de: War Ihnen klar, worauf Sie sich mit der Arbeit bei der Mosaic-Expedition einlassen?

Esther Horvath: Ja, das war mir klar. Es war mir auch bewusst, dass fast die komplette Zeit Polarnacht sein würde. Wir sind am 4. Oktober an der Scholle, mit der wir die Drift begonnen haben, angekommen, und an diesem Tag haben wir auch die Sonne zum letzten Mal gesehen. Dann hat die Reise in die Dunkelheit begonnen, und ich habe mich extrem darüber gefreut.

Was ist an der Dunkelheit der Polarnacht so besonders?

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Esther Horvath arbeitet seit 2015 immer wieder in Polarregionen.

(Foto: Alfred Wegener Institut )

Sie ist irgendwie extrem beruhigend, diese Ruhe macht regelrecht süchtig. Das war für mich als Fotografin, aber auch als Person magisch und faszinierend. Ich war dann auch fast jeden Tag auf dem Eis, weil ich das auf Fotos festhalten wollte. Ich wollte davon keine Minute versäumen. Diese Dunkelheit kann man in einer Stadt nicht erleben, aber auch nicht in einem Wald auf dem Land. Dieses endlose flache Eis und darüber ein komplett schwarzer Himmel, das ist einzigartig. Die meiste Zeit war es bewölkt, das haben wir aber nur daran erkannt, dass wir die Sterne nicht sehen konnten. Am meisten habe ich es gemocht, wenn es bewölkt war, dann war der Himmel komplett schwarz. Wir kennen diese Nasa-Fotos vom Mond, mit dem komplett schwarzen Universum als Hintergrund. Ich hatte ständig das Gefühl, dass ich auf dem Mond bin. Es hat sich nicht mehr angefühlt wie auf der Erde.

Können Sie dieses Gefühl beschreiben?

Die Zivilisation und mein normales Leben waren so weit weg. Nach einer kurzen Zeit war diese komplette Dunkelheit die einzige Realität. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, wie es in der Helligkeit ist. Gleichzeitig wollte ich das auch gar nicht mehr. Es war für mich ein richtiger Schmerz, als mein Teil der Expedition nach dreieinhalb Monaten zu Ende war. Ich habe gewusst, dass ich diese Dunkelheit extrem vermissen würde, und das ist immer noch so. Ich kann es kaum erwarten, dass ich dorthin zurückkehren kann.

Auf vielen Fotos in dem Bildband "Expedition Arktis" wirkt die beleuchtete "Polarstern" tatsächlich wie ein Raumschiff in einem komplett lebensfeindlichen Umfeld. Haben Sie versucht, genau das zu fotografieren oder ist das einfach so passiert?

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Das war einfach so. Ich musste mich manchmal daran erinnern, dass ich nicht träume. Ich sehe es mit meinen eigenen Augen, ich stehe auf einem Meereis. Wir driften, und ich habe 4200 Meter Ozean unter meinen Füßen. Es war so irreal, hat sich wie ein Traum angefühlt oder wie in einem Film.

Als Fotografin brauchen Sie aber Licht, wie haben Sie das gemacht?

Das einzige Licht, das wir hatten, kam von der "Polarstern" und von den Kopflampen der Expeditionsteilnehmer. Je weiter wir vom Schiff weg waren, umso dunkler war es. Ich hatte selbst auch eine Kopflampe, aber ich wollte nicht, dass das Licht von mir kommt. Deshalb habe ich sie für die Fotos ausgeschaltet und das andere Licht verwendet. Es ist eine besondere Herausforderung. Manchmal habe ich das Licht der "Polarstern" als Gegenlicht genutzt oder als Spot.

Wie schwer war es überhaupt, unter diesen Bedingungen zu fotografieren?

Ich war jeden Tag sieben bis acht Stunden draußen, mit einer Pause. Mein Tag bestand aus Warten, und dann musste ich wieder sehr schnell sein. Meine Hände und Füße waren sehr schnell kalt. Ich hatte Tränen in den Augen, weil meine Hände so wehgetan haben. Oft konnte ich sie einfach gar nicht mehr bewegen. Dann habe ich verschiedene Übungen gemacht, um sie wieder zu spüren. Das war sehr schmerzhaft. Aber die Kamera ist aus Metall, und das leitet die Kälte. Auch, wenn man Handschuhe anhat, geht die Kälte da hindurch. Die Batterien konnte ich nur mit dünnen Handschuhen tauschen, dann war es sehr schnell sehr kalt. Die Technik gibt dann auch einfach den Geist auf, deshalb hatte ich immer zwei Kameras dabei. Eine war windgeschützt in meinem Rucksack. Die andere Kamera habe ich so lange verwendet, wie ich konnte. Aber irgendwann haben sich die Spiegel in meinen Spiegelreflexkameras nicht mehr bewegt. Sie waren einfach eingefroren.

Wie viele Farben von Eis haben Sie fotografiert?

Wenn die Sonne scheint, hat das Eis viele verschiedene Farben, gelb, blau, lila, pink, weiß, bläulich, grau. Es ist immer wieder anders, je nachdem, wie das Licht fällt. Während der Polarnächte war das Eis nur noch grau. Die Inuit kennen ja 106 Wörter für Eis und Schnee. Ich komme aus Ungarn und dort haben wir zwei Wörter für Liebe, eins für die Liebe zwischen Menschen und eins für die Liebe von Verliebten. Und ich würde gern ein eigenes Wort für meine Liebe zum Arktischen Ozean finden, weil ich so eine besondere Beziehung spüre.

Auf vielen Fotos gibt es den starken Kontrast zwischen dem Eis und den Menschen in roter Schutzkleidung.

Das war für mich gar nicht so sichtbar wegen der Dunkelheit. Wenn ich die Menschen eher als Silhouetten fotografiert habe, wurde der rote Anzug irgendwie schwarz. Wegen der visuellen Vielfalt hat es mich gefreut, dass nicht immer die roten Anzüge zu sehen sind. Ein paar Leute hatten auch andere Farben an, das habe ich immer gemocht.

Wie schwierig war es, die wissenschaftliche Arbeit ganz konkret zu zeigen?

Wenn ich Forschung fotografiere, versuche ich immer die Schönheit dieser Arbeit zu dokumentieren, nicht so sehr das Funktionelle. Ich recherchiere und lese immer sehr viel vorher, damit ich verstehe, was abläuft. Sonst kann ich das nicht fotografieren, weil ich nicht weiß, was wichtig ist und was nicht. Ich arbeite seit 2015 in Polarregionen und habe elf Expeditionen mitgemacht. Wenn ich höre, es gibt einen CTD-Tauchgang, dann weiß ich, was passiert. Später, wenn wir über die besten Fotos für einen Forschungsbereich sprechen, dann suche ich diese Schönheit darin.

Es gibt ein Foto, auf dem eine Wissenschaftlerin einen Eiskern beinahe liebevoll ansieht - ist das so ein Moment?

Das ist auch eines meiner Lieblingsfotos als wissenschaftliches Foto, weil man damit so viel erzählen kann. Diese Eiskerne wurden entnommen, um darin Treibhausgase wie zum Beispiel Methan zu messen. Dabei geht es um die Frage: Wie viel Methan gelangt in die Atmosphäre, wenn das Eis schmilzt, wie viel bleibt im Ozean? Die Kopflampe der Wissenschaftlerin scheint auf den Eiskern und lässt ihn leuchten. Diese Messungen wurden zum ersten Mal im Winter während der Polarnacht im Zentralarktischen Ozean gemacht, mit den Daten werden die Wissenschaftler aber noch lange arbeiten.

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Mit diesem Foto gewann Horvath den World Press Photo Award.

(Foto: Esther Horvath für The New York Times)

Den World Press Photo Award haben Sie aber für ein Foto bekommen, auf dem eine Eisbärenmutter und ihr Junges zu sehen sind. Wie ist dieses Bild entstanden?

Das war ganz am Anfang, am 10. Oktober. Ich war draußen auf dem Schiff und die Eisbärin und ihr Baby sind an den Stromkabeln entlang dem Schiff immer näher gekommen. Vom Bug aus habe ich sie fotografiert und hatte schon in diesem Moment das Gefühl, dass diese Fotos wichtig werden. Ich hatte mir vor der Expedition gewünscht, Eisbären zu fotografieren, aber ich bin ja keine Wildlife-Fotografin. Ich hatte mir einen Kontext vorgestellt, der zeigt, dass wir Gast im Land der Eisbären sind. Für mich hat das Foto mehrere Schichten: das eingefrorene Schiff, die Polarnacht, und dann kommen die Eisbären, um uns anzuschauen, wie wir versuchen, ihren Lebensraum zu verstehen. Wir hatten mehrere Eisbärenbesuche, aber so haben wir es nur einmal erlebt. Es ist für mich eines der wichtigsten Fotos der Expedition, weil diese Eisbären auch durch den Preis weltweit über die Expedition berichten. Es ist mir so wichtig, dass ich zusammen mit Wissenschaftlern die Aufmerksamkeit der Menschen auf den Arktischen Ozean lenke. Deshalb widme ich meine komplette Fotografie dieser Umgebung.

Mit Esther Horvath sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de