Leben

Aus der Schmoll-Ecke Die fetten Windsor-Weiber sind nicht lustig

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Kathryn Lewek in der Salzburger Aufführung, als Eurydike, nicht als lustiges Weib von Windsor.

(Foto: imago images / Ernst Wukits)

Ein Kulturkritiker schreibt über eine Salzburger Opernaufführung in einem einzigen Satz von "dicken Frauen". Eine Sängerin wittert Diskriminierung und löst die bekannten Internet-Mechanismen aus. Unser Kolumnist findet: Langsam quillt der politisch korrekte Fettnapf über.

Ups, Entschuldigung, bitte kein Shitstorm gegen meine Wenigkeit, ich habe mich soeben furchtbar vertippt. Natürlich sollte die Überschrift heißen: Die lustigen Weiber von Windsor sind nicht fett! Ich kenne zwar nicht alle, was nicht verwunderlich ist, da ich noch nie in Windsor war. Aber die Weiber von Windsor, die ich gesehen habe, waren lustig und nicht fett. Und außerdem: Ich bin zwar ein dicker - meinetwegen auch: fetter - Schmierfink mit miesen Zähnen und Hang zur Glatze, aber dafür politisch relativ korrekt. Jedenfalls achte ich alle Frauen aus Windsor und dem Rest der Welt, egal ob dürr, dünn, vollschlank, dick oder fett. Denn ich möchte mich nicht des Bodyshamings schuldig machen. Schauen Sie alle meine Texte durch, Sie werden nichts finden, wo ich einen Menschen auf körperliche Bestandteile reduziert habe. Mein Thema ist eher das Buddyshaming. Ich habe Kumpels, für die ich mich abgrundtief schäme, weil sie nie in die Oper gehen. Ich schon.

Neulich war ich mal wieder in Innsbruck bei einem jährlich stattfindenden Festival, das genau der Epoche gewidmet ist, die ich gern mag: dem Barock. Parallel liefen die 99. Salzburger Festspiele. Dort bin ich noch nie gewesen und werde es wohl auch nie sein, weil es mir dafür an den richtigen Klamotten, Eleganz, Benehmen und Geld fehlt und - vor allem - in Salzburg fast nur Opern gespielt werden, die mich kalt lassen. Dafür fahren jedes Jahr Heerscharen von Kritikern hin, um dann selbstbeweihräuchernd schreiben zu können: "Ich kenne beide Inszenierungen schon, genieße die herrliche, völlig ungestörte Untersbergblickruhe auf der Leopoldskroner Schlossterrasse. Nur ab und an springt ein Karpfen aus dem Teich." Das Artensterben hat also noch nicht die österreichischen Karpfen erfasst. Wie beruhigend.

Einer der Kritiker war Manuel Brug von der "Welt", den ich wegen seines pointierten Stils ohne relativierendes Rumgeeier schätze, gerade weil ich - das wäre auch noch schöner als die völlig ungestörte Untersbergblickruhe auf der Leopoldskroner Schlossterrasse - nicht immer seiner Meinung bin. Brug schrieb in "einer großen, impressionistischen Reportage", wie er es selbst unbescheiden nennt, über fünf Salzburger Aufführungen zur Inszenierung von Jaques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" den Satz: "Und leider läuft der gut geölte Marionetten-Mechanismus schnell leer, immer wieder machen dicke Frauen in engen Korsetten in diversen Separees die Beine breit."

Bitte kein Getue

Das war korrekt beobachtet und wiedergegeben. Man kann sich die Oper in der Arte-Mediathek ansehen. Die Inszenierung von Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, ist ein frivoles Schauspiel für Bildungsbürger, die es (ver)sau(t)komisch finden, wenn Sängerinnen - abweichend von den Noten - orgiastisch trillern (hach, wie lustig) und ständig in Kopulationsstellungen zu sehen sind (hach, wie reizend). Das nutzt sich unglaublich schnell ab, kommt aber inzwischen in jeder zweiten Opernaufführung vor. Ich kann solche Scherzlein nicht mehr sehen und hören. Allerdings bin ich Purist - kein Puritaner - und gehe nur wegen der Musik in die Oper, nicht wegen des Gehopses und Getues auf der Bühne. Manchmal schließe ich die Augen, um den Quatsch nicht sehen zu müssen.

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Die weibliche Hauptfigur Eurydike, in Salzburg gesungen von der US-amerikanischen Sopranistin Kathryn Lewek, läuft gut drei Stunden in einem hautfarbenen und einem schwarzen, jeweils sehr eng geschnittenem Korsett durch die Gegend, das ihren Körper so erscheinen lässt, dass die Assoziation "dick" nicht völlig abwegig ist. Sie zwitschert und vögelt, was die Unterwelt hergibt. Michael Stallknecht lobte Lewek in einer sehr lesenswerten Rezension in der "Süddeutschen Zeitung" für ihren Gesang, "während sie ein geradezu grausam geschmackloses Kostüm zum ordinären Pummel zurechtstutzt". Franziska Stürz - der Vorname klingt nach Frau - zeigte sich in BR-Klassik begeistert von einer "drallen Eurydike", die "aus ihrer Lust am Sex keinen Hehl macht". Pummel. Drall.

Brug schrieb nichts über Leweks gesangliches und schauspielerisches Vermögen, was er nicht musste, sondern allein über die Inszenierung. Die Amerikanerin aber twitterte: "HELP!" Opernsänger seien oft das Ziel von Belästigung, Bodyshaming und Fatshaming - also Beleidigungen oder Diskriminierung aufgrund der äußeren Gestalt - durch Musikkritiker. "Das muss aufhören." Bald nannte sie Brug namentlich, schrieb an die Chefredaktion der "Welt", die Kritik entspreche der "Arbeit eines faulen Chauvinisten", der von seinen Kumpanen ("fellow Hooligans") Streicheleinheiten erhoffe und keinen Respekt vor einer jungen Mutter habe. Brug habe in seinem Text keine "dicke Herren" erwähnt. (Es gab keinen betont dicken oder fetten Herren in einer Sängerrolle.)

Nur fad oder fett?

Die Amerikanerin veröffentlichte ein Foto, auf dem sie beim Stillen ihres Kindes kurz vor Weihnachten 2018 zu sehen ist. Gerade der Verweis auf die junge Mutterschaft ist bizarr. Er wirkte wie eine Entschuldigung für ihr Aussehen, was absurd ist. Aber vor allem hieße das, dass ein Kritiker, bevor er schreibt, sich über die persönlichen Umstände aller Künstler beider Geschlechter erkundigen müsste. Haben Sie jüngst gestillt, zu viel gefuttert oder ist das Kummerspeck? Sind Sie zu faul zum Sport, hauen Sie sich zu viel Schokolade rein oder haben Sie ein Alkoholproblem?

Sofort griffen die typischen Mechanismen des Internetzeitalters. Lewek erhielt Solidaritätsbekundungen von Leuten - auch aus der englischsprachigen Welt, die "fad" als "fett" übersetzten -, die weder Brugs Kritik gelesen hatten noch in Salzburg waren. "Du hast absolut recht. Die Model-Welt schuf ein unrealistisches Körperbild, das nichts mit den echten Frauen und Männern zu tun hat." Oder: "Wer mager will, kann zu Modenschauen gehen." He? Wer will denn mager? Brug? Käse. Unterstellt wird dem Journalisten Eigen-PR: "Dieser Mensch wollte wahrscheinlich einmal im Leben groß auftauchen." Weil er das angeblich Falsche geschrieben hat, soll Brug auch gleich die finanzielle Lebensgrundlage entzogen werden. Die Zeitung "würde sich einen großen Gefallen tun, wenn sie diesen Kritiker von seinen Verpflichtungen entbindet". Eine New Yorker Gesangslehrerin empfahl - ganz und gar uneigennützig - auf Youtube Brug und Co, Pornoseiten zu schauen. Zuerst hielt die Frau ihr Buch in die Kamera. Geht es um die gute Sache, ist PR erlaubt.

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Das Vögelchen abgeschossen hat die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Frau Dr. Helga Rabl-Stadler, in einer Stellungnahme "aus aktuellem Anlass". Sie gratulierte Lewek zu ihrer "außergewöhnlichen künstlerischen Leistung", die übrigens von niemandem, auch nicht von Brug, bestritten wird, aber auch zum "Mut, gegen 'Bodyshaming' klar aufzutreten". Es folgte: "Ein ziemlich einflussreicher deutscher Kritiker, dessen Aussehen ich nicht kommentiere, um mich nicht auf seine respektlose Stufe zu stellen, hat Kathryn vorgeworfen, sie wäre zu dick als Eurydice." Dass sie sich gegen "so unsachliche Kritik" wehre, solle "allen Frauen Mut machen, jenseits willkürlich propagierter Idealmaße sexy und sprühend witzig zu sein".

Hach, wie edel! Danke, Frau Doktor! Eine Sängerin, die einverstanden ist, halbnackt in knapper Korsage aufzutreten, beschwert sich über Kritik an der Inszenierung, die gezielt auf ihr Aussehen setzt, und die opportune Festivalpräsidentin bejubelt angeblichen Mut. Dieses bigotte Verhalten kennen wir aus der Politik. Es schwappt zunehmend auf die Kultur über, wo bei Bedarf jemand "Diskriminierung" schreit und das bequeme Couch-Publikum "Solidarität" twittert. An keiner Stelle hat Brug geschrieben, dass er die Sängerin für "zu dick" hält, noch hat er für angebliche Idealmaße geworben. Besonders hinterfotzig ist die Bemerkung, sein Aussehen nicht zu kommentieren, "um mich nicht auf seine respektlose Stufe zu stellen", es aber genau mit diesem Satz zu tun. Im Netz wurde über Brugs Körper gelästert, was aus dem stark verengten Blickwinkel der Lewek-Sympathisanten natürlich akzeptabel ist, da es ja um die Verteidigung der "dicken Frauen" geht.

Kunst darf alles. Der Regisseur wollte Eurydike als Emanze zeigen, die nicht nur den Längeren, sondern auch Schöneren hat: Im letzten Akt erschien sie mit einem von Strass zum Glitzern gebrachten Pimmel. Ansonsten erlebten sie die Zuschauer als dauergeiles Weib - ein Klischee, wie es zumindest das männliche Publikum in Salzburg und anderswo aus Pornos kennt und schätzt. Das ist dann selbst in Zeiten von Metoo, Dumichauch und Neinheißtnein erlaubte Kunst. Hätte die Sängerin gegen den - wenn auch ironischen - Transport eines solchen Frauenbildes protestiert, würde ich mich samt meiner Wampe vor ihr verneigen. Aber an einem Engagement in Salzburg hängt zu viel Geld und Prestige. Da nimmt frau es dann doch gerne in Kauf, ihr Fett abzukriegen.

Quelle: n-tv.de

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