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Unter dem Hashtag #whomademyclothes fragen junge Menschen auf Twitter, woher die Klamotten kommen, die von den großen Modeketten verkauft werden.
Unter dem Hashtag #whomademyclothes fragen junge Menschen auf Twitter, woher die Klamotten kommen, die von den großen Modeketten verkauft werden.(Foto: picture alliance / Britta Peders)
Samstag, 28. April 2018

Fair Trade statt Wegwerf-Mode: Eine Industrie entdeckt ihr Gewissen

Von Andrea Affaticati, Mailand

Jedes Jahr werden 100 Milliarden Kleidungsstücke hergestellt, oft unter unwürdigen Bedingungen. Doch Mode muss zu einer gerechten Welt beitragen. Dafür kämpfen Marina Spadafora und die Fashion Revolution - mit ersten Erfolgen.

Marina Spadafora ist eine zierliche Frau mittleren Alters, mit kurzem, rötlich getöntem Haar und kristallblauen Augen. Früher gehörte ihr das gleichnamige Modelabel "Spadafora". Das Auftreten der Designerin ist aber frei von jeglicher für die Branche typischen Allüre, vielmehr pflegt die 58-Jährige stilvolles Understatement. Dass man ihren Namen auch in den Dörfern entlang des Nigers und in den Bergen Boliviens kennt, hat vornehmlich mit ihrem sozialen Engagement zu tun. "Schon als Kind wollte ich die Welt richten", sagt sie mit einem Schmunzeln. Ihren Beitrag dazu hat sie schon geleistet. Und das hat ihr einen Spitznamen eingebracht: "Lady Ethics".

Marina Spadafora mit Stickerinnen aus Sapa, Vietnam.
Marina Spadafora mit Stickerinnen aus Sapa, Vietnam.

Ethik in der Mode ist gerade jetzt - während der weltweiten Fashion Revolution Week - zentrales Thema in der Branche. Ins Leben gerufen wurde die Modewoche vor genau fünf Jahren von den beiden Designerinnen Carry Somers und Orsola de Castro, nachdem am 24. April 2013 in der Nähe von Dhaka in Bangladesch das achtstöckige Gebäude "Rana Plaza" mit mehreren Textilfabriken eingestürzt war. Der Katastrophe fielen damals über 1100 Menschen zum Opfer - mehrere Tausend wurden verletzt. Seitdem erinnert die Fashion Revolution alljährlich in über 100 Ländern der Welt - Deutschland inbegriffen - an die Tragödie und plädiert für faire Mode.

Spadafora ist Vorsitzende von Fashion Revolution in Italien und vom italienischen Ableger der World Fair Trade Organisation (WFTO). Wird über sie geschrieben, erwähnen die Autoren nicht selten ihre frühere Schwiegermutter, Audrey Hepburn. Drei Jahre war die Bozenerin mit dem Sohn der Filmdiva verheiratet. Doch das ist lange her. Und es ist ein anderer Mann, dessen Bekanntschaft ihr Leben nachhaltig beeinflusst hat. Mauro Pavesi. Vor 13 Jahren traf Spadafora den jungen Unternehmer, der damals in Dänemark lebte, zum ersten Mal."Pavesi wollte an einem Ausschreiben vom dortigen International Investitionsfond IFU teilnehmen, der in Wirtschaftsprojekte in den Schwellenländern investiert", erzählt sie. Seine Idee: eine Modekollektion aus rein organischen Materialien, ausschließlich in Afrika und nach den Kriterien des Fair Trades hergestellt.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

"Pavesi brauchte jemanden, der ihm die Kollektion zeichnete", erzählt Spadafora. "Er selber kam ja aus dem Marketing." Die Designerin stieg ins Projekt ein - und reiste schließlich nach Afrika. "Kein leichtes Unterfangen, aber ein unbeschreiblich schönes Erlebnis. Jeder Tag bescherte mir eine neue Entdeckung." In Ägypten stieß die Unternehmerin auf Sekem - eine Oase westlich von Kairo, in der seit 1977 ein Entwicklungsprojekt für biologisch-dynamische Landwirtschaft läuft. "Von dort haben wir damals die Stoffe bezogen", erinnert sie sich. In Äthiopien und Kenia machte Spadafora kleine Unternehmen ausfindig, die die Kleidungsstücke herstellen.

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"Die großen Fabriken, die Massenprodukte für westliche Unternehmen herstellen, hatten wir von vornherein ausgeschlossen." Dieser ersten Kollektion namens "Banuq" folgten nach 2007 viele andere. Spadafora reiste kreuz und quer durch die Welt auf der Suche nach Naturfasern und Stoffen, baute Lieferketten auf, die den Fair-Trade-Kriterien entsprachen. In Äthiopien machte sie die Genossenschaft Sabahr ausfindig, die nur aus Pflanzen gewonnene Farben herstellt. In Kenia lernte sie die Crochet Sisters kennen - Ordensschwestern, in deren Häkelarbeiten sie sich sofort verliebte.

Spadafora weiß, dass die Arbeitskräfte in den Billiglohnländern von der globalen Textilindustrie weiter ausgebeutet und ihnen in den Werkstätten oft nicht einmal minimalste Sicherheitsstandards garantiert werden. Laut Recherchen der Wiener Tageszeitung "Der Standard" hat es nach der Tragödie in Bangladesch für die Textilarbeiter kleine Verbesserungen gegeben, doch die Gehälter seien weiter niedrig und Repressionen gegen die Gewerkschaften nähmen zu. Fashion Revolution fordert deshalb nach wie vor angemessene Preise für Kleinbauernfamilien, menschenwürdige Arbeitsbedingungen auf den Plantagen und in den Fabriken der Entwicklungs- und Schwellenländer sowie ein striktes Kinderarbeitsverbot.

Fair Trade kann viel bewegen

Über Social-Media-Kampagnen wie #whomademyclothes versuchen die Initiatoren, westliche Käufer für die Missstände zu sensibilisieren. Teilnehmer der Aktion ziehen ihre Kleider verkehrt herum an, damit das Label zu sehen ist und posten ein Foto auf Twitter oder Instagram. Wenn die Herkunft der Kleidung unbekannt ist, wird nachgefragt. Und mittlerweile antworten sogar die großen Ketten wie Zara, Massimo Dutti, Pull and Bear oder G Star Raw immer konkreter. Oft fügen sie Fotos hinzu, auf denen ihre Arbeiter am anderen Ende der Welt mit einem Schild mit der Schrift #imadeyourclothes zu sehen sind. Fast zwei Millionen Postings wurden schon registriert. Auch wenn ein Umdenken eher langsam einsetzt, gibt es also Grund zur Hoffnung: Vor allem die junge Generation zeigt sich zunehmend sensibel und verantwortungsvoll dem Thema gegenüber.

Nach Angaben von Fashion Revolution kannte noch vor drei Jahren jede zweite Modemarke die Fabriken nicht, in denen die Kleidungsstücke gefertigt wurden. Drei von vier Labels wussten nicht einmal, woher die Stoffe und die Rohstoffe für ihre Produkte stammten. Im Jahr 2017 legten von 100 befragten Marken gerade einmal 32 die Liste ihrer Zulieferer offen. Unbekannt blieben nach wie vor die Lieferkette und Herkunft der Rohstoffe. "Sicher stimmt es, dass die bekannten Labels und Verkaufsketten viel sensibler reagieren und von ihren Lieferanten Zertifikate verlangen, die bestätigen, dass der Herstellungsprozess den Umwelt-  und Sozialstandards entsprechen", erklärt Rudi Dalvai, Vorsitzender der WFTO, im Gespräch mit n-tv.de. "Die Kehrseite ist jedoch, dass sie noch verbissener um jeden Cent feilschen und die Preise drücken, wie es nur geht."

Das erschwert die Einhaltung der Fair-Trade-Kriterien. Denn je niedriger die Preise sind, desto mehr Textilien werden erzeugt - und desto stärker wird die Umwelt belastet. "Wir sind sieben Milliarden Menschen auf der Erde, hergestellt werden aber jährlich 100 Milliarden Kleidungstücke", sagt Dalvai. Davon landen die meisten gerade in den westlichen Ländern - und oft schon nach ein paar Wochen - im Müll. Spadafora glaubt trotzdem daran, dass sich etwas ändern kann. Und dafür hat sie gute Gründe: einer davon ist Pater Paolo. Seit 40 Jahren lebt der gebürtige Italiener im ecuadorianischen Bergdorf Salina. "Dort hat er eine Genossenschaft gegründet, die einen Teil des erwirtschafteten Geldes in Schulen, Kleinunternehmen und soziale Einrichtungen investiert", erzählt die Designerin. "Genau das verstehe ich unter sozialer Wirtschaft: Der Unternehmer verpflichtet sich gegenüber der Gesellschaft."

Quelle: n-tv.de