Leben

Aus der Schmoll-Ecke Fleischfresser steckt fast Kulturerbe in Brand

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Fliegen und Fleischkonsum, das Leben eines Kolumnisten bietet zahlreiche Möglichkeiten, falsch abzubiegen.

(Foto: Thomas Schmoll)

Während in Berlin Autofahrern Beine gemacht werden, damit sie laufen lernen, setzt Kuba auf altbewährte Mittel, die Welt von Abgasen zu befreien. Denn die Kommunisten haben erkannt, merkt der Kolumnist: Den Klimaschutz in seinem Lauf hält weder Ochs noch Merkel auf.

Geschätzte Klimaschützer, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die gute lautet, dass ich Besserung gelobt habe und neuerdings mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Flughafen Berlin-Schönefeld fahre und nicht mehr mit meinem Auto. Seit mich Greta Thunbergs grimmiger Thriller-Blick tief getroffen hat, fühle ich mich schuldig, am Untergang der Welt beteiligt zu sein, da ich seit längerer Zeit meinen Körper mittels Diesel-getriebenem Fahrzeug durch die Gegend transportiere. Wie konnte ich es wagen?!

Doch ich vernahm ihre Botschaft, "dass wir Euch beobachten", und versuche nun, ein noch anständigerer Erdenbürger zu sein, als ich es ohnehin schon bin. Vielleicht erweist mir die weinende Greta von Assisi die Gnade, gar nicht zu "Euch" zu gehören. Vielleicht wird mir vor dem jüngsten Gericht aller Zeiten - Greta Thunberg ist schließlich erst 16 Jahre alt - der Umstand positiv angerechnet, dass ich, dafür kann ich zahlreiche irdische Zeugen benennen, meinen Müll seit 25 Jahren in der pedantischen Manier eines oberschlauen Unterstufenlehrers trenne.

Die schlechte Nachricht erahnen Sie bestimmt schon als Folge des soeben Gelesenen. Ich bin geflogen. Jawoll! Und zwar nach Lissabon. Ein Segeltörn scheiterte am fehlenden Sponsor, meiner Carbon-Unverträglichkeit und der telefonischen Auskunft eines Berliner Yachtclubs. Nachdem ich beteuern musste, dass meine Frage ernst und keine Verarsche sei, erklärte mir ein scheinbar gebildeter Herr äußerst fachkundig, dass die Meeresanbindung zwischen Berlin und Lissabon trotz aller Zusagen der Politik, für den Ausbau der Seestraßen zu sorgen, nach wie vor zu wünschen übrig lasse. Der Segeltörn könne daher deutlich länger dauern, als mein ganzer zehntägiger Urlaub lang sei. Nun gut.

"Wir müssen einige Dinge runterfahren"

Leider kam auch Kuba nicht in Frage, das ich für seinen Einsatz zur Rettung der Welt mit der Beibringung von Devisen belohnen wollte. Reiseveranstalter bieten das Land leider nicht mit klimaneutralen Segelbooten an, sondern nur mit Flugzeugen oder CO2-trächtigen Kreuzfahrtschiffen. Das passt nicht zu einer Insel, die, wie ich las, beim Klimaschutz tierisch neue Wege geht. Sie setzt neuerdings auf Pferdekarren. Die Universität von Havanna hat ausgerechnet, dass ​die Furze der Tiere weniger klimaschädlich sind als Pkw-Abgase. Kuba hat ja bekanntlich keine moderne Fahrzeugflotte. Die Autos auf der Insel sind keine Teslas im Vintage-Look, sondern tatsächlich so alt, wie sie aussehen. Präsident ​Miguel Mario Díaz-Canel Bermúdez sagte: "Wir müssen Kutschen wieder mehr nutzen. Wir müssen einige Dinge runterfahren. Und später müssen wir dann wieder aufholen durch doppelte Anstrengung." Wäre ich sein Redenschreiber, hätte ich noch den Satz angefügt: ​"Den Klimaschutz in seinem Lauf hält weder Ochs noch Merkel auf."

Statt das Kutschen-Konzept Kubas oder der Lüneburger Heide nach Berlin zu transferieren, geben sich die Grünen mit einem autofreien Wochenende in der Friedrichstraße zufrieden. "Zurzeit ist die Friedrichstraße vor allem eines: ungemütlich, laut, nicht wirklich einladend", begründet der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Stephan von Dassel, seine Idee. Schon irgendwie putzig, dass ein Kommunalpolitiker einer Straße, die seit Jahren unter seiner Kuratel steht, ein solches Armutszeugnis ausstellt.

Ob das die Wende bringt und Geschäftsinhaber jubeln lässt? In Berlin existieren zwei Einkaufsareale, die reine Fußgängerzonen sind: die Wilmersdorfer Straße und die Spandauer Altstadt. Ich lebe seit drei Jahrzehnten in der Stadt, habe aber noch niemals von irgendwem gehört: "He, lass uns mal in die Spandauer Altstadt shoppen gehen." Oder: "Wollen wir am Samstag durch die Wilmersdorfer Straße flanieren?"

Klimawandelbestreiter vs. Weltenretter

Dann doch lieber Kutschen. Früher war eben alles besser, sogar die Fortbewegungsmittel. "Ich messe Innovation und Technologie eine sehr große Bedeutung bei", hat Angela Merkel neulich gesagt. Aber das ist auch wieder nicht richtig gewesen. Die Frau kann von sich geben, was sie will - sie kriegt immer verbal eins übergebraten. Das hat auch damit zu tun, dass die Warnungen vor der Apokalypse einer Greta Thunberg entweder auf den glühenden Pessimismus ihrer Freunde oder die dümmliche Ignoranz ihrer Feinde treffen. Hier die schlafwandlerische Arroganz der Klimawandelbestreiter, die bevorzugt AfD wählen und denen es scheißegal ist, ob Inseln im Meer versinken, solange sie ihre Schäfchen im Trockenen haben. Dort der Aktionismus radikaler Weltenretter, die die Grünen wählen und Verbote von SUVs und Inlandsflügen fordern, um das in Kürze erwartete kollektive Ersaufen aller Schafsherden zwischen Südsee und Nordsee gerade noch zu verhindern.

Gerade auf Reisen frage ich mich umso mehr, wie irre die Welt geworden ist und warum sich die Thunbergs nicht stärker darauf konzentrieren. Der Flieger nach Lissabon war voller stolzer Portugiesen, die T-Shirts und Armbändchen trugen, die sie als Teilnehmer des Berlin-Marathons auswiesen. Wie könnt ihr es wagen!? Wie könnt ihr es wagen, wegen eines 42,195 Kilometer langen Laufes nach Berlin zu düsen und ein dreitägiges Verkehrschaos anzurichten. Wie könnt ihr es wagen, in deutsche Lande zu fliegen und nicht im Carbon-Boot gesegelt oder der Kutsche gefahren zu sein!?

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In Sintra ist niemand mehr allein, und Parkplätze gibt es auch nicht mehr.

(Foto: Thomas Schmoll)

Die zwei königlichen Paläste von Sintra nahe Lissabon habe ich vor etwas mehr als 20 Jahren zum ersten Mal besichtigt. Der Unterschied zu heute ist gigantisch. Damals fand ich sofort Parkplätze fußläufig zu den Eingängen. Ich erinnere mich an eine Handvoll Besucher in den Schlössern. Diesen Oktober waren es Massen, die sich durch die Flure des UNESCO-Welterbes bewegten und Selfies machten. Wie muss es erst in den Sommerferien sein? Ein Polizist regelte mittels Trillerpfeife den Verkehr, damit sich Busse und Autos nicht blockierten. Das permanent zu hörende Geräusch erinnerte an ein militärisches Training oder den Sportunterricht, wo ein Lehrer nonstop in seine Pfeife rotzt und die Kombattanten hüpfen müssen. Zum Glück war ich mit der Bahn unterwegs, die in Portugal nach meiner - wenn auch minimalen - Erfahrung pünktlich und angenehm ist.

Auf dem Weg hinauf zum Nationalpalast Pena - ich bin tatsächlich den Hügel hoch gelaufen - machte ich Rast in einem sehr netten Café mit einem freundlichen Kellner. Ich aß eingelegtes Schweinefleisch, obwohl ich mehr Appetit auf Chouriço hatte, die in Portugal flambiert wird - und zwar direkt am Tisch des Bestellers. Das war mir einfach zu riskant, ich dachte, nachher passiert was Schreckliches, die Flamme wird durch Winde ungünstig verweht und am nächsten Tag lautet die Schlagzeile: "Deutscher Fleischfresser steckt Kulturerbe in Brand". Aber dafür habe ich gefragt: "Is your sausage Bio?" Der Kellner: WHAT?! Ich: "I mean organic." Nein, den Wortwechsel hat es natürlich nicht gegeben, die Bio-Frage hätte den Kellner vielleicht überfordert.

​Während ich das Schweinefleisch in mich aufnahm, zog ich mir dank gütiger Hilfe meines Smartphones Nachrichten rein. Die eine lautete: "Der Verzehr von rotem Fleisch und verarbeiteten Fleischprodukten geht anscheinend bei den meisten Menschen nicht mit großen gesundheitlichen Risiken einher." Wie wunderbar, dann nichts wie rein damit. Doch schon drei Happen Schweinefleisch später hieß es in einer Meldung: "Keime in Wurstwaren: Zwei Menschen sterben nach Fleischkonsum." Da haben wir ihn wieder, den Beweis: Einen Tod müssen wir alle sterben.

Quelle: n-tv.de

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