Leben

Die weibliche Seite der Sucht Frauen trinken heimlich - und allein

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Auf zwei männliche Alkoholkranke kommt in Deutschland etwa eine Alkoholkranke.

(Foto: imago)

Frauen trinken immer mehr. Doch sobald aus dem Glas Rotwein am Abend eine Sucht wird, ist Alkohol noch immer ein Tabuthema. Warum Frauen den Alkohol verstecken und wie eine Berlinerin den Weg aus der Abhängigkeit schafft.

Gemocht hat Regina Alkohol nie. Trotzdem trinkt sie zehn Jahre lang Korn. Den billigsten, verdünnt mit Fruchtsaft. "Es sollte nach nichts schmecken. Es ging nur darum, den Benebelungszustand zu erreichen", sagt Regina, die eigentlich anders heißt, jetzt, viele Jahre später. Ihren Korn trinkt sie damals allein, zu Hause, in der Berliner Wohnung. "Als mein Mann schon ausgezogen war, habe ich die Flasche sogar noch vor meinem Hund versteckt."  

Männer trinken zusammen in der Kneipe ein Bier oder fünf, beim Fußballschauen oder nach dem Sport - dieses Klischee hält sich hartnäckig in vielen Köpfen. Aber Frauen, die in der Öffentlichkeit trinken, torkeln und lallen? Haben offensichtlich ihr Leben nicht im Griff. "Alkoholismus ist bei Frauen nach wie vor ein Tabuthema", sagt Sozialarbeiter und Sozialtherapeut Wolfgang Geisbühl, der Süchtige im Caritas-Zentrum Backnang betreut. "Männer, die in der Öffentlichkeit Alkohol konsumieren, werden eher akzeptiert als Frauen, die viel trinken und negativ auffallen. Bei Frauen ist das mehr mit Scham besetzt." Die Folge: Frauen trinken heimlich, in den eigenen vier Wänden. Dort, wo es keiner sieht.

Aber auch sie trinken. Auf zwei männliche Alkoholiker kommt in Deutschland etwa eine Alkoholikerin. Und neben 18 Prozent der Männer haben auch 14 Prozent der Frauen dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung zufolge einen riskanten Alkoholkonsum.

Frauen werden sich in ihrem Trinkverhalten im Laufe der Zeit sogar dem von Männern annähern, prognostiziert Falk Kiefer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin in Mannheim. "Alkoholabhängigkeit entsteht durch Konsum. Je mehr Frauen trinken, desto mehr werden abhängig." Weil sich die Geschlechterrollenbilder sukzessive aufheben und Alkoholkonsum bei Frauen nicht mehr stigmatisiert wird, ist das Trinkverhalten von Jugendlichen beider Geschlechter mittlerweile ähnlich, sagt Kiefer. Das liegt nicht zuletzt auch an der Werbung, die Alkohol mehr und mehr als Lifestyle-Produkt vermarktet - auch für Frauen.

Totschweigen, trinken, torkeln

In Reginas Jugend ist das noch anders. Sie wird im Krieg geboren, aus dem der Vater nie zurückkommt, und den die Mutter nie ganz überwindet. Dass ihre Mutter trinkt, spürt Regina als Jugendliche zwar irgendwie - doch das ganze Ausmaß wird ihr erst nach deren Tod bewusst. Die versteckten Cognacflaschen im Schrank, das Gerede der Nachbarn. "Ich habe mich damals nicht getraut, das alles zu hinterfragen. Man hat viel totgeschwiegen", sagt sie. Als ihre Mutter schließlich am Alkohol stirbt, fängt Regina mit Mitte 20 selbst zu trinken an - "wider besseren Wissens". Sie wollte sich nicht mit den ganzen ungelösten Fragen beschäftigen, sagt sie. Der Korn wird zum ständigen Begleiter. Doch Reginas Wohnung verlässt er nie.

"Heimlich trinkt man nur dann, wenn das Umfeld den Alkoholkonsum nicht akzeptiert", sagt Suchtexperte Kiefer. "Das ist immer eine Folge der sozialen Bedingungen." Besonders Menschen, die in einer Generation sozialisiert wurden, in der Alkoholkonsum noch stigmatisiert wurde, trinken laut Kiefer im Verborgenen. Aber es gibt sie auch heute noch, die heimlichen Trinkerinnen. Die Schülerin etwa, die mit dem Klausurstress nur zurechtkommt, wenn sie sich vor der Klassenarbeit einen schnellen Martini gönnt. Oder die junge Frau, die sich schon vor der Dinnerparty zu Hause ordentlich einschenkt, um dann vor den anderen Gästen mit ein oder zwei Gläsern Wein auszukommen. "Dann wirkt ihr Trinken nach außen hin moderat, in Wirklichkeit aber hat sie schon einige Promille intus", sagt Therapeut Geisbühl.

Besonders junge Frauen gehen inzwischen zwar ganz offen mit ihrem Alkoholkonsum um. "Aber wenn sie merken, dass sie ohne Alkohol nicht mehr klar kommen, versuchen sie es zu kaschieren und die Fassade aufrecht zu erhalten", sagt Geisbühl. Dann werde auch nicht mehr aus Genuss getrunken - es gehe eher darum, Entzugserscheinungen zu vermeiden, innere Spannungen zu lösen, Probleme und Ängste wegzudrücken und den Selbstwert zu stabilisieren. "Individuell spielen aber ganz unterschiedliche Faktoren eine Rolle." Die Produktionshelferin ist genauso betroffen wie die Managerin, die Alleinerziehende ebenso wie die Ehefrau oder die vereinsamte Seniorin.

Wann wird Genuss zur Sucht?

Die Grenze zur Sucht, sagt Kiefer, ist dann überschritten, wenn die Betroffene ihr Verhalten trotz negativer Konsequenzen des Alkoholkonsums nicht mehr oder nur noch schwer ändern kann. Schädlich ist der Alkohol - unabhängig vom Risiko, abhängig zu werden – für Frauen ohnehin viel schneller als für Männer. Während für letztere 24 Gramm Alkohol am Tag unbedenklich sind, ein viertel Liter Wein also oder zwei kleine Bier, ist es für Frauen lediglich die Hälfte.

Ein kleines Gläschen Wein reicht Regina in ihren Jahren mit dem Alkohol längst nicht mehr. Doch eines Tages, sie liegt wieder einmal benebelt auf ihrer Couch, steht plötzlich der Betriebsarzt im Zimmer. Sie hat wohl vergessen, ihre Krankschreibung auf der Arbeit abzugeben. "Am Arbeitsplatz ist man schon ab und zu auf den Alkohol angesprochen worden. Das ist natürlich aufgefallen", sagt die mittlerweile pensionierte Angestellte. Doch solange die Arbeit trotzdem stimmt, gibt es keine Konsequenzen. "Aber als dann der Betriebsarzt kam und sozusagen nachsah, ob ich noch am Leben bin, da wusste ich, dass es so nicht weiter gehen kann."

Auch in Geisbühls Suchtberatung landen die Betroffenen häufig nur, weil es einen Anstoß von außen gibt. "Zuerst kommen oft die Angehörigen", sagt der Suchtexperte. Wenn die Frau sich nicht mehr um die Kinder kümmern kann, steht der Ehemann auf der Matte. Oder der Arbeitgeber, wenn die Betroffene im Job häufig ausfällt.

Nüchtern ein völlig anderer Mensch

Der Arbeitgeber organisiert schließlich auch für Regina einen Entzug in einer Klinik. Und an einem Abend kurz darauf trifft sie in einer verqualmten Berliner Kneipe zum ersten Mal auf die Anonymen Alkoholiker. "Da saßen 25 Menschen. Ich habe sofort gesehen, dass die an diesem Tag alle noch nichts getrunken hatten", erzählt sie. "Da wurde mir klar: Es ist möglich." Seit diesem Tag geht sie zu den Treffen der Selbsthilfegruppe. Bis sie sich traut, vor der Gruppe auch nur ein Wort zu sagen, vergehen Jahre. Viel wichtiger ist jedoch: Seit diesem Tag rührt Regina keinen Tropfen Alkohol mehr an.

"Ich hätte nicht gedacht, dass das das Leben so grundlegend ändern kann. Ich bin eine ganz andere Person, ohne dass ich darauf abgezielt hätte", sagt sie rückblickend. Die Mitarbeit bei den Anonymen Alkoholikern, rund 115.000 Gruppen gibt es in 180 Ländern, gibt ihr Halt und Selbstbewusstsein. Dass ihre Mutter der Auslöser für ihre Sucht war, oder irgendwer sonst Schuld hat an ihrem Weg, davon möchte Regina nichts wissen. Ebensowenig interessiert sie das Warum. "Das war eben so, es ist ein Teil meines Lebens", sagt sie. Wichtig ist, dass es jetzt anders ist.

Mittlerweile fällt es Regina leicht, Nein zum Alkohol zu sagen. "Wenn auf der Kreuzfahrt beim Captains Dinner Sekt gereicht wird, dann gibt es immer auch O-Saft", sagt sie. Und wenn sie im Restaurant oder in der U-Bahn Menschen mit einer Bierflasche in der Hand sieht, interessiert sie das nicht weiter. Wirklich gemocht hat sie den Alkohol ja ohnehin nie.

Quelle: ntv.de

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