Leben
Außergewöhnlich, schillernd, exzentrisch, kreativ - und immer für eine Überraschung gut - Harald Glööckler.
Außergewöhnlich, schillernd, exzentrisch, kreativ - und immer für eine Überraschung gut - Harald Glööckler.
Freitag, 14. September 2018

"Kirche, öffne dich!" : Harald Glööcklers Neues Testament

Kirche at it's best: Dieses Buch ist wirklich aufschlussreich, bietet eine Menge Denkansätze und ist modern, locker und flockig geschrieben. Reflektiert, nachdenklich, auch traurig, wenn es um Harald Glööckklers Kindheit geht. Für jemanden, der gerade auch zweifelt, für jemanden, der gern etwas mit der Kirche anfangen will, aber nicht kann, auch für "Kirchen-Neulinge", ist Glööcklers Buch eine kleine Offenbarung. "Ist die Kirche im modernen Deutschland überhaupt noch relevant?", fragen sich viele. Fachkundig und mit großer Neugier geht Glööckler an den Glauben, nicht nur an den christlichen, heran. Mit viel Wärme und einer fast kindlichen Art unternimmt der 53-Jährige den Versuch, auch denen, die bisher nichts mit "der Kirche" anfangen konnten, diese näherzubringen. Strittige Themen wie Machtmissbrauch, Umgang mit Homosexualität und Toleranz klammert er dabei nicht aus, sondern wirbt mit vielschichtigen Argumenten dafür, trotz aller Probleme genauer hinzuschauen, was die Kirche eigentlich zu bieten hat. Dabei sieht er sich weder als Lehrmeister noch als Dienstleister. "Kirche, öffne dich" ist ein zeitgemäßes Buch mit Tiefgang, das viele dem Designer mit dem ausgefallenen Äußeren sicher nicht zugetraut haben. Wir wünschen uns nun Workshops für Pfarrer, angeleitet von Harald Glööckler. Das wäre zeitgemäß und sinnvoll - denn wir würden gerne wieder an Wunder glauben. 

Was bedeutet Kirche für Sie, Herr Glööckler, haben Sie ein Bild davon?

Harald Glööckler: Es gibt Familienmitglieder, die sind einfach da. Aber man muss die nicht immer sehen. Dann besucht man die eben nicht mehr. So ist das auch mit der Kirche: Gehört irgendwie dazu, aber wenn es einem nicht gefällt, geht man nicht mehr hin. Der Glauben ist dennoch immer da.

Was soll Kirche leisten?

Ich finde nicht, dass die Kirche im Trend sein muss, aber sie muss up to date sein, sie muss mitgehen mit der Zeit. Sie muss nicht alles mitmachen, aber sie muss Dinge erkennen - denn wenn ich eine jahrtausendealte Institution mit einer solchen Macht, mit solch einem Wissen, mit einem Netzwerk über die ganze Welt und einem gewissen Draht zu Gott (lächelt) zur Verfügung habe, dann sollte ich viele Dinge auch ein bisschen früher wissen, oder?

Haben Sie Lösungen für das Dilemma, in dem die Kirche steckt?

Will nicht predigen, hat einfach nur gute Ideen: Harald Glööckler.
Will nicht predigen, hat einfach nur gute Ideen: Harald Glööckler.(Foto: imago/Metodi Popow)

Die Aufgabe der Kirche ist es nicht, uns maßzuregeln. Oder uns zu erzählen, wie schlecht und wie klein wir sind. Die Aufgabe der Kirche ist es vielmehr, uns zu stützen. Und es ist die Aufgabe der Kirche, uns zu gewinnen, und nicht umgekehrt. Ein Beispiel: Wenn ich in einem Restaurant essen gehe, dann muss der Koch mich gewinnen und nicht umgekehrt. Und wenn das Essen schlecht war, dann gehen Sie hin und reden darüber, dann machen Sie vielleicht Verbesserungsvorschläge. So wie ich jetzt in meinem neuen Buch über die Kirche spreche. Ich persönlich habe keine Lust mehr, in den Verein einzutreten. Aber ich finde ihn nach wie vor gut, und die Philosophie, die dahintersteckt, auch größtenteils. Kritik bringt einen weiter, man sollte also dankbar dafür sein. Ich hörte jetzt aber oft, dass man von mir Lösungen erwartet. Dafür bin ich nicht da! Ich sage dem Koch auch nicht, wie er kochen soll, sondern nur, dass es mir nicht schmeckt.

Wie sind die Reaktionen auf Ihr Buch?

Wir leben ja in dieser Cyber-Gesellschaft, wo die Menschen nicht mehr miteinander sprechen, man hat keine Ansprache mehr. Da wäre eine Kirche und Menschen in der Kirche, die Vertrauen schaffen können, ideal. Inzwischen melden sich Pfarrer bei mir, die sagen, "so erlebe ich das täglich, genauso ist es, wie Sie es beschreiben" - da muss sich doch dringend etwas ändern.

Haben Glaube und Kirche denn vielleicht einfach keine Relevanz mehr für die Menschen?

Glaube ist keine Zeiterscheinung, genau wie das Buch als solches.
Glaube ist keine Zeiterscheinung, genau wie das Buch als solches.(Foto: dpa)

Glaube ist ja keine Zeiterscheinung. Der Glaube ist in uns so stark verankert, wie leider Gottes auch einige Dinge, die die Kirche in uns verankert hat, die über die Jahrhunderte betrachtet nicht so gut waren.

Zum Beispiel?

Dieses Armutsdenken. Auf dem gründet der Neid. Das war ja wunderbar für einige Mönche, um spirituelle Erfahrungen zu sammeln, aber in unserer Gesellschaft ist das so verankert, dass es heißt, arm gleich gut und reich gleich schlecht. Das ist doch Quatsch. Viele denken, arm zu sein, sei gottgefällig, und auch der Gedanke, dass Armut nicht änderbar ist, sitzt tief. Ich bin arm, also bleibe ich es. Ist doch Blödsinn. Gucken Sie mal in die Natur, da sehe ich Reichtum. Wenn mein Birnbaum voller Früchte hängt, dann erzählt der mir nichts von Armut, der ist so reich, dass die überreifen Birnen einfach runterfallen, und es ist dem Baum herzlich egal, ob die jemand aufsammelt oder ob die da zermatschen. Keiner sagt dem Baum, ob er zu viel blüht. Genauso sollte einem keiner sagen, ob man zu stark geschminkt ist. Die Natur explodiert und wir sollten auch explodieren! Wir dürfen uns doch nicht eingrenzen lasen. Wir leben in einer Zeit, in der die Kirche eine große Renaissance erleben könnte, weil die Menschen Halt suchen und Nähe. Diese Gemeinschaft könnte man tatsächlich in einer Kirche finden.

"Wir brauchen eine Kirche, die uns auffängt, wenn wir stürzen, ...
"Wir brauchen eine Kirche, die uns auffängt, wenn wir stürzen, ...(Foto: picture alliance/dpa)

Waren Sie in letzter Zeit dennoch mal wieder in der Kirche?

Ja, und noch immer werde ich dort abgeschreckt. Neulich war ich einem erzkonservativen Gottesdienst, ich sage nicht wo, und da steht der Pfarrer auf der Kanzel - das ist schon mal schlecht, so von oben herab zu predigen - und erzählt, dass er es erschreckend fände, diese aufgestylten Damen mit den riesigen Sonnenbrillen in der Stadt zu sehen. Ich bitte Sie! In der Kirche saßen ein paar solcher Frauen, aufgestylt und mit riesigen Sonnenbrillen … Was soll denn das? Er kann sich doch nicht aussuchen, wer da zu ihm kommt, er verschreckt die Leute, die da überhaupt noch hinkommen. Ich verstehe so eine Art und Weise zu denken überhaupt nicht! Wie sollen die Damen sich denn fühlen, die kommen doch nie wieder.

Haben Sie Ideen für den Gottesdienst?

Ein Gospelchor? Ein bisschen Party machen? Das würde ganz sicher funktionieren! Das wäre ein Anfang. Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind in die Kirche ging, weil ich zu Hause rauswollte, doch nach der Kirche habe ich mich fast noch schlechter gefühlt: minderwertig, schuldig, falsch. Als fünf- bis sechsjähriges Kind! Da hing der Jesus am Kreuz, blutend, ohnmächtig, und ich hatte schon eine Mutter, die von meinem Vater blutig geschlagen wurde, das wollte ich in der Kirche nicht auch noch sehen. Und dann hat man mir erzählt, dass der Jesus für meine Sünden gestorben sei. Welche Sünden hat denn ein sechsjähriges Kind, frage ich Sie!?!

... die uns wärmt, wenn wir an der Kälte der Welt frieren, die uns zu essen gibt, ...
... die uns wärmt, wenn wir an der Kälte der Welt frieren, die uns zu essen gibt, ...(Foto: picture alliance / Jörg Carstens)

Was hat Sie noch gestört?

Das Falsche an den Menschen. In der Kirche sitzen alle fromm und beten, und kaum sind sie draußen, haben einige losgelegt, sich das Maul über andere zu zerreißen.

Und der Pfarrer?

Zum Pfarrer konnte man auch keine Nähe aufbauen, der war wie ein Verwalter. Trotzdem bin ich immer wieder hingegangen.

Warum?

Ich habe in Gedanken umdekoriert (lacht).

Waren Sie evangelisch oder katholisch?

Evangelisch, deswegen habe ich mir ja immer ein bisschen mehr von allem gewünscht, Kronleuchter und so, das ist bei den Protestanten ja nicht so dolle. Außerdem haben die Katholiken die Mutter Gottes, die strahlt immer so schön, die sah liebevoll aus, die hing nicht am Kreuz. Am Ende des Tages bin ich mit der Kirche aufgewachsen, aber besser gesagt war es so, dass ich neben der Kirche aufgewachsen bin.

Sind oder waren Sie gläubig?

Ja, ich war sehr gläubig, Gott war mir immer allgegenwärtig. Und der persönliche Glaube ist wirklich etwas anderes als das, was einem in der Kirche aufgezwungen wird.

... wenn wir hungern, und die uns umarmt, wenn wir versagt haben." (Foto: Glööckler mit seinem Schmuckschuber für die Bibel zum Lutherjahr 2017.)
... wenn wir hungern, und die uns umarmt, wenn wir versagt haben." (Foto: Glööckler mit seinem Schmuckschuber für die Bibel zum Lutherjahr 2017.)(Foto: picture alliance / Britta Peders)

Haben Sie über andere Glaubensrichtungen nachgedacht, ob da was für Sie infrage käme?

Ich habe mich umfassend informiert, das muss man, um mitreden zu können, aber nein, ich habe nicht wirklich etwas gefunden. Eine Zeitlang glaubte ich, dass der Buddhismus etwas für mich sein könnte, das war schick, viele Popstars wurden Buddhisten, ich habe den Dalai Lama sogar schon getroffen, aber nein, ich dachte mir, Schuster bleib' bei deinen Leisten.

Wer steht Ihnen zur Seite, wenn Sie zweifeln?

Mein Mann. Mit dem bespreche ich alles, auch, wenn es ihm nicht gefällt. Der Herr Schroth ist aber einer, der konservativ ist (lächelt). Ein Steinbock. Er hat zum Beispiel Angst, dass er, wenn er wie ich aus der Kirche austritt, nicht richtig beerdigt wird. Und wenn ich ihm dann sage, du keine Angst, die verscharren dich schon, dann hilft ihm das natürlich nicht weiter, aber seither läuft es mit uns. Also mit mir und der Kirche: Seit ich ausgetreten bin, habe ich wieder eine Beziehung zur Kirche.

Wie hätte die Kirche Sie als Kind denn unterstützen können?

Wenn man eine Kindheit erlebt wie ich, der Vater schlägt die Mutter und alle kriegen das mit, aber keiner sagt was, da hätte ich mir gewünscht, dass ich Zuflucht in der Kirche finden könnte. Wir Kinder haben mal bei dem Pfarrer geklingelt, wie man das so macht als Kind, und da hat der nur gedroht und gesagt: "Noch einmal und es knallt." Nicht gerade die feine christliche Art. Ich war schockiert als Kind, ich fand, der müsste netter sein zu uns Kindern. Da wusste ich, dass das nichts wird mit uns beiden. Ich hätte mir ein Gespräch gewünscht, es war ja bekannt, wie es bei mir zu Hause zuging. Ich brauchte jemanden, dem ich mich hätte öffnen können. Auf gar keinen Fall wollte ich aber instrumentalisiert werden, wie die Kirche es seit Jahrhunderten ja macht.

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Worüber hätten Sie noch reden wollen?

Ich wusste schon früh, schon als Kind, dass ich Jungs interessanter finde als Mädchen. Mir war schnell klar, dass ich homosexuell bin. Darüber hätte ich gern geredet oder es zumindest jemandem anvertraut.

Da Sie weder daheim noch in der Kirche Halt fanden - wer war für Sie da?

Ich hatte zum Glück Tanten, die mir zur Seite standen. Und ich war ein wirklich starkes Kind. Als ich mich so umgeschaut habe damals - der gewalttätige Vater, der Jesus am Kreuz und der empathielose Pfarrer - da habe ich mir gesagt: Das geht mich alles gar nichts an. Mit sechs Jahren fing ich an, mir meine eigene Welt zu kreieren, in der alle Frauen Prinzessinnen sind. Ich stellte mir bereits damals vor, wie ich Modenschauen veranstalte mit Hollywoodstars - und 1995 saßen Bo Derek, Gina Lollobrigida und Prinzessinnen aus dem Hochadel bei mir in der ersten Reihe.

Was hilft Ihnen weiter?

Ich habe noch nie geglaubt, dass es einen weiterbringt, wenn man auf die Knie fällt und Gott anfleht. Nur man selbst kann dafür sorgen, dass es weitergeht, dass man vorankommt. Das ist harte Arbeit. Nicht lange jammern ist auch wichtig. Und wenn ich nachts manchmal aufwache und nicht mehr schlafen kann, dann bete ich das Vaterunser - ich stelle mir vor, dass das ganze viele andere zur selben Zeit auch beten und denke, dass das eine ganz starke Energie haben muss, und dann schlafe ich auch wieder ein. Die Kirche hat durchaus ihr Gutes, ich bin da für vieles dankbar. Und das ist auch der Grund, warum ich mich jetzt damit auseinandersetze.

Die Fragen wurden im Rahmen einer Pressekonferenz unter anderem von Sabine Oelmann gestellt.

Quelle: n-tv.de