Leben

"Glamourous Grannies" Hat Sexappeal ein Verfallsdatum?

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Jugend - jetzt stark sein! Oma und Opa tun "es" immer noch!

(Foto: imago/Westend61)

Alles im Leben hat seine Blütezeit. Das zunehmende Alter setzt dem Körper jedoch oft Grenzen, die viele als zu früh empfinden. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Sexualität? Unsere Kolumnistin über ein gesellschaftliches Tabuthema.

Fragt man junge Menschen, ob sie sich vorstellen könnten, wie ihre Eltern Sex miteinander haben, hört man oft abschätzige Aussagen wie: "Bäh, bitte nicht!". Es mag ein wenig verständlich sein, als Kind der Vorstellung, die Eltern hätten ein ausuferndes Sexleben, ablehnend gegenüberzustehen. Paradox ist es trotzdem, denn schließlich ist man ja nicht vom Storch gebracht worden.

Nicht wenige Menschen haben ein Problem damit, sich vorzustellen, dass ihre Eltern Sex haben. In diesem Gedankenmodell scheint Sexualität wie eine Art Schmuddel-Konstrukt, das in die Welt, die viele mit ihren Eltern verbinden, nicht so recht zu passen scheint. Noch abstrakter wird diese Vorstellung, wenn wir sie auf unsere Großeltern anwenden. Oma und Opa beim Sex? "Also, ehrlich!", heißt es dann unbedacht, "das ist ja nun wirklich pervers!"

Sex hat nach oben hin keine Altersgrenze

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Auf der anderen Seite wird sie auch offener und emanzipierter. Nahezu jeder von uns ist in diesem Lebensraum von sexuellen Eindrücken umgeben, und ihnen gelegentlich auch ungefragt ausgesetzt. Sex, so wird immer wieder behauptet, sei heute glücklicherweise kein Tabu mehr. Das Paradoxe und zugleich Lächerliche jedoch ist: Erstens, so ganz stimmt das nicht, und zweitens wird Sexualität meist mit Jugend gleichgesetzt, mit Leichtigkeit und strotzender Manneskraft. Wir sehen junge, schlanke, sexy Frauen, die sich ihren ebenfalls jungen, muskulösen Partnern hingeben.

Ohne melodramatisch zu werden: Diese Sichtweise hat etwas von Aldous Huxleys "Schöne neue Welt", in der die älteren, gebrechlicheren, nicht mehr der Norm entsprechenden Menschen einfach verschwinden, ohne dass jemand Notiz davon nimmt. Denn ab einem gewissen Alter wird Sex in unserer Gesellschaft tabuisiert. Kaum einer möchte sich zwei Alte im Bett vorstellen. Warum sind körperliche Leidenschaft und Ekstase in unseren Köpfen nur mit straffer Haut und jugendlichem Esprit kompatibel? Auch die Jungen werden - wenn sie Glück haben - eines Tages alt sein. Wie würde es ihnen gefallen, wenn man ihre Lust im Alter als "ekelhaft" oder "abtörnend" bezeichnet?

Erotik und Sexappeal werden vornehmlich der Jugend - also maximal Menschen bis Mitte 50 - zugeschrieben. Danach sei man eben nicht mehr frisch und knackig. Es wird den Älteren quasi der Sexappeal abgesprochen. Natürlich gibt es immer wieder Versuche, ältere Menschen und ihr durchaus vorhandenes Sexleben in die Mitte der Gesellschaft zurückzuholen. Die US-amerikanische Schauspielerin Jane Fonda, mittlerweile über 80, forderte lange mehr Senioren-Sex im Film. Einem, dem das vorzüglich gelungen ist, ist der Regisseur Andreas Dresen mit seinem Film "Wolke 9". Der Filmemacher sagte über seine Gründe, sich diesem Thema zu widmen: "Es hat mich angeödet, dass die Gesellschaft immer älter wird, es aber nicht die dazugehörigen Bilder gibt - Liebe und Sex hören ab einem bestimmten Alter scheinbar auf zu existieren."

Erotik hat nichts mit Jugendlichkeit zu tun

In dem Film gibt es natürlich auch Sexszenen. Diese sind weder ekelhaft noch furchtbar, sondern in höchstem Maße empfindsam und in ihrer Schamlosigkeit ganz wunderbar. Die Protagonistin Inge geht mit großen Schritten auf die 70 zu. Mit ihrem Gatten Werner ist sie seit 30 Jahren verheiratet, und obwohl die beiden immer noch Sex miteinander haben, beginnt Inge eine leidenschaftliche Affäre mit dem 76-jährigen Karl.

Die Eindrücke, die der Betrachter aus Dresens Film mitnimmt, sind Lichtblicke in der ganzen Debatte um die Tabuisierung von Sex im Alter. Warum fällt es uns nur so schwer, Erotik und Leidenschaft im Zuge des Alterungsprozesses wahrzunehmen? Die körperliche Anziehungskraft eines Menschen hängt von mehr ab als von prallen Brüsten. Evolutionsbedingt und vom Trieb der Fortpflanzung folgen wir natürlich nur unserer biologischen Programmierung. Aber sollten wir in puncto sexueller Reize inzwischen nicht schon mehr sein als ein Tier?

Das ästhetische Empfinden unserer Gesellschaft ist auf die Jugend ausgerichtet. Frauen ab einem gewissen Alter wird der Sexappeal regelrecht abgesprochen. Dabei hat Erotik nichts mit straffer, faltenfreier Haut zu tun. Erotik ist auch eine Frage der Haltung, von Charisma, Würde und Lebensweisheit. Wenn sich aber ein jüngerer Mann wegen genau dieser Attribute zu einer älteren Frau hingezogen fühlt, wird dies gern so abgetan, als lebe er lediglich einen Fetisch aus, frei nach dem Motto: Der steht halt auf Omas.

Immer mehr Senioren haben Sex

Natürlich gibt es auch Pornofilme, in denen ältere Frauen mitwirken. Die Rubriken tragen Titel wie "Old Ladies, Young Men", "Versaute Oma will's wissen" oder "Glamourous Grannies". Das Sexleben Älterer wird allenfalls in einer Sparte aufgeführt, inklusive des Schmuddel-Bildes von der nymphomanen Seniorin. Dass diese Bilder dem Thema Sex und Erotik im Alter nicht im Geringsten dienlich sind, braucht man nicht näher auszuführen.

Sex sollte unser Leben bis ins hohe Alter ohne dumme Sprüche und schiefe Blicke begleiten dürfen. Denn ob einige es sich nun vorstellen können oder nicht: Viele Menschen Ü-65 haben Sex. Laut einer Studie der Humboldt-Universität fanden Forscher heraus, dass ihnen der Sex sogar wichtiger geworden ist, als er es noch vor 10 oder 20 Jahren war.

Dem Artikel zur besagten Studie, erschienen in der Fachzeitschrift "Sexuality Research and Social Policy", ist auch zu entnehmen, dass vor allem Frauen "ihre Sexualität heute freier und ungezwungener ausleben und genießen können". Folgendes jedoch verwunderte die Forscher: Gemessen daran, dass Sex heutzutage für viele Ältere wichtiger denn je ist, empfinden viele Befragte nicht gleichzeitig auch mehr Freude. Warum das so ist, wollen die Experten für Altersfragen nun weiter ergründen.

Viele ältere Menschen pflegen also ein reges Sexualleben. Erst kürzlich hat mich beispielsweise ein Leser (er und seine Partnerin sind Ende 60) auf der Suche nach einem Buch-Verlag in sein lustvolles Sex-Tagebuch hineinlesen lassen. Von erotischen Massagen über einen Ausflug in einen Swinger-Club war alles dabei. Definitiv sind die beiden, was ihre Sexualität betrifft, nicht außen vor, sondern mittendrin.

Quelle: ntv.de