Leben

In Vino Verena Wie viel Spaltung ertragen wir noch?

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Spricht von einer "dramatischen Lage": Bundeskanzlerin Angela Merkel.

(Foto: imago images/Emmanuele Contini)

Impfpflicht für Pflegeberufe, 2G im ganzen Land, Scheinimpfungen: Corona bestimmt die Schlagzeilen und unser Leben. Derweil schreitet die Spaltung der Gesellschaft voran. Wann haben wir vergessen, dass es nur zusammen geht?

Kanzlerin Angela Merkel spricht dieser Tage wieder einmal von einer "dramatischen Lage". Von einer Impflücke ist die Rede, weniger von Verantwortung und Vorbeugung. Indes hat der Bundestag ein neues Infektionsschutzgesetz auf den Weg gebracht, schließlich läuft die "epidemische Lage von nationaler Tragweite" - zumindest auf politischer Ebene - bis zum 25. November aus. Damit wollen auch die Ampel-Parteien zeigen, dass sie den Ernst der Lage begriffen haben. Wahlkampf war gestern, meint man. Oder doch nicht?

Auffrischungsimpfung ab 18 Jahren, Grundimmunisierung, Boosterimpfung: Liebe Leser, qualmt Ihnen auch so der Kopf? Das permanente Verschieben von angestrebten Richtlinien zur Verbesserung der Corona-Situation: Manchmal frage ich mich, ob die Entscheidungen gewürfelt werden. Das hat nichts damit zu tun, dass die Lage dynamisch ist. Ich glaube, das hat mittlerweile jeder verstanden. Und ja, es treten fortwährend neue Mutationen auf, die Statistiken und Lösungsansätze über den Haufen werfen können. Nur liebe selbst ernannte Verantwortliche, dann kommuniziert das auch flächendeckend so! Und zwar von Anfang an!

Jeder, der auch nur im Ansatz weiß, wie ein durchschnittlicher Politiker tickt, hat mitbekommen, dass in den Sommermonaten dieses Superwahljahres Themen wie Lockdown, 2G- oder 3G-Regeln nicht sonderlich populär waren. Warum auch? Corona ist in den warmen Monaten - das haben wir aus dem Jahr 2020 gelernt - im Grunde meist schon so gut wie besiegt. Und wer wählt schon jemanden in den Bundestag, der es wagt, das Wort Impfpflicht in den Mund zu nehmen?

Wir brauchen einen Wellenbrecher in den Köpfen

Deutschland wird dieser Tage unter der vierten Corona-Welle buchstäblich begraben. Damit bricht erneut eine Zeit an, in der von den sogenannten Wellenbrecher-Maßnahmen gefaselt wird. Man kann sich das in etwa so vorstellen, als würde man Küsten-Anlagen zur Brechung der Wellen installieren, während um einen herum gerade ein Supersturm und ein Tsunami toben. Unter vorausschauendem Handeln stelle ich mir zwar etwas anderes vor, aber gut, ich bin ja auch keine Politikerin.

Was die unkoordinierte und mehr auf beruflichem Kalkül als auf Logik und gesellschaftlicher Verantwortung fokussierte Corona-Politik erreicht hat, ist, dass die bereits existierenden Gräben in unseren Städten und Kommunen nur noch tiefer geworden sind. Ich will wirklich nicht pessimistisch oder melodramatisch klingen, aber ein Bruch geht durch unser Land. Durch den Bundestag, durch unsere Arbeitsstätten, unseren Freundeskreis, unsere Familien. Wir haben uns in Geimpfte und Ungeimpfte einteilen lassen. In die und in wir.

Jeder fünfte Deutsche nicht gegen Corona geimpft

Jeder fünfte Deutsche ist nicht geimpft. Viele haben es auch weiterhin nicht vor. Man kann jetzt natürlich über die Unwilligen herfallen und ihnen Ignoranz und nicht vorhandene Solidarität vorwerfen. Ich verstehe das! Wirklich! Aber es bringt nichts! Außer, dass die Gräben nur noch tiefer werden.

Sich nicht impfen lassen: In den sozialen Medien sehe ich dieser Tage, wie Leute sich für diese Entscheidung feiern, als haben sie eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewonnen. Es ist sogar ein ganzer Tiktok-Trend von tanzenden Impfverweigerern entstanden. Spritze in den Arm? "Oh no no no no no!" Menschen fühlen in ihrem Trotz eben auch so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl. Und das schweißt zusammen in Zeiten, in denen Impfskeptiker klagen, man würde sie "wie Menschen zweiter Klasse" behandeln.

Wir können uns darüber aufregen. Wir können Impfgegner anschnauzen und fragen, ob sie noch ganz rundlaufen. Wir können aber auch versuchen, einander zuzuhören und zu überzeugen. Und zwar mit stichhaltigen Argumenten. Ohne Krawall, ohne Anschuldigungen. Was wir jetzt dringend brauchen, ist ein Wellenbrecher in den Köpfen.

Aus der Corona-Krise kommen wir nur gemeinsam

Einen Streit zu beenden, ist immer schwerer, als ihn zu beginnen. Das lehrt uns nicht nur die Geschichte, sondern auch unser persönliches Umfeld. Ich bin geimpft. Von einigen Impfgegnern wurde mir vorgeworfen, ein dämliches Schaf zu sein, das immer brav mäh blökt, wenn die Regierung etwas festlegt. Mir wurde in Leserbriefen sogar eigenständiges Denken abgesprochen, während die Impfgegner mir selbstredend die Welt und die Wahrheit hinter Corona erklären wollten. Macht mich das wütend? Nicht mehr. Stattdessen spüre ich eine große Müdigkeit und Erschöpfung.

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In den sozialen Medien tobt bereits ein regelrechter Krieg der Worte. Klar, wir können uns gern gegenseitig mit Anschuldigungen und Anfeindungen überziehen. Uns weiter das Leben schwer machen und ausharren ob der Dinge, die da auf uns zukommen. Und das werden sie. Eines aber sollte jedem von uns klar sein: Wenn wir es nicht schaffen, einen gemeinsamen Weg aus dieser Krise zu finden, ist die fünfte und sechste Corona-Welle mit noch gefährlicheren Virus-Mutationen nur eine Frage der Zeit.

Dem Virus nämlich ist alles wurscht. Unsere Unzufriedenheit, unsere Politikverdrossenheit, unser Trotz. Jedwedes unachtsame Verhalten lässt es nur weiter gedeihen. Wir müssen unsere persönlichen Befindlichkeiten zur Seite schieben. Es geht um uns alle. Denn letzten Endes lautet die Frage: Wie viel Spaltung erträgt eine Gesellschaft, bevor sie zerfällt?

Quelle: ntv.de

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