Leben

Mode ganz natürlich Kleider und Farben aus dem Gemüsekorb

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"Ich bin so etwas wie eine moderne Alchemistin", sagt Eleonora Riccio über ihre Arbeit als Modedesignerin.

(Foto: Eleonora Riccio)

Eleonora Riccio setzt auf Natur. Ihre Farbpalette braut die italienische Modedesignerin aus Gemüse-, Obst- und Pflanzenresten zusammen. Dabei fühlt sie sich wie eine Alchemistin und haucht alten Modetraditionen neues Leben ein. Gut für die Umwelt sind ihre Farben auch.

Gäbe es den Blumenhändler um die Ecke nicht oder den Besitzer des Cafés nebenan und dann noch den Gemüsestand am Wochenmarkt, gäbe es auch Eleonora Riccios Modekollektion nicht. Denn aus den Rosenblättern des Blumenhändlers, den Schalen der ausgepressten Granatäpfel aus dem Café und den Zwiebel- und Artischockenschalen vom Markt braut sie die Farben für ihre Kollektionen. Aus Zwiebelschalen wird ein Altrosa, aus rotem Blumenkohl ein heller roter Ton, aus Artischocken und Olivenbaumblättern unterschiedliche Grünnoten. Das alles geschieht nicht in irgendeinem von Dämpfen gesättigten Hexenlabor, sondern in Riccios Atelierwohnung in Monteverde, einem grünen Stadtviertel Roms. "Ich bin so etwas wie eine moderne Alchemistin" erklärt die Modedesignerin mit einem verschmitzten Lächeln bei einem Treffen mit ntv.de in Mailand.

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Aus Rosenblättern, Granatapfel-, Zwiebel- und Artischockenschalen braut Modedesignerin Eleonora Riccio die Farben für ihre Kollektionen.

Vor zwei Jahren hat sie ihr Label Eleonora Riccio registrieren lassen. Ein Schritt, der nicht risikofrei war. Immerhin muss sie sich mit großen, seit Jahrzehnten auf dem Markt bewährten Marken messen. Doch als sie den Entschluss fasste, wusste sie auch schon ganz genau, welche Nische sie nutzen wollte. Der Trend zurück zu organischen Fasern ist zwar nicht mehr ganz neu, doch in der Branche hatte sich bis jetzt niemand mit der Herstellung von Farben aus Naturprodukten beschäftigt. Und darauf zielt ihr Projekt.

Die Leidenschaft für die Mode wurde der heute 39-Jährigen schon in die Wiege gelegt. Ihre Mutter hatte in den 60er-Jahren für namhafte italienische Designer, darunter Emilio Cappucci und Emilio Schuberth, gearbeitet. Und auch zu Hause schneiderte sie des Öfteren, ihre Freundinnen baten sie immer wieder, ihnen doch ein Kleid anzufertigen. "Und es waren wunderschöne Kleider, die sie da aus den Stoffen zauberte", erinnert sie sich. Während ihre Mutter an der Nähmaschine arbeitete, saß die kleine Eleonora unter dem Tisch, sammelt die Stoffreste und machte daraus Puppenkleider.

Die Symbolkraft der Farben

Nach dem Abitur besuchte Riccio die Accademia del Costume e della Moda in Rom und schloss ihr Studium mit einer Diplomarbeit über die Geschichte der natürlichen Farbpigmente ab: von den Felsmalereien über Leonardo, Goethe, Dalì bis hin zur Mode. "Farben nimmt man normalerweise eher oberflächlich wahr", bemerkt sie. "Doch, um es mit Kandinsky zu sagen, versteckt sich in ihnen eine wundervolle Welt der Symbole. Und diese Welt fasziniert mich."

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Eleonora Riccios Mode ist ganz natürlich.

(Foto: Eleonora Riccio)

Die Kunstakademie hatte ihr einen soliden kulturellen Background verschafft, jetzt brauchte sie die Praxis und so arbeitete sie eine Zeit lang bei Ferré und dann bei Ferragamo. Es folgten zwei Wanderjahre, sie ging nach London. "Eigentlich sollte es nur ein Sommeraufenthalt sein, am Ende wurden es zwei Jahre, in denen ich meinen Beruf an den Nagel hängte." Zuerst jobbte sie als Kellnerin in einem Café, danach als Sekretärin bei einer Dame, die Wohnungen an Künstler vermietete und bei der der Fünf-Uhr-Tee ein Muss war. Während ihres Aufenthalts lernte sie die Sprache und erkundete die Stadt. "London ist eine einmalige Stadt. Die Blumenpracht der Kew Gardens hatte es mir besonders angetan. Trotzdem, wirklich verliebt habe ich mich nicht." Und so packte sie eines Tages wieder ihre Sachen und kehrte nach Rom zurück.

Manchmal brauche es eben eine Auszeit, damit es wieder funkt, meint sie rückblickend. Jetzt war sie bereit, sich selbständig zu machen. Ihr Label sollte etwas Besonderes sein und mit der Natur eng verflochten. Und so kam sie auf die Idee, Farben aus Pflanzen und Gemüse selbst herzustellen. "Ich kam mir wie Alice im Wunderland vor", erinnert sich Riccio. "Denn ich entdeckte, dass alles, was ich dazu benötigte, schon vorhanden war. Nur wusste ich es nicht."

Womit sie die Landwirtschaft meint. Immer mehr Landwirte versuchen nämlich, für ihre Produkte beziehungsweise Abfallprodukte neue Abnehmer zu finden. Die Modebranche ist dabei besonders interessant, denn durch sie ließe sich eine Produktionskette aufbauen, die laut dem Dachverband der Landwirte Confederazione Italiana Agricoltori (CIA) einen Marktwert von 30 Milliarden Euro darstellt. Und so war es auch der zur CIA gehörende Verband Donne in Campo (ein Wortspiel, das man mit "Frauen auf dem Feld" übersetzen kann), der als Erster auf Riccio aufmerksam wurde. Im vergangenen September wurde sie eingeladen, in Rom ihre Modekreationen unter dem Titel "Landschaften zum Anziehen" vorzustellen. Bei dieser Gelegenheit registrierte der Verband auch die Marke "Agritessuto", landwirtschaftliche Textilien.

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Inspirationen aus der Natur: Roccios Zeichentisch.

(Foto: Eleonora Riccio)

"Es war die Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft, die zum weltweiten Ruhm der Marke Made in Italy maßgeblich beigetragen hat", meint Riccio. Schafwolle, Leinen, Seide, all das wurde einst in Italien hergestellt. Auch sie achtet darauf, ihre Materialien, angefangen bei den Textilien aus Bio-Naturfasern, aus der nahen Umgebung zu beziehen. Für die Anfertigung der Kleider setzt sie eine kleine Gruppe von Näherinnen und Stickerinnen aus der Umgebung ein. Das ist nicht nur nachhaltig, sondern fördert zudem auch die lokale Kreislaufwirtschaft.

Ihre Modelle, zu denen seit Kurzem auch eine Prêt-à-Porter-Linie gehört, verkauft sie zum Großteil noch über Mund-zu-Mund-Werbung oder Pop-up-Stores. Riccio investiert noch immer in die Vertiefung ihres Wissens. Im Moment hat es ihr besonders der Färberwaid angetan, der auch unter dem Namen Deutsches Indigo bekannt ist. Und dann ist da noch der Öko-Druck. Dafür werden die Blätter auf den gebeizten Stoff gelegt und dieser dann um einen Holzstab gewickelt, auf diese Weise wird auch die Form der Blätter vom Stoff festgehalten. Jedes Tuch und jeder Schal wird somit zum Unikat. Riccios Reise ins Wunderland der Natur und der Farben hat erst begonnen.

Quelle: ntv.de