Leben

Männer? Die Kolumne. Masken machen Leute

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Trägt die Farben dieses Frühlings: Polit-Model Markus Söder.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wer hätte vor ein paar Monaten noch gedacht, dass Markus Söder mal zur Stilikone werden würde? Unser Kolumnist mit Sicherheit nicht. Nun zerbricht er sich den Kopf darüber, was Corona, Mode und Sicherheit in unsicheren Zeiten miteinander zu tun haben.

Kleider machen Leute, das ist nun wirklich nichts Neues. Neu ist dafür, dass auch Masken Leute machen - und zwar noch viel (ausdrucks-)stärker, wie meine absolut nicht repräsentativen Feldbeobachtungen in den vergangenen Wochen gezeigt haben. Alleine seit Einführung der Maskenpflicht sind mir in loser Reihenfolge begegnet: Mehrere Männer mit Camouflage-Motiven, eine Handvoll lachender Totenköpfe, Horrorclowns im Dutzend, ein paar feuerspeiende Drachen und ein süddeutscher Ministerpräsident, dessen breitbeinige Atemluft quasi durch das Weiß-Blau seiner Landesfarben gefiltert wird.

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Beruhigend: Pestmaske

(Foto: picture alliance / Johannes Stei)

Die Typen mit den auffälligen Masken waren allesamt, genau, Typen. Frauen bevorzugen allem Anschein nach in diesen eher düsteren Zeiten dagegen vor allem florale oder anderweitig farbenfrohe Muster - in Wien ebenso wie in Berlin, Hamburg und Brandenburg, das haben zumindest meine stichprobenartigen Nachfragen bei Familie und Freunden ergeben.

Beim Nachdenken über die Frage, warum vergleichsweise viele Männer auf martialische, patriotische oder sonst wie Stärke signalisierende Motive setzen, trieb irgendwann ein längst vergessenes Zitat aus dem Meer meiner jugendlichen Erinnerungen an die Oberfläche: "Je größer die Prahlerei, desto größer der Zweifel des Prahlers. Je stärker die Rüstung, desto schwächer der Mann in ihr." Es stammt nicht etwa von einem antiken Philosophen, sondern aus "Red Sonja", einer Groschenromanreihe mit wahlweise amazonenhaft-feministischem oder barbarisch-sexistischem Hintergrund aus dem Conan-Universum (Schwarzenegger!), was den Erkenntnisgewinn meiner Meinung nach allerdings um nullkommanull Prozent schmälert.

Masken aus BH-Stoff

Auf die heutige Zeit übertragen könnte man sagen: Männer gehen mit der massiven Unsicherheit, die diese ganze Corona-Misere mit sich bringt, grundanders als Frauen um. Das würde nicht nur erklären, warum sich seit Wochen fast ausschließlich Männer als Krisenmanager und Corona-Helden gerieren, sondern eben auch die Häufung von Masken, die ausdrücken wollen, dass der Träger nicht nur im Stehen pissen kann, sondern das auch noch mindestens anderthalb Meter weit.

Huch, jetzt bin ich doch glatt wieder ins Gesellschaftspolitische abgerutscht, dabei wollte ich doch eigentlich vor allem über Mode schreiben. Alles in allem finde ich es nämlich wahnsinnig spannend, dem nicht nur männlichen Bedürfnis nach Distinktion beim Arbeiten zuzusehen: Noch vor ein paar Wochen, als die Not groß und der Vorrat an Masken klein war, war es den Leuten völlig wurscht, ob sie mit einem Mickey-Maus-Motiv oder dem verwaschen-lindgrünen OP-Standardmodell durch die Gegend liefen. Seit es die Dinger praktisch an jeder Straßenecke zu kaufen gibt, hat sich das grundlegend geändert: Man ist, was man trägt, Masken machen Leute.

Es gibt jetzt zum Beispiel hochpreisige Modelle aus "japanischem Denim" und "edlem Krawattenstoff" für den anspruchsvollen Geschäftsmann, die mit einer dreistelligen Summe zu Buche schlagen. Es gibt LED-Masken, die blinken, wenn jemand den Mindestabstand unterschreitet, und solche aus BH-Stoff, die vor allem in Japan der Renner sind - endlich auch auf offener Straße ungeniert dem eigenen Fetisch frönen und an Damenunterwäsche schnuppern, herrlich. Und natürlich gibt es auch diese mittelalterlichen Pestmasken mit den langen Schnäbeln, die unter Garantie eine beruhigende Wirkung auf die Mitmenschen haben.

Blau-weißer Brülllöwe

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Im familiären Fotoalbum leider nicht mehr auffindbar: die Gesamtkollektion inklusive Sabbertuch.

Ich war lange Zeit unentschieden, welches Statement ich selbst eigentlich mit meiner Maskenwahl abgeben will - oder ob ich das überhaupt tun möchte. Der Söder-Look zum Beispiel hat mir ja schon imponiert: In aller Öffentlichkeit eine Maske zu tragen, die überall außerhalb von Nieder- und Oberbayern für Ablehnung sorgt, und das dann auch noch als unüberhörbarer Franke, das hat was von "Im Körper des Feindes" mit Nicolas Cage, dazu braucht man Eier.

Ich hätte es wahrscheinlich trotzdem nicht in die Tat umgesetzt, hätte meine Mutter, die ich dank der Erlaubnis des bayerischen Eiermanns seit heute wieder besuchen darf, mir die Entscheidung nicht abgenommen. Als sie mich am Bahnhof der oberfränkischen Kleinstadt abholte, der unserem Heimatdorf am nächsten liegt, fiel mein Blick auf eine wirklich sehr hübsch genähte Maske: Kleine blau-weiße Rauten waren darauf zu sehen, am Rand außerdem ein teilweise abgeschnittener brüllender Löwe.

Urplötzlich überfluteten mich Kindheitserinnerungen, die ich nicht ganz einordnen konnte - bis mir meine Mutter erklärte, warum: Die Bayernmaske war ursprünglich eines der Halstücher, die mir als Kleinkind umgebunden wurden, weil sie an einem Lederhose tragenden Lockenschopf offenbar nicht nur ziemlich süß aussahen, sondern vor allem eine beträchtliche Menge Sabber aufnehmen konnten. Ziemlich genau 33 Jahre später endlich wieder ungestört sabbern zu dürfen und dabei von der Außenwelt je nach Perspektive und Aufenthaltsort für einen grundsoliden Bayern, durchgeknallten Lokalpatrioten, unverbesserlichen Söder-Fan oder ironisierenden Hipster gehalten zu werden, die Vorstellung gefiel mir auf Anhieb. Jeder braucht eine Möglichkeit, mit seiner eigenen Unsicherheit umzugehen, Provokation ist eine davon - augenscheinlich eine ziemlich männliche.

Quelle: ntv.de