Leben

One Woman Show "Mir gefällt alles, bin nicht sehr kritisch"

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Der Dialog mit dem Leser ist essenziell.

"Ich habe heute früh bei n-tv Nachrichten geschaut und von der Sprecherin hat mir das Oberteil so gut gefallen. Können Sie mir sagen, welche Marke das ist? Vielen Dank." Wenn doch nur alle Leserzuschriften so einfach zu beantworten wären, denkt sich unsere Kolumnistin.

Meine ersten Lesermails, die ich noch finde, reichen ins Jahr 2004 zurück. Ein paar habe ich mir aufgehoben, denn immer wieder sind Anregungen dabei, kluge Kommentare, aber auch so richtig schlimme Frechheiten. Über die kann man auch nach 15 Jahren noch herzlich lachen. Jetzt, da sie größtenteils verjährt sind, wollte ich sie alle mal löschen, fand einige dann aber doch zu gut, um sie ins Jenseits zu befördern. Und der jüngste Kommentar eines Lesers zu einem Interview hat mich nachdenklich gemacht, er schreibt: "Hallo Frau Oelmann, Sie sind nicht der/die Einzige, die dem Charme von Leslie Mandoki erliegen. Man kann auch sagen: immenser Druck. Wenn Leslie ein Presseopfer riecht, dann kann er verdammt charmant das durchsetzen, was er will. Es klingt alles so überzeugend, was er von sich gibt. Er kann so betörend sein, auch am Kochtopf. Ich glaube ihm aber erst wieder, wenn er seinen Viktor-Orbán-Orden* zurückgegeben hat. Das hätte Format. Das habe ich ihm schon vor Jahren gesagt. In Ihren Artikeln kommt er rüber wie eine Lichtgestalt. Können Sie nicht einen Gang zurückschalten?"

Tja, was sollte ich da machen? Auf keinen Fall einen Gang zurückschalten, schon gar nicht bei Interviews, ich habe geantwortet: "Lieber Leser, vielen Dank für Ihren Hinweis, dass ich nicht die Einzige bin, die dem Charme von Herrn Mandoki zu erliegen droht. Ich betrachte mich mitnichten als Presseopfer unter Druck, und ich entscheide selbst und in der Redaktion, mit wem ich spreche und worüber ich berichte. Es kann uns niemand kaufen. Da Sie schreiben, dass Herr Mandoki was am Kochtopf kann, nehme ich an, Sie waren bei ihm zu Hause und haben sein Gulasch gekostet? Also ich nicht. Obwohl ich eingeladen war. Aber so leicht wickelt mich eben doch keiner um den Bart, sei er auch noch so schön. Kann sein, dass ich Herrn Mandoki ganz interessant finde und seine Musik mag. Alles egal, mein Hauptantrieb ist der Gedanke, dass es unsere Leser interessieren könnte. Genau, wie die fünfhundertste Meldung über Kim Kardashian, Bauer sucht Frau, die Höhle der Löwen, Til Schweiger, Miley Cyrus oder Barbara Schöneberger. Hoch lebe die Vielfalt!"

Barbara Schöneberger singt in ein Mikrofon. Foto: Boris Roessler/Archiv

Sagt gern, was sie denkt: Barbara Schöneberger.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Wir sind frei!

Apropos Barbara Schöneberger, für die hab' ich auch Kloppe gekriegt. Weil ich verteidigt habe, was sie sagte. Dabei muss man ja nicht lesen, was einem nicht gefällt. Wir sind frei! Das ist so toll an unserer Gesellschaft, an unserer Demokratie, an unserer Meinungsfreiheit. Am unkompliziertesten sind natürlich Kommentare wie der in der Überschrift: "Mir gefällt alles, bin nicht sehr kritisch." Das ist süß, aber auch etwas zu wischi-waschi. Zumindest aber machen einem solche Leser keine Angst.

Meist geht es ja um unterhaltende Themen in meinen Texten, und da kann es schon mal passieren, dass Leser sich wie folgt äußern: "Gerade Journalisten sollten nicht anderen Menschen den Mund verbieten wollen, weil sie sich, offensichtlich, für besonders schlau und überlegen halten." Nun, da hat der Leser oder die Leserin etwas falsch verstanden: Für besonders schlau und überlegen halte ich mich gar nicht, nur für mittelschlau und mittelüberlegen, alles relativ, schon klar. Bei den bösen Zuschriften, denen, die einem schon mal die Nackenhaare aufstellen können, handelt es sich ganz oft um die Zuschriften von Lesern oder Leserinnen, die die Texte leider gar nicht zu Ende gelesen haben. Technisch durchaus verzeihlich, intellektuell-humoristisch eher schwerer, wenn man dann rumpöbelt. Denn manche lesen eben auch nicht zwischen den Zeilen.

Trau dich, #MILF

Was habe ich mich schon vor alten weißen Männern gefürchtet, die ich vor der Redaktion rumlungernd wähnte, als ich mal einen - Gott hab' ihn wirklich selig, ich vermisse ihn sehr - Udo-Jürgens-kritischen Text geschrieben hatte. Dabei habe ich damals nur darauf reagiert, dass er Frauen über 40 - als über 70-Jähriger - die Lust am Sex (wenn nicht gar die Möglichkeit dazu) absprach, für sich aber in Anspruch nahm, dass es mit unter 40-Jährigen eben am schönsten in der Kiste sei. Naja, da ging einiges in die Hose und ich würde Derartiges so vielleicht nicht mehr schreiben, denn sie sterben aus, unsere Dinosaurier, und das macht mich zumindest auch ein wenig trauriger. Ältere Herren reagieren auf Kritik an Thommy Gottschalk, Roberto Blanco und wie gesagt Udo Jürgens am heftigsten, wobei das Beste an der Sache ja ist, dass die, die da im Mittelpunkt stehen, die sind, die am coolsten reagieren: Der Star an sich ist nämlich nicht kleinlich!

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"Ich habe heute früh bei n-tv Nachrichten geschaut und von der Nachrichtensprecherin hat mir das Oberteil so gut gefallen. Können Sie mir vielleicht sagen, welche Marke das ist? Vielen Dank und ein schönes Weihnachtsfest." (Auf dem Foto: n-tv-Moderatorin Uta Georgi in einem schönen Oberteil im Jahr 2000)

(Foto: imago stock&people)

Am heftigsten reagieren junge Frauen hingegen, wenn man eine der ihren falsch thematisiert. Aus den Zuschriften zu einem Lena-Meyer-Landrut-Text bezüglich einer gewissen Textil-Armut an, in meinen Augen, unpassender Stelle hat mir eine (junge!) Lieblingskollegin immerhin ein mehrere Stunden dauerndes Trinkspiel namens "Neidische Alte" basteln können: Immer, wenn man eine Karte mit Leserkommentaren zieht, auf denen "Neidische Alte" oder "neidisch" oder "Alte" vorkommt, trinkt man. Sie können sich vorstellen, wie schnell man da unterm Tisch liegt, denn die Zuschriften bestanden zu 80 Prozent aus diesen Worten. Schwamm drüber.

Ich freue mich natürlich sehr, wenn jemand schreibt: "Ihr Scharfsinn und Ihr Witz sind einmalig - schön wenn n-tv solche Autoren hat." Ich wachse aber an den konstruktiven Mitteilungen der Erklärbären: "Warum sind so viele ältere Männer mit jungen Frauen zusammen? Ganz einfach: Weil Frauen über 40 für die allermeisten Männer sexuell weniger attraktiv sind als, sagen wir mal, Frauen um die 20. Dies den Männern zum Vorwurf zu machen, ist in etwa so, als ob man einem Baby vorwerfen würde, dass es nach der Mutterbrust verlangt." Ich denk' da nochmal drüber nach. Stelle aber bereits nach kurzer Zeit fest: Ältere Männer und jüngere Frauen haben mehr gemeinsam, als man denkt.

Muss mal gesagt werden

Überhaupt - wenn andere Frauen mir etwas zu sagen haben, lasse ich mir das durch den Kopf gehen: "Ach & weißt du was," schrieb C. einmal, "auch ältere Frauen können richtig, richtig sexy sein. Glaub mir. Trau dich #MILF, du hast nichts verstanden". Ich gebe zu, das macht mich irgendwo betroffen, das zieht nicht einfach an mir vorbei, doch in diesem Leben geht es zum Glück immer weiter, und deswegen rettet mich auch gleich wieder eine andere Schwester mit ihren Worten: "Immer guten Mut und Freude an dem, was Sie tun! Was Sie sagen, musste mal gesagt werden: Dass Frauen keine besseren Menschen sind. Dass man als Frau mit manchen Frauen wirklich nicht im gleichen Raum sein müsste." Ich weiß gar nicht mehr so genau, worum es da ging, aber die Mail hab' ich noch.

Am Schönsten ist es jedoch, Gleichgesinnte unter den Lesern zu wissen oder gar welche, die noch lernen wollen. "Seitdem bewundere ich Menschen, die auch ohne Extremerfahrungen über ein großes Schreibtalent verfügen, und versuche zu verstehen, wie man beschließt, das zu seinem Lebensinhalt zu machen. Ich selbst bin nur ein Wirtschaftler, der sich einfach nicht vorstellen kann, welcher Weg hinter einer Frau wie Ihnen liegen muss, um das ausüben zu dürfen, was Sie gerade tun." Dazu kann ich nur sagen: Danke für die Blumen, und ja: Dieser Weg war und wird kein leichter sein. Er ist jedoch der einzige, den ich gehen kann.

*Leslie Mandoki bekam den ungarischen Verdienstorden als Ausländer für sein künstlerisches Wirken

Quelle: n-tv.de