Leben

Kunst gegen Konservatismus Monica Bonvicini regt an - und auf

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Nur wer über den Teppich läuft, kommt in die Ausstellung "Lover's Material" in Bielefeld.

(Foto: Studio Monica Bonvicini / VG Bildkunst)

Sie hasst das Wort Dialog, Konfrontation ist ihr Thema: Monica Bonvicini denkt mit ihrer Kunst gerne groß, ihre Installationen füllen Räume. Ledergürtel, Stahlketten, Stacheldraht erwischen einen kalt, Spiegel oder Licht hingegen betören. ntv.de hat sie in ihrem Atelier besucht.

Sie öffnet die Sinne, verführt zum genauen Hinschauen und provoziert gleichzeitig: Monica Bonvicini. Egal wo ihre reduzierten Skulpturen, Objekte und Installationen aus aggressiven Ledergürteln, grellem Neonlicht oder unterkühlten Stahlkonstruktionen gezeigt werden - sie erregen Abscheu oder verschaffen kontemplative Momente. In jedem Fall sorgt die Italienerin, die seit Mitte der Achtzigerjahre in Berlin lebt, für Diskussionen. Es geht um Sperriges. Skandalöses wie Sexualität, wichtige Gleichstellung der Geschlechter, nervige patriarchische Strukturen, aber auch Kapitalismus, Macht, Migration und Klimawandel. Gut so, denn Kunst muss politisch aufgeladen sein "und das Bewusstsein für bestimmte Themen schaffen", sagt die Künstlerin n-tv.de in ihrem Atelier.

Beim Klingeln schallt mir die Internationale aus ihrem etwas versteckt liegenden Studio im Berliner Stadtteil Wedding als Klingelton entgegen. Provokation oder der schlichte Hinweis auf den sozialistischen Gedanken, dass jeder ein Arbeiter ist - auch die Künstlerin? Unbedingt Letzteres. Auch wenn der marxistische Gedankengang vielleicht etwas komplizierter ist, aber "wir als Künstler sind ja auch eine Art Arbeiter - wir schaffen Kunst mit den Händen." Die 55-Jährige kommt morgens als Erste ins Atelier und verlässt es als Letzte. "Ich arbeite an vielen Themen gleichzeitig. Konzentriert an einem Thema zu bleiben, ist schwer, weil viele meiner Projekte parallel laufen."

Geht nicht gibt's nicht

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"As Walls Keep Shifting" lautet der Name des Hauses der Künstlerin, das um die Welt tourt. Hier bei der Biennale in Busan 2020

(Foto: Busan Biennale/ VG Bildkunst)

Monica Bonvicini zählt zu den bedeutendsten Gegenwartskünstlerinnen. Sie füllt mit ihrer Kunst die Museen in der ganzen Welt, bespielt öffentliche Plätze in London oder Oslo mit Skulpturen, gewinnt Preise wie den Goldenen Löwen der Kunst-Biennale Venedig und ist Professorin an der Universität der Künste in Berlin. In diesem Jahr wird sie eine Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur kuratieren und arbeitet sich dafür in die Tiefen der Arte Povera ein. Aktuell sind ihre Werke von Bielefeld, München, Düsseldorf oder Stuttgart bis nach Rom und Brüssel in insgesamt elf Ausstellungen präsent. Dass viele Museen pandemiebedingt geschlossen sind, ist "natürlich unheimlich frustrierend", aber gerade leider nicht zu ändern.

Die Bildhauerin zeichnet auch, fotografiert, macht Drucke aus Aluminium. In Turin hat sie ein Haus aus Holz gebaut. 2020 war es auf der Biennale in Busan zu sehen und jetzt ist es auf Welt-Tournee. In diesem Haus finden auch Performances statt; sie kreisen um Themen wie Gewalt oder Krankheit. Viele ihrer raumfüllenden Kunstwerke entwirft sie am Computer. Oft werden die Arbeiten aber vor Ort gebaut und so sieht Monica Bonvicini das Ergebnis erst, wenn es fertig ist. "Es ist spannend zu sehen, ob das, was ich mir vorstelle, dann auch funktioniert." Geht nicht, gibt es bei ihr nicht. Sie liebt es, auch sich selbst mit ihren Kunstwerken herauszufordern. Mit dem Ergebnis, dass "ich immer genau das sage, was ich sagen möchte".

Sie ist nicht zu überhören, denn ihre Installationen sind groß. Sehr groß! Da schwingt schon mal eine meterlange Peitsche wie ein Besen fauchend und scheinbar unkontrolliert durch den zehn Meter hohen Raum wie in der Berlinischen Galerie vor drei Jahren. Damit die Choreografie stimmte, lag die Künstlerin stundenlang mit dem Programmierer auf dem Boden des Museums. "Das Geräusch der Bewegung hatte schließlich etwas von Atmen. Die Leute haben total unterschiedlich reagiert." Und jeder mag etwas anderes assoziiert haben.

Schmutz und Lärm

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Als Neon-Tattoo strahlt Bonvicinis neueste Arbeit in die Stockholmer Winter-Dunkelheit.

(Foto: David Puig/ VG Bildkunst)

Zu Beginn ihrer Karriere ließ sie den Boden der Wiener Secession unter einem zersplittern, sobald er betreten wurde. Ihre Installationen machen Schmutz und auch mal Lärm, liefern körperliche wie intellektuelle Erfahrungen. Die Werkstoffe könnten unterschiedlicher nicht sein und trotzdem tragen sie eindeutig ihre Handschrift. "Immer neue Materialien sind auch eine Aufgabe für mich selbst. Nicht dass ich mich langweile, aber es ist komisch, wenn einer immer nur das Gleiche macht. Deswegen produziere ich nicht so wahnsinnig viele Arbeiten."

Ihre neueste Skulptur, ein Neon-Tattoo, leuchtet seit Mitte Dezember am italienischen Kulturinstitut in die Stockholmer Winter-Dunkelheit. Der Schriftzug Power, Joy, Humor, Resistance buhlt vom Dach des von Gio Ponti entworfenen Gebäude um Sichtbarkeit. Was für eine geglückte Allianz. Ponti ist eine italienische Architekturikone und Architektur hat die Italienerin immer interessiert. "Es ist wie eine Grammatik, an der man sich festhalten kann", findet sie.

Vielleicht liegt diese fortwährende Lust an Architektur auch in ihrem Geburtsort Venedig begründet, wo sie bis zu ihrem achten Lebensjahr wohnte. Bonvicini schiebt eher ihren mangelnden Orientierungssinn auf die Kindheit in der verwinkelten Lagunenstadt. Mit dem Umzug nach Brescia änderte sich ihr Leben. "Es hat mir dort nicht gefallen, der Nebel, die hart arbeitenden Menschen, das schnelle Reden ..." Sie erlebte als Teenager, wie Faschisten in Brescia Bomben legten. 8 Menschen wurden getötet, 102 verletzt, bis heute gibt es keinen gerichtskundigen Schuldigen.

Berlusconi und die totale Verblödung

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Riesige Liebesschaukeln aus Stahlketten und Latex sind nicht für jeden ...

(Foto: Rikke Luna/ / VG Bildkunst)

"Das Italien, in dem ich aufgewachsen bin, war sehr politisch. Die Leute gingen auf die Straße, ich auch. Als Klassensprecherin war ich schon in der Schule politisch. Zu der Zeit gab es sogar im Fernsehen tolle Diskussionsrunden. Dann kam Berlusconi und die totale Verblödung." Zum Kunststudium ging sie nach Berlin. Monica Bonvicini hätte auch im herrlichen Venedig bei dem Maler Emilio Vedova studieren können. Aber das interessierte sie nicht. "Berlin war so schön grau, es gab keine Ablenkung. Manchmal bereue ich das jetzt", fügt sie lächelnd hinzu.

Eine politische Person ist sie auch in Berlin geblieben. Räume verändern, Museen durcheinanderwirbeln und mit ihrer Kunst Denkmuster auf links zu drehen, das ist es, was sie seit ihrem Abschluss an der Berliner Universität der Künste 1993 erfolgreich macht. "Es geht um Konfrontation. Ich hasse das Wort Dialog", wirft sie ein, aber letztlich ist es genau das, was zwischen ihr als Künstlerin, dem Museum als Institution und dem Publikum stattfindet. Die Besucher können die Räume des Museums dank Bonvicinis Installationen anders wahrnehmen, sehen gleichzeitig ihre Kunst und reagieren darauf. Denkt sie an den Betrachter, während sie an einer Installation feilt? "Das fließt indirekt ein. Manchmal ist es nur ein Gefühl. Natürlich machte es einen Unterschied, ob ich für die Kunsthalle in Bielefeld arbeite oder für ein Museum in New York oder Rom. Aber in der Auseinandersetzung mit der Architektur entstehen die Installationen."

Existiert Sexualität noch?

Ledergürtel, Sexschaukeln und Stahlketten sind nichts für prüde Gemüter und haben Monica Bonvicini auch schon in der Sado-Maso-Schublade landen lassen. Das ist vorbei, denn Sexualität ist heute kein Tabuthema mehr. "Die Frage ist ja, ob Sexualität noch existiert. Natürlich gibt es Sachen, die man machen kann und andere eben nicht." Welche? "Darüber rede ich nicht", sagt sie lachend. Überhaupt lacht sie viel während unseres Gesprächs und gewährt gerne Einblicke in ihre Gedankenwelt. Beispiel Klimawandel, heute allgegenwärtig. Das Thema beschäftigt sie schon seit 2006. Damals war sie in New Orleans zur Architektur Biennale eingeladen. Die Zerstörung durch Wirbelsturm "Katrina" aus dem Jahr zuvor war noch deutlich zu sehen. "Die teilnehmenden Künstler wurden in kürzester Zeit durch soziale Brennpunkte geführt. Ich nenne das gerne Biennale-Tourismus. Die Fotos der zerstörten Häuser, die ich damals gemacht habe, sind später großformatige Zeichnungen geworden. Seither ist Klimawandel ein Thema für mich. Damals war es schwierig, Bilder dazu zu finden, jetzt ist das so einfach."

Ihre Sicht auf die Probleme von heute ist eine andere geworden. Das liegt auch daran, dass "die Realität komplexer wird, wenn man älter wird. Viele sagen, dass ich weicher geworden bin, das finde ich eine totale Frechheit. Ich höre oft: Ihre Arbeiten sind so stark, aber auch so delikat. Ich denke, so was würde man nie von einem Mann sagen." Am Patriarchat arbeitet sie sich im übrigen konstant ab. Die Materialien dazu kommen oberflächlich betrachtet Fetischen gleich. Das passt zu dem Gedanken, dass auch Kunst ein Fetisch ist. "Darüber hat schon Karl Marx in 'Das Kapital' nachgedacht. Kunst ist der Fetisch überhaupt. Wer kauft sich denn ein Unikat? Klar kann man sich auch Autos kaufen, aber Kunst ist einzigartig." Und besonders wirkungsvoll, wenn sie so radikal auf Wesentliches reduziert ist wie bei Monica Bonvicini.

Die Soloschau "Lover‘s Material" läuft in der Kunsthalle Bielefeld (bis zum 21. Februar), einige der Kunstwerke sind auch von außen zu sehen.

In Gruppenausstellungen ist sie unter anderem in "Empört euch!" (Kunstpalast Düsseldorf), "Don't Stop" (Grassi Museum, Leipzig), "Looking at the Sun at Midnight" (Lenbachhaus, München) und "Wände Walls" (Kunstmuseum, Stuttgart) vertreten.

Quelle: ntv.de