Leben

Weniger Platz, mehr Leben Morgen wohnen wir anders

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Es muss ja nicht immer gleich die Kommune sein.

imago/Photocase

In Ballungsräumen sind Wohnungen kaum zu finden, anderswo veröden ganze Ortschaften. Die Wohnfläche, die jeder Mensch in Deutschland beansprucht, wird immer größer, aber immer mehr Menschen vereinsamen. Zeit, anders zu wohnen.

Vor Kurzem ist Daniel Fuhrhop umgezogen, er lebt jetzt in einem Gemeinschaftshaus. Jeder Mieter hat seine abgeschlossene Wohnung mit Küche und Bad. "Aber 20 Parteien teilen einen Gemeinschaftsraum, eine Werkstatt und einen Garten", erzählt Fuhrhop n-tv.de.

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In München entstand die Genossenschaftssiedlung Wagnis 4 auf einem ehemaligen Kasernengelände.

(Foto: imago/ecomedia/robert fishman)

Der Architekturexperte und Blogger ist damit seiner eigenen Vision, den vorhandenen Platz zum Leben besser zu nutzen, wieder ein Stück näher gekommen. Während in den Ballungsräumen kaum noch eine Wohnung zu finden ist, stehen anderswo insgesamt zwei Millionen Wohnungen leer. Vor allem Familien mit Kindern suchen verzweifelt nach Wohnraum. Dabei leben in Deutschland 600.000 Menschen allein in sieben oder mehr Zimmern.

Die Zahlen hat Fuhrhop für sein Buch "Einfach anders wohnen" zusammengetragen. Ihn treibt die Frage um, "wie wir lebendige Städte schaffen und ob wir es verhindern können, dass in der momentanen Bauwut jede Freifläche zubetoniert wird". Dass wir es verhindern sollten, davon ist der Oldenburger überzeugt. Ihm ist aber auch klar, dass er bei vielen Menschen dafür noch werben muss.

Weniger Ballast

Einfach anders wohnen: 66 Raumwunder für ein entspanntes Zuhause, lebendige Nachbarschaft und grüne Städte
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Deshalb fängt er zunächst einmal klein an. "Jeder kann an seinem eigenen Schrank und seinen eigenen Schubladen mit dem Entrümpeln loslegen", sagt Fuhrhop, für den anderes Wohnen in jedem Fall eine persönliche und eine politische Dimension hat. Viele Menschen meinten, es sei einfach nur schön, viel Platz zu haben. Nach einer Weile merkten sie dann aber, dass damit auch sehr viel Arbeit verbunden ist. Es dauert länger, große und viele Räume zu putzen. Besitztümer müssen verwaltet und beschützt werden. Das kostet Geld und Energie. "Es kann durchaus eine Erleichterung sein, sich von Raum zu trennen, von Zimmern, in die man nicht mehr reingeht und von Zeug, das nur noch im Keller oder in der Garage herumliegt", sagt Fuhrhop.

In einem typischen Gründerzeitviertel wohnten zur Zeit seiner Errichtung um 1880 fünfmal so viel Menschen wie heute. Die durchschnittliche Wohnfläche je Einwohner in Wohnungen in Deutschland lag 2016 bei 46,5 Quadratmeter. 1991 waren es dem Statistischen Bundesamt zufolge noch 34,9 Quadratmeter. Weniger Menschen brauchen weniger Bäcker und Supermärkte, Kneipen und Cafés. Vor allem in kleineren Orten lässt sich diese Dynamik beobachten, am Ende haben die Menschen große Wohnungen, während ringsherum alles stirbt.

Das könnte sich ändern, wenn alle wieder ein bisschen enger zusammenrücken. "Denn wenn in den gleichen Häusern doppelt so viele Menschen leben, dann hat man mehr Nachbarn und die Häuser und Stadtviertel werden lebendiger."

Geldnot oder Minimalismus

Oft hat sich die aktuelle Wohnsituation einfach ergeben, Kinder ziehen aus, frühere Partner gehen andere Wege. Plötzlich findet man sich allein in einer Wohnung wieder, in der früher vier oder mehr Menschen lebten. Umziehen ist nicht immer eine bezahlbare Option. Aber vielleicht kann man mit guten Freunden wieder in einer WG leben oder einen Raum an die Nachbarn abtreten? Fuhrhop zeigt viele verschiedene Formen des gemeinschaftlichen Wohnens. "Es ist eine persönliche Entscheidung, ob man sehr weit gehen und vielleicht in einer Kommune leben will. Oder ob man viel Platz hat, aber den nur vorsichtig teilen will, indem man beispielweise seine Garage einer Band als Probenraum überlässt." So hätten immerhin Nirvana und die Ramones auch angefangen.

Fuhrhops Ideen finden bei ganz verschiedenen Menschen Anklang. Es gibt diejenigen, die den Schutz von Ressourcen in den Vordergrund stellen und diejenigen, die sich mehr solidarisches Miteinander wünschen. Es gibt die, die Antworten auf die Wohnungsnot suchen und die, die einfach sparen müssen. Manche wollen einfach nicht länger allein leben, andere folgen einem minimalistischen Lifestyle. Fuhrhop heißt sie alle willkommen. "Obwohl es eine sehr persönliche Entscheidung ist, handelt es sich um eine politische Aussage. Letztlich ist die Motivation egal. Wer sich von Dingen befreit, trägt damit auch zu einer nachhaltigeren Umwelt bei."

Für Fuhrhop wäre ein sogenanntes Tiny House nichts, auch in einer Kommune würde er sich nicht wohlfühlen. Ein Gemeinschaftshaus hat für ihn gerade das richtige Maß an geteiltem Platz und eigenem Reich. Beim Umzug hat er entrümpelt und in seiner neuen Wohnform Nachbarn und Lebendigkeit gefunden. Ganz so, wie er es seinen Lesern empfiehlt.

Quelle: n-tv.de

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