Leben
Machen garantiert keine Schwalben - die Spieler beim Tisch-Kicker.
Machen garantiert keine Schwalben - die Spieler beim Tisch-Kicker.(Foto: imago/Belga)
Samstag, 23. Juni 2018

In Vino Verena: "Nichts als Memmen, diese Fußballer!"

Eine Kolumne von Verena Maria Dittrich

Fußballgucken in einer Kneipe in Berlin-Wedding: ein Fanal geballter Testosteron-Keifer und unsere Autorin mittendrin. Was die Zuschauer über die Spieler und "Frau Neumann" denken und wer die wahren Helden sind, lesen Sie hier!

"Jetzt guck' sich einer diese Muschi an, das gibt's doch nicht! Verdammt nochmal, das sieht doch'n Blinder, dass der simuliert!" Ich sitze in einer verrauchten, sehr urigen Kneipe in Berlin-Wedding. Um die Ecke glucksen Spielautomaten, vorne gibt's Döner. Wir gucken - na, was schon? - Fußball. Der Laden ist proppenvoll, ich esse eine Lahmacun und schaue auf die Glotze, die leider sehr weit hinten im Raum auf ein paar Bierkästen thront.

Um mich herum wird geschrien, gelacht, gebuht, applaudiert, gepfiffen und bei sensiblen Themen so lautstark diskutiert, dass man es noch bis zum Bosporus hören kann. Die Fußball-WM lässt mich dieses Jahr aus so vielen, so korrupten Gründen kalt, aber mich ergreift jedes Mal das Drumherum und hey, außerdem bin ich jetzt in so einer Tipp-Gemeinschaft!

Während sich die Zuschauer und meine Tipp-Kompagnons zum sommermärchenhaften Flashback hochschaukeln, ärgere ich mich ein bisschen über meinen aktuellen Spiel-Tipp. Ich habe für irgend so einen Wüsten-Verein 3:1 getippt, doch statt mich von einem mitreißenden Spiel berauschen zu lassen, lausche ich Debatten über im Licht der Sonne schimmernde Haartollen, deren Träger wie ein sterbender Schwan zu Boden stürzen. Die Quintessenz des Spektakels, das neuerdings ja auch "diese Frau Neumann" kommentieren darf: kaum Tore, 90 Minuten Langeweile und hitzige Diskussionen mit dem Schiri.

So schön wie im Tschaikowsky-Ballett

Bilderserie

Dreißig Euro hat mich mein Wetteinsatz gekostet, kurz denke ich darüber nach, dass ich mir für die Piepen drei feine französisch-vollmundige Gaumenfreuden hätte kaufen können, aber Django - mein Tippspiel-Anleierer und Döner-Fachmann in der Kneipe, in der wir sitzen - hat mir versichert, so ein Tippspiel zur Weltmeisterschaft mache unheimlich Lunte, ich würde schon sehen.

In meiner Tipp-Gemeinschaft sind etwa 30 Leute: Wüterich, DreamFC, Azzurro, Panino, Der Portugiese, DJ Kiss und Vaya_Con_Dios. Die meisten kenne ich nicht, aber mit vielen sitze ich jetzt hier in Djangos Kneipe. So viele unterschiedliche Nationen: Türken, Deutsche, Araber, Polen, Kurden, Libanesen - alle kennen Django und lieben Djangos Döner. In Djangos Kneipe ist immer was los.

Ihre Leidenschaft gehört dem Spiel, meine der Tipp-Liste und meinem aktuellen Rang. Weit abgeschlagen liege ich im unteren Mittelfeld, während Vaya_Con_Dios, dieser Hund, sich seit drei Spielen den ersten Platz mit DreamFC teilt. Ich überlege, laut in die Runde zu rufen und Django zu fragen, wer zur Hölle dieser ungeschlagene Vaya_Con_Dios ist.

Weil der Laden aus allen Nähten platzt, ist die Sicht auf den Fernseher dementsprechend mau. Wer genau spielt da gerade nochmal? Das Einzige, was sich, zumindest für mich, wie eine unheilvolle Konstante durch alle bisher gesehenen Spiele zieht: Sehr viele Ball-Hinterher-Renner stürzen hollywoodlike und mit feinstem Edvard-Munch-Gesicht zu Boden. Schon bei dem leichtesten Antippen: Zack, da fliegen sie und rollen und krümmen sich, so schön wie im Tschaikowsky-Ballett.

"Raus mit der Memme - sofort!"

Neben mir sitzt meine Freundin Tina mit ihrem Freund Tomasz. Tina überlegt gerade allen Ernstes, ob Tomasz die Frisur von Neymar stehen würde: "Hey, hast du nicht diese Brigitte-Frisuren-App?" Ich wundere mich, wie sie auf die Idee kommt, dass ausgerechnet ich die Brigitte-Frisuren-App haben könnte.

Derweil wird es jetzt richtig laut. Ein Spieler hat einen anderen angeblich böse gefoult. Der hält sich das linke Knie, kurz darauf zeigt der Videobeweis, dass das rechte Knie getroffen wurde. Alle schimpfen, vereinzeltes Gekeife aus der Menge: "Ey, was sind das nur für Pussys? Habt Ihr das gesehen? Raus mit der Memme - sofort!"

Ja, ständig lässt sich "so eine Muschi" umnieten. Klar, alles Taktik. Wer berührt oder gestreift wird, oder den Flügelschlag von Ronaldos Motte spürt, stürzt gefälligst gequält hernieder. Und ich mittendrin - in diesem Fanal geballter Testosteron-Keifer.

Als das Spiel aus ist und die anwesende Tipp-Gemeinschaft prüft, auf welchem Rang man derzeit dümpelt, ruft Yusuf, aktuell auf Rang 28 abgestürzt, durch die Kneipe: "Glücksspiel macht die Seele kaputt!" Die Meute grölt und Yusuf träumt weiter vom Aufstieg.

Das Prinzentum der heutigen Spieler

Nicht immer alles so ernst nehmen, das Leben ist schon ernst genug. Auch ohne Fußball sitzt man weiter beieinander. Inzwischen läuft kein Spiel mehr, inzwischen läuft Plasberg: Hart aber fair. Kein ermüdendes Politikgequatsche, auch hier ist Fußball DAS Thema. Und der rote Faden des sensitiven Auftretens einiger Spieler zieht auch hier seine Kreise. Mario Basler, links außen, beklagt das Prinzentum der Spielergeneration von heute. "Die müssen sich um nichts mehr kümmern, werden verhätschelt."

Ja, genau, wo ist sie hin, die gute alte Zeit, in der ein Spieler noch kernig war und sich den Hintern alleine abgewischt hat? Auch Marcel Reif gehört zu den Gästen, genauso wie Christoph Daum, der Mann mit dem "reinen Gewissen". Kurz beschwert Basler sich bei Plasberg, dass es im Studio ein bisschen kalt sei. Man diskutiert über Pfiffe, den DFB, Bierhoff und Nivea-Löw.

Während ich auf meine Tipp-App schaue, debattieren die Homies um mich herum fast bis aufs Blut. Der eine verteidigt Foulen, der andere schwört auf taktische Schwalben. Derweil bin ich mit meinen Gedanken woanders: im "Sommerhaus der Stars", im "Dschungelcamp" und bei "Promi Big Brother" - dort, wo Ex-Fußballhelden wie Mario Basler beweisen, dass sie auch mit "nichts" sehr gut zurechtkommen und sich ganz alleine eine Stulle schmieren können.

Niemand, außer Mario Basler ist anwesend, wenn Mario Basler sich eine Fluppe anzündet oder sich die Schnürsenkel bindet. Das macht er ganz allein. Sowieso: Wir gehen viel zu inflationär mit dem Gebrauch des Helden-Titels um. Ein Held ist nicht, wer mit gefärbter Föhn-Frisur sämtliche Kosmetikmittelchen bewirbt und sich mit den Moneten ein nices Insta-Live macht, der wahre Held stromert durchs Trash-TV. Dort besteht er Prüfungen an der Seite von Helena Fürst und isst Kartoffelsalat mit Aurelio Savina. Wer das überlebt, ohne beispielsweise den Kartoffelsalatteller abzuräumen, der hat den Titel wahrer Held wirklich verdient.

Quelle: n-tv.de