Leben

Das Salz des Internets Niemand will stutenbissig 2.0 sein

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Missgunst und Eifersucht zwischen Frauen müssen nicht sein, findet unsere Autorin Joana Lewandowski.

(Foto: imago/United Archives)

Im Internet wie im Alltag sieht sich unsere Autorin mit unliebsamem Verhalten unter Frauen konfrontiert. Jetzt hat sie aufgeschrieben, warum sie sich dafür schämt und wie sie hofft, es besser zu machen. Denn weibliche Pferde-Konkurrenz ist wirklich von gestern.

Feminismus ist ein hartes Stück Arbeit für alle Beteiligten. Selbst im Jahr 2020 gibt es da wenig Unterschiede zu den Diskussionen von vor hundert Jahren. Na gut, wir haben zwar jetzt das Internet, in dem auch kontroverse Themen, wie Schwangerschaftsabbruch und das Bereuen der Mutterschaft weitläufig diskutiert werden. Aber machen wir uns nichts vor: Der einzige Gewinner dieser langen, nervenaufreibenden Diskussionen sind meist nicht die gut gebildeten, jungen Menschen, die sich für die Rechte von Minderheiten und marginalisierten Gruppen einsetzen und mit Argumenten überzeugen wollen, sondern die Hersteller von Blutdrucksenkern. Die braucht es nämlich auf beiden Seiten des Streits am meisten, wenn die Nerven flattern.

Das Internet gleicht in vielen Kommentarspalten und Diskussionsforen in den sozialen Medien auf erschreckende Weise einem Gruselkabinett aus dem letzten Jahrhundert. Da hängt in einem schlecht beleuchteten Raum ein Skelett aus dem Schrank, an dem ein Schild angebracht ist mit der Aufschrift: Stell dich mal nicht so an, wenn du 20 Prozent weniger Gehalt kriegst, als deine männlichen Kollegen. Und ein blutiger Clown springt aus dem Nichts auf einen zu, der schreit: Wenn du nicht vergewaltigt werden willst, dann solltest du dich züchtiger anziehen, sonst ist es deine eigene Schuld. Wer dann immer noch steht und nicht weinend nach Mutti schreit, muss anschließend dem gruseligen Mädchen aus dem Horrorfilm "The Ring" entgegentreten und erklären, warum man Eltern und Großeltern immer wieder damit enttäuscht, dass man noch keinen Nachwuchs hat und kein goldener Ehering am Finger glänzt. Der Stoff also, aus dem Albträume gemacht sind.

Es ist eben ein emotionales Thema für viele. Geschenkt. Dass Feminismus nicht bedeutet, eine Sonderstellung für Frauen zu schaffen, sondern die Gleichberechtigung aller zu fördern, ist scheinbar noch nicht ins Internet durchgedrungen. Was mich aber bei allem Aktivismus und guten Absichten am meisten ärgert und mir im Alltag on- und offline immer wieder begegnet, ist nicht etwa 08/15-Stephan, der glaubt, dass das Weib dem Manne Untertan sein soll, sondern andere Frauen.

Weit weg vom Ideal

Um ganz ehrlich zu sein, schäme ich mich fast dafür es aufzuschreiben, und in meinem stillen Kämmerlein hoffe ich nachts, dass es anderen auch so geht wie mir. Es ist schmerzlich für mich, weil ich schon oft selbst davon betroffen war. Natürlich gibt es im Netz auch eine Sparte, in der Frauen sich gegenseitig bestärken und das sogenannte Empowerment, also die Ermutigung anderer Frauen, fördern wollen. Das will ich auch, aber leider ist es für mich oft auch nur ein Ideal, von dem ich weiß, dass ich es irgendwann praktizieren will.

Viel zu oft aber falle ich auf Stutenbissigkeit rein. Ich bin wirklich nicht stolz darauf, aber irgendwas in mir lässt mich missgünstig oder eifersüchtig auf andere Frauen schauen, die erfolgreicher, schöner oder lustiger sind als ich. Missgünstig blicke ich auf die Ex-Freundinnen meines Freundes, weil ich mich frage, was sie haben, das mir fehlt. Ich rolle die Augen, wenn eine andere Frau in einer geselligen Runde eine geistreiche Bemerkung macht, die ich gerne selbst gemacht hätte. Und wenn ich in der Öffentlichkeit einen Streit zwischen zwei Partnern mithöre, denke ich mir genervt, dass sie sich mal nicht so anstellen soll, obwohl ich nur mit einem halben Ohr mitbekommen habe, worum der Streit eigentlich geht und mich das alles eigentlich gar nichts angeht. Immer wieder merke ich erst nach einer solchen Situation, dass ich völlig gegen meine eigenen Ideale reagiert habe, und das sogar unterbewusst. Es ist mir fast unheimlich.

Ich bin der festen Überzeugung, dass der erste Schritt zur Überwindung dieses furchtbaren Reflexes ist, mir dessen bewusst zu sein. Auch wenn ich es nicht besonders sympathisch finde, dass ich manchmal so bin. Denn schon allein der Begriff Stutenbissigkeit macht mich fuchsteufelswild. Schließlich sind Frauen nicht nur mehr als Schwestern, Töchter und Nichten, ganz sicher sind sie auch mehr als konkurrierende, weibliche Pferde. Auch der Begriff Beißreflex wird gerne und häufig für Frauen verwendet, die in einer Konkurrenzsituation mit einer anderen Frau dann ja von Natur aus gar nicht anders können als zuzubeißen. Also metaphorisch. Hoffentlich. Eigentlich müssten wir doch dessen schon müde sein, als unkontrollierte Tiere mit Schaum vor dem Mund porträtiert zu werden. Überholte Tierklischees, mehr fällt dem Patriarchat nicht ein. Wow.

Aushaltbare Unsicherheit

Ich sage: Das ist Quatsch! Veraltete Metaphern davon, wie sich Frauen immer verhalten, sind durch. Das ist vielleicht ein unliebsames Verhalten, dass man in einer Gesellschaft lernt, die Frauen zu Konkurrentinnen erzieht, die um die Zuneigung von Männern buhlen. Aber Überraschung: Die Zuneigung von Männern ist vielleicht ganz schön, aber wir kommen auch alleine richtig gut zurecht, und es wird Zeit, dieses Verhalten unter die Lupe zu nehmen und es dann abzulegen. Die eigenen Unsicherheiten kann man auch mal aushalten, und das tut auch gar nicht weh.

Im Kampf um Gleichberechtigung ist nichts wertvoller als die Meinung und die Stärken von Frauen, die den gleichen Schmerz spüren und die gleichen Ideale vertreten wie man selbst. Wenn man es schafft, die Angst vor anderen Frauen abzulegen, stärkt man nämlich nicht nur das eigene Selbstwertgefühl, weil man etwas von anderen Frauen lernt, sondern auch noch das des Gegenübers. Das ist eine klassische Win-Win-Situation, Ladies!

Eine positive Einstellung gegenüber anderen Frauen ist die Grundlage von Wertschätzung und Liebe. Es gibt keinen Grund und vor allem keine Entschuldigung dafür, sich gegenseitig zurückzuhalten. Nichts davon ist einfach, und in alte Muster zurückzufallen ist menschlich, aber Feminismus ist eben ein hartes Stück Arbeit für alle Beteiligten. Darauf erst mal einen Sekt, wir müssen schließlich nicht alle Klischees auf einmal hinter uns lassen!

Quelle: ntv.de