Leben

Aus der Schmoll-Ecke OBI und der seelenlose Gaga-Kapitalismus

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So hatte sich das der Kolumnist vorgestellt, nur ohne Rasen und Rosen.

(Foto: imago images/Petra Schneider)

Wie wo was weiß OBI, heißt es in der Werbung. Dabei zeigt der Laden schon bei der Bestellung einer Gartenliege fundamentale Wissenslücken. Unser Kolumnist hat es jedenfalls so erlebt und berichtet hier von seinem Leidensweg.

Hach, so ein Pech für die Menschheit. Nun sind wir seit Monaten dabei, das fiese Virus niederzuringen, da droht schon wieder Ungemach, gegen das keine Masken, noch nicht mal Sturmhauben, eiserne Visiere oder ganze Ritterrüstungen helfen werden. Asteroiden sind unterwegs zu uns auf die Erde. Ein dicker Brocken namens "2010RF12" ist bereits in Sichtweite. 2095 wird er uns mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:14 besuchen. So stand es jedenfalls in der Wahrheitspresse. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich dann noch auf der Welt bin, werde ich natürlich meiner selbst auferlegten Rolle als edler Sehr-Gutmensch gerecht, mich mit einem Teddy in der linken und einem Schild in der rechten Hand auf die Straße stellen, auf dem zu lesen sein wird: "Asteroid welcome!". Vielleicht kommt das Ding aus dem Universum doch in guter Absicht. Heutzutage weiß man es ja nie.

Allerdings müssen wir nun erst einmal alle - ja, auch Sie! - die "Hello again"-Welttournee des fiesen Virus überstehen. Der Altweibersommer macht es ein bisschen leichter, finde ich. Er ist aber irgendwie auch trügerisch, weil ich ahne, dass der Herbst und der Winter kommen werden. So oder so: Ich genieße die schönen Tage stundenweise auf meiner wunderbaren Gartenliege, die ich mir als Belohnung für meine Tapferkeit geschenkt habe. Auf sie habe ich - ebenfalls heldenhaft - wochenlang gewartet. Und genau davon möchte ich Ihnen berichten. Denn das Ringen um mein balkoneskes Ruhelager ist eine Kolumne wert, steht sie doch für den sinnentleerten, seelenlosen, technokratischen Gaga-Kapitalismus, der nicht alles, aber immer mehr Computern, Automatismen und Algorithmen überlässt.

Ich will den Sozialismus nicht zurück. Doch vorbildlich, wie ich nun mal von Natur aus bin, werfe ich Jeff Bezos mein Geld nicht hinterher, damit der sich noch ein paar Villen mit Golfplätzen kaufen kann. Mit Amazon halte ich es wie katholische Pfarrer mit Prostituierten: Ich nutze das Angebot nur in dringenden Fällen. Deshalb wollte ich die Gartenliege bei OBI erstehen. Das war mein erster (und letzter) Einkauf bei OBI online. Begonnen hat der Bestellvorgang mit einer Marter, wie Sie sie vielleicht kennen. Was kaufe ich? Ein Stadteremit wie ich leidet selbst(gespräch)redend an Entscheidungsneurose. Liege oder Liegestuhl?

Auf Grund der aktuellen Lage

Frühling 2020! Ich entschied mich für den Stuhl. Grübel, grübel. Warum nicht beides? Stunden später orderte ich auch noch die Liege. Den Stuhl sollte ich in einem OBI-Markt einsacken. Gerne. Am 31. Mai des Jahres 2020 kam von OBI die Botschaft: "Sie erhalten eine Benachrichtigung per E-Mail, sobald Ihre angefragte Ware oder Teile Ihrer angefragten Ware abholbereit sind. Von da an sind die Artikel 3 Werktage für Sie hinterlegt." Okay. Wenig später erhielt ich die Nachricht, dass der Stuhl entgegen den Angaben auf der Webseite nicht lieferbar sei. Ich dachte: Egal, dann eben doch nur die Liege.

Am 31. Mai erhielt der/die "Liebe(r) Thomas Schmoll" die Bestätigung für die Bestellung der "Dreibeinliege". Darüber "haben wir uns gefreut. Vielen Dank!" Und übrigens: "Lieferzeit: 4-6 Werktage (Samstag gilt nicht als Werktag)". Allerdings: "Auf Grund der erhöhten Nachfrage kommt es momentan zu verlängerten Wartezeiten im Kundenservice und der Logistik." Kein Thema, dachte ich: Das fiese Virus, ich weiß, ich weiß. Doch schon am 3. Juni kam die frohe Nachricht: "Ihre Bestellung oder Teile Ihrer Bestellung sind auf dem Weg zu Ihnen." Klasse!

Ich gestehe, einen riesigen Denkfehler begangen zu haben. Ich gab als Adresse eine DHL-Packstation an. Ja, das war total dämlich. Ich war nicht sicher, ob es ein Fach in der Packstation gibt, in die eine Liege passt, dachte aber an die Werbung, in der es heißt: "Wie wo was weiß OBI." Geht die Liege nicht rein, werden die das wissen und sich melden. Pustekuchen. Der Zustellversuch scheiterte.

Am 10. Juni bat ich - noch sehr freundlich -, mir das Ding an die Rechnungsadresse zu schicken. Antwort zwei Tage später: "Aufgrund eines aktuell erhöhten Anfragevolumens kann es derzeit zu einer verlängerten Bearbeitungsdauer Ihrer Anfrage kommen." Drei bis vier Tage Wartezeit. Na gut. Mir wurde ja versichert, dass "wir Ihr Anliegen nicht vergessen haben und mit Hochdruck an der Beantwortung arbeiten". Man bat mich "um ein wenig Geduld", erklärte aber als "wichtiger Hinweis": "Dies ist ein automatischer Zwischenbescheid." Einverstanden. Ich wusste ja, dass das fiese Virus unterwegs ist. Lustig wurde es, dass ich just an diesem Tag eine Mail von OBI erhielt: "Jetzt Produkt bewerten und einen 500€-Gutschein gewinnen!" Schönen Dank auch.

Irgendwann rief ich bei der Hotline von OBI an, die eine Coldline ist. Die Qualität der Leitung war miserabel wie zu DDR-Zeiten. Allerdings: Der Mann am Telefon war total freundlich und ehrlich. Endlich einer, der meine Qualen, mein Leiden verstand. Er versicherte mir, sich sofort darum zu kümmern - ihm glaubte ich. Und jede Wette, er hat es getan, ist aber irgendwo in der Technokratenschleife hängengeblieben. Ich schwöre es, ich bin ein geduldiger Mensch. Am 29. Juni fragte ich nach: "Könnte ich jetzt BITTE ENDLICH meine Liege kriegen, für die Sie längst meine Kohle haben?" Am 1. Juli legte ich nach: "Sorry, aber das ist eine Unverschämtheit und hat mit Corona nix zu tun. Der Sommer ist fast rum." Okay, Letzteres war Quatsch. Aber ich wollte, dass die sehen, wie sehr ich warte.

Ist OBI pleite?

6. Juli 2020. Immerhin hatte OBI inzwischen gemerkt, dass ich ein Mann bin. "Sehr geehrter Herr Schmoll", lautete die Anrede. "Ich habe Ihr Anliegen aufgenommen und zur Bearbeitung an die zuständige Fachabteilung weitergeleitet. Meine Kollegen werden sich zur weiteren Klärung in Kürze mit Ihnen in Verbindung setzen." Endlich! Bis es so weit ist, könnte ich ja, so hieß es in einem P.S., "kostenlose Experten-Beratung per Video-Chat oder Nachricht, hilfreiche Tipps und vielfältige DIY-Ideen rund um Haus und Garten" erhalten. Danke, aber ich habe nur einen Balkon und weiß nicht, was "DIY" ist.

Beruflich hatte ich im Juli arg viel zu tun, weshalb ich die Sache aus den Augen verlor. Doch am 25. Juli schrieb ich um 9.59 Uhr eine Mail, in der ich es nochmals mit einem freundlich-polemischen Mix versuchte: "Sehr geehrte Damen und Herren, da der Sommer bald zu Ende ist: Kriege ich noch meine Liege? Was für ein unglaubliches Verhalten Ihrerseits. Kann es sein, dass OBI pleite ist und Sie gerne mein Geld behalten wollen?" Einen Tag später erhielt ich um 22.00 Uhr die Antwort, die ich schon kannte: "Ihre Anfrage ist noch bei unserem Kundenservice in Bearbeitung." Man bat mich "noch um ein wenig Geduld". Am 29. Juli teilte mir OBI mit: "Ihre Rücksendung ist bei uns eingetroffen", dass ich mein Geld zurückerhalte - und übrigens: "Schade, dass nicht alle gelieferten Artikel Ihren Vorstellungen entsprachen." Bitte was?

Am 4. August - mehr als zwei Monate nach der Bestellung - schickte mir OBI eine weitere Mail: "Gern haben wir Ihr Anliegen bezüglich Ihrer Lieferung geprüft. Wir konnten Ihnen die Sendung leider nicht zustellen, da uns eine falsche oder unvollständige Lieferanschrift vorlag." Es folgte die aberwitzige Frage: "Möchten Sie die bestellten Artikel weiterhin erhalten?" Hahaha. Ich orderte die Liege bei Gartenmoebel.de. Eine Woche Lieferzeit. Alles bestens. Danke.

Nun liege ich ab und an auf meiner herrlichen Liege und stärke mich für den nächsten Kampf, dieses Mal mit Microsoft. Wie immer ich es geschafft habe oder es passiert ist, plötzlich hatte ich zwei Office-Accounts, für die ich beide für ein Jahr bezahlen musste. Pech gehabt. Ein Abo habe ich gecancelt. Fragen Sie mich nicht, warum, aber ich hatte es im Blut. Obwohl das andere Abo bezahlt und nicht gekündigt ist, zeigt mir Word jeden Tag an: "ABONNEMENT STORNIERT. Am Montag, 30. November 2020 werden die meisten Feature von Word deaktiviert." Das ist der Beginn einer neuen Tortur im Zeitalter des Gaga-Kapitalismus.

Quelle: ntv.de