Leben
Abschied und Neubeginn, das macht die Pubertät spannend, intensiv und anstrengend.
Abschied und Neubeginn, das macht die Pubertät spannend, intensiv und anstrengend.(Foto: imago/Westend61)
Sonntag, 05. August 2018

Zwischen Schrecken und Abenteuer: Pubertät ist das pralle Leben

Von Solveig Bach

Zwischen Kindheit und Erwachsensein liegt die Pubertät: Ein langes Tal der Tränen, in dem plötzlich nichts mehr ist, wie es war. Nicht für die Pubertisten und auch nicht für deren Eltern. Aber selten fühlt man sich lebendiger.

Pickel, Stimmbruch, schlechte Laune, Schule geschwänzt, komische Freunde, erste Erfahrungen mit Drogen und Sex – die Pubertät ist kein Kinderspiel, nicht für die Eltern, aber erst recht nicht für die Heranwachsenden. Doch ohne diese Teenager-Trotzphase können aus Halbstarken, wie man sie früher nannte, eben keine Erwachsenen werden.

In der Sprechstunde von Elisabeth Raffauf sitzen immer wieder Eltern, die der rasanten Entwicklung ihrer Kinder ratlos gegenüberstehen. "Ganz viele Mütter und Väter sagen dann: Sie wissen gar nicht, was bei uns los ist", erzählt die Psychologin n-tv.de. Die meisten ihrer Klienten kann Raffauf beruhigen, die zweifache Mutter hat bereits einen Sohn und eine Tochter durch die Pubertät begleitet.

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Ihre eigenen Kinder waren jedoch im Vergleich zu ihr geradezu brav. So brav, dass ihr Sohn eines Tages anmerkte: "Dir wäre es wohl lieber, wenn wir mal besoffen mit dem Auto durch den Vorgarten gefahren wären." Raffauf pubertierte heftig und stellte so ziemlich alles an, was Eltern schlaflose Nächte beschert: Sie hatte ältere Freunde, ging nicht immer zur Schule, nahm Drogen und haute von zu Hause ab, beschreibt sie in ihrem Buch "Die tun nicht nichts. Die liegen da und wachsen". Heute ist sie nicht nur Diplom-Psychologin mit eigener Praxis, sondern auch Autorin zahlreicher Erziehungsratgeber und Aufklärungsbücher. Damit liefert sie selbst schon den Beweis für ihre These: Die meisten überleben die Pubertät und werden später sogar jemand "Anständiges".

Wer bin ich?

Autorin Alexa Henning von Lange hat die Zeit des Erwachsenwerdens und des Abschieds von der Kindheit besonders intensiv in Erinnerung. Bis heute sind diese Gefühle jedoch zwiespältig. "Das war eine besonders lebendige und gleichzeitig erschütternde Zeit", sagt die 45-Jährige n-tv.de. Auch sie durchlebt diese Zeit gerade mit ihren heranwachsenden Kindern noch einmal. Gemeinsam mit ihrem Mann Marcus Jauer hat sie die Gelegenheit genutzt, einige der Fragen aufzugreifen, die beide damals umtrieben. In dem Buch "Breaking Good", das aus diesen Gesprächen entstand, geht es um beste Freunde, Eltern, Schule und natürlich um die erste Liebe. Im Grunde genommen gehe es aber nur um eine Frage, sagt Henning von Lange: "Wer bin ich?"

Denn hinter der Fassade aus länger werdenden Gliedern und sich verschiebenden Gesichtszügen passiert ganz viel. "Die Jugendlichen müssen herausfinden, wo ist mein Platz, wo gehöre ich hin und wo ist mein Weg?", beschreibt Raffauf die inneren Kämpfe der Teenager. "Wie kann der anders sein als der meiner Eltern. Und wie kann ich besonders sein und gleichzeitig auch dazugehören?" Da bleibe kaum Raum für Schulaufgaben, häusliche Pflichten oder anderes Sozialverhalten. "Das besetzt den ganzen Speicherplatz im Gehirn", stellt Raffauf lachend fest.

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Alexa Henning von Lange erinnert sich noch gut daran, wie beängstigend sie diese totale Veränderung erlebt hat. "Ich weiß, dass das nicht alle so intensiv wahrnehmen wie ich, aber alle haben das Gefühl von Verunsicherung und Irritation und gleichzeitig einen starken Drang, in die Welt hinauszuziehen." Das sei sicher für Erwachsene auch mal nervend.

"Die Teenager sind so beschäftigt mit sich selbst, die können nicht gucken, wie geht es meiner Mutter, wenn ich die jetzt beleidige", sagt die Psychologin Raffauf über diesen Teil der Pubertät. Viele Eltern empfänden das als Affront, "aber das ist es nicht". Deshalb sei es auch nicht hilfreich, die Attacken allzu persönlich zu nehmen. "Wenn ich weiß, sie machen das nicht, um mich zu treffen, sondern weil sie auf der Suche und unsicher sind. Dann kann ich persönlich schon mal ruhiger sein", meint Raffauf.

Gelassen ist nicht egal

Das heiße aber noch lange nicht, Beleidigungen hinzunehmen oder sich jede Regelübertretung bieten zu lassen. Wenn Drogen oder andere gefährliche Dinge im Spiel sind, müssen Eltern natürlich zwingend eingreifen. Das habe dann nichts mit fehlender Gelassenheit zu tun, sondern mit Verantwortung. "Gelassen heißt ja nicht egal." Nur weil man verstehe, warum Jugendliche bestimmte Dinge tun, bedeute das nicht, dass man alles akzeptieren muss.

Raffauf empfiehlt Eltern eine verständnisvolle Position gegenüber ihrem Kind, "auch wenn ich das aus erwachsener Sicht anders sehe und mich auch anders verhalten muss". So könne man gleichzeitig vermitteln, dass man Sohn oder Tochter nicht für völlig bescheuert hält, und die eigene Position vertreten. "Beides zu vermitteln, ist die Brücke", betont die Psychologin. "Ich weiß eben, dass es nicht gut für dich ist, wenn du nur am Smartphone hängst, nicht nach Hause kommst oder die Schule nicht wichtig nimmst."

Dass es in der Pubertät auch in harmonischen Familien so richtig scheppert, erklärt sich Raffauf so: "Die Kinder gucken, was geht und die Erwachsenen müssen zeigen, was nicht geht." Diese sich komplett widersprechenden Interessen erzeugen heftige Reibung. Auch wenn Eltern schon seit Jahren das Größer- und Selbstständigwerden des Nachwuchses begleitet haben, sind die körperlichen Entwicklungen nun nicht mehr zu übersehen. Aus Jungen und Mädchen werden jeden Tag ein wenig mehr Männer und Frauen, und damit spiegeln sie auch ihren Eltern das Älterwerden.

Andererseits eröffnet es Müttern und Vätern die Möglichkeit, sich noch einmal an diese Gefühle anzuschließen. "Die Lebendigkeit, die in der Pubertät verborgen liegt, ist etwas ganz Grandioses. Daraus entsteht ganz viel", sagt Henning von Lange über die emotionale Achterbahnfahrt. "Wann sind wir je wieder in diesem schnellen Wechsel traurig, glückselig, leidenschaftlich, verzweifelt und neugierig? Diese Bedingungslosigkeit in den Gefühlen, das Ausweglose, wenn etwas endet. Ich weiß nicht, ob man das in dieser Tiefe noch einmal empfindet", meint Henning von Lange.

Diese welterschütternde Phase sollten wir feiern, meint die Autorin, die in dieser Zeit zum Schreiben fand. Denn das ist die Zeit, "in der wir geworden sind". Und genau dabei kann man jetzt anderen zusehen.

Quelle: n-tv.de