Leben

Aus der Schmoll-Ecke So wird man zum Wutbürger

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Die Straße des Kolumnisten ist gerade nur eingeschränkt befahrbar.

(Foto: Thomas Schmoll)

Eine Baustelle neben der anderen. Unser Kolumnist fragt: Reitet irgendein Beamter auf seinem Amtsschimmel vorbei, um einzuschätzen, ob die vielen Absperrungen noch zumutbar sind? Irgendwo muss der Mensch ja parken.

Heute beginne ich meine Kolumne, dieses Sammelsurium verschrifteter Bekenntnisse eines unheilbaren Stadtneurotikers, mit einem dringenden Appell an alle Filmschaffenden: Bitte gehen Sie ab sofort Ihrem Beruf irgendwo nach, nur nicht in der Nähe meiner Wohnung! Ich habe hohen Respekt vor der Schauspielkunst - vorausgesetzt, sie findet nicht vor meiner Haustür statt.

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Auf unbestimmte Zeit parkt hier niemand.

(Foto: Thomas Schmoll)

Dazu müssen Sie wissen: Meine und die angrenzenden Straßen sind leider Gottes bevorzugter Drehort der Mimen-Branche. Als wäre diese Stadt nicht riesig, als gäbe es keine Alternativen, als könnten nicht all die Oscar-verdächtigen Szenen in Marzahn oder besser gleich in Brandenburg aufgenommen werden, fallen regelmäßig Horden von Darstellern, Maskenbildner, Beleuchtern, Tontechnikern und Caterern mit ihren Kolonnen transportabler Unterkünfte in mein angestammtes Wohngebiet ein. Die schreckliche Folge davon ist, dass Hunderte Meter wertvoller Parkplätze temporär vernichtet werden.

Das ist für mich, einem in Bezug auf die Wahl der Verkehrsmittel politisch extrem unkorrekten Erdenbürger, eine Zumutung. Jedes Mal, wenn ich mehr als 500 neue Halteverbotsschilder auf dem Gehweg sehe, wird mir schlecht, weil ich weiß, dass "Filmarbeiten" draufsteht, die wieder tagelang dauern werden, so dass die Parkplatzsuche zum Martyrium wird. Zumal ein paar Dutzend Meter weiter das Halten ebenfalls untersagt ist oder bald sein wird, weil die Straße aufgerissen und ein Haus mit neuer Farbe bekleckst wird, Bäume beschnitten werden, jemand umzieht oder Heizöl geliefert bekommt. Ich frage mich jedes Mal, ob vorher irgendein Beamter auf seinem Amtsschimmel vorbeireitet, um einzuschätzen, ob die vielen Absperrungen noch zumutbar sind. Irgendwo muss man ja parken.

Finde den Weg!

Anfang März wähnte ich mich gleich in Hollywood. Harry Potter hatte eine Straßenkreuzung ein paar Schritte von meiner Wohnung in ein Refugium des Schreckens verwandelt. Schnipp, schnapp, schnu, die Kreuzung ist jetzt zu! Komplettsperrung! Wie aus dem Nichts. Einfach so. Abrakadabra. Ohne Vorankündigung. Zu! Basta! Selbst die Müllabfuhr war überrascht. Also, Harry, da hast du aber schon schönere Sachen hinbekommen.

Die Baustelle sieht gar nicht "Deutsch" aus, sondern wirkt so chaotisch wie der Brexit. Für Fahrradfahrer wurde kein alternativer Weg gekennzeichnet. Im Grunde auch nicht für Fußgänger. Das Suchspiel heißt: Finde den Weg! Jeder macht, was er will. Anarchie auf Berlins Straßen. Und das im gutbürgerlichen Wilmersdorf. Was woanders für Fahrradfahrer gesetzlich verboten ist, nämlich den Gehweg zu benutzen, ist hier nun staatlich sanktionierte Normalität. Geht eben nicht anders.

Seither beobachtete ich immer wieder, wie Fußgänger die Plastik-Absperrungen an der Baustellenumrandung zur Seite schoben - auch ich habe mich schon mehrfach daran beteiligt -, um sich einen Weg zur anderen Straßenseite zu bahnen, oder schaue radfahrenden Eltern zu, die mit Kinderanhängern unterwegs sind und kopfschüttelnd wie die Kuh vorm neuen Tore rumstehen, weil sie nicht wissen, wie es weitergehen könnte. (Bitte keine Zuschriften, dass ich Väter und Mütter mit Kühen vergleiche!)

Was? Bauarbeiten?

Einige Tage nach Einrichtung der Baustelle hing ein Informationsblatt der Berliner Wasserbetriebe an meiner Haustür, das mich durchaus beglückt hat. Wobei ich es schon ziemlich absurd finde, dass man sich heutzutage schon darüber freut, dass ein öffentliches Unternehmen seine Gründe öffentlich macht, warum es den Verkehr für einige Wochen lahmlegen lässt. Und natürlich stand die Frage im Raum: Warum erst jetzt? Immerhin war nun klar: Es handelt sich nicht um Dreharbeiten für "Arabische Clans und andere Gestalten der Unterwelt" oder "Harry Potter und der verlorene Zauber des Großflughafens". Es geht um: WASSER. Einverstanden, denn das brauchen wir alle zum Leben.

Zu lesen war (und ist) auf dem Aushang: "Sicherlich haben Sie die umfangreichen Absperrungen und Arbeiten in Ihrer Straße bemerkt." Was? Bauarbeiten in der Straße? Nee, nicht gemerkt. Hahaha. Saukomisch. Weiter geht es in leicht verständlicher, bürgernaher Sprache: "Wir sind dort dabei, einen Rohrschaden an einer wichtigen Abwasserdruckrohrleitung zu sondieren und zu beseitigen." Sondieren! Hört, hört! Das klingt nach wichtigen Verhandlungen. "Aufgrund der örtlichen Tiefenlage (>5,0 m) mit erheblichem Grundwasseranfall ist dieser leider sehr zeitintensiv und technisch besonders aufwendig. Zu diesem Zeitpunkt können wir keine genaue Fertigstellungsprognose geben. Wir bitten dies zu entschuldigen."

Akzeptiert. Nach dem Flughafen-, Staatsoper- und nun dem Stadtschloss-Debakel verstehe ich, dass weder die Wasserbetriebe noch sonst irgendjemand in Berlin eine "Fertigstellungsprognose" abgeben wollen, die ja sowieso für die Muschi ist. Aber im Laufe der Zeit bekam ich dann doch den einen oder anderen Grundwasseranfall. Denn wochenlang geschah nichts. Kein Bau- oder Kanalarbeiter ward gesehen.

Nach Wochen des Nichtstuns drangen Geräusche an mein Ohr. Ich dachte: Clever, die Wasserbetriebe und/oder ihr beauftragtes Abwasserdruckrohrleitungs-Sondierungsunternehmen haben einen Lautsprecher hingestellt, der Baustellentöne - um es in der Sprache des Wassers zu sagen - ausspuckt, um den Anwohnern vorzugaukeln, dass etwas passiert. Es gibt ja auch Leute, die daheim CDs mit Kaminknistern oder Meeresrauschen hören und - obwohl sie weder einen Kamin noch ein Meer besitzen -, fest daran glauben, vor einem Kamin oder Meer zu sitzen.

Nein, kein Täuschungsmanöver! Tatsächlich wird nun wieder seit ein paar Tagen gebaut. Oder weiter das Loch im Rohr gesucht. Oder beides. Keine Ahnung. Auf dem Aushang steht eine Rufnummer, unter der man sich informieren kann, falls man das möchte. Ich habe sie genutzt und mir erklären lassen, dass das Grundwasser um 1,5 Meter abgesenkt werden müsse und die Genehmigung habe auf sich warten lassen. Alles in allem habe dies zehn Wochen Stillstand bedeutet. Ich werde mich als totaler Wasser-Laie hüten, zu sagen, dass das auch hätte schneller gehen können. Lieber eine statische Berechnung mehr als ein eingestürztes Haus zu viel.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Der Mann, mit dem ich über die Wasserlage sprach, war für Berliner Verhältnisse sehr nett. Auch ich war freundlich, weil ich dachte, der arme Wassermann kriegt sicher genug dämliches Zeug um die Ohren gehauen, obwohl er weder das Loch ins Rohr gehauen noch das Grundwasser unzulässig angehoben hat. Zum Wutbürger wurde ich trotzdem, wenn auch nur, um das gleich zu sagen, vorübergehend. Vor einigen Wochen war ich schwer unter Zeitdruck und platzierte mein Auto im Parkverbot, ohne einen Fußweg oder eine Straße zuzustellen. Prompt bekam ich eine Geldbuße aufgebrummt. Da dachte ich: Die spinnen! Die müssen doch so etwas wie Fingerspitzengefühl für die Situation haben und ein Auge zudrücken.

Ich schrieb ans Ordnungsamt mit dem Appell, doch bitte wegen der vielen Sperrungen - Sie wissen doch: DIE KREUZUNG! - Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Es ging mir nicht um die paar Euro, sondern die Reaktion der Behörde. Ich erhielt erstaunlich schnell eine Antwort, dass mein Wunsch "sicherlich nachvollziehbar" sei, aber über Ordnungswidrigkeiten "nicht einfach hinweggesehen werden" könne, zumal "uns wöchentlich hunderte Meldungen/Beschwerden über Falschparker in Verbindung mit der Forderung nach mehr Kontrollen" erreichten. Deshalb verhielten sich die Kontrolleure neutral. Klingt überzeugend. Und selbstverständlich ist es richtig, dass der Staat Gesetze durchdrückt und Verstöße sanktioniert. Aber dann, geschätztes Ordnungsamt und werte Polizei, geht doch mal zur Abwechslung gegen all die Typen vor, die stundenlang in zweiter Reihe, in Einfahrten oder dem Gehweg stehen.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. So warte ich geduldig auf das Ende der Baustelle. Bis dahin beobachte ich weiter mit Vergnügen die überheblichen Typen in ihren SUV oder Audi A6, die meine Straße mit Volldampf runterfahren, in ihrem Größenwahn das Schild "Durchgang gesperrt" ignorieren, um schließlich mühevoll in der Baustelleneinfahrt zu wenden. Schade, dass diese Kerle nicht mit der "Titanic" unterwegs sind.

Quelle: n-tv.de

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