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In Vino Verena Squirting: Die spritzige Lust der Frauen

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Die weibliche Lust ist komplex und voller Mythen.

Selbst die Forschung hinkt hinterher: Was passiert eigentlich beim sogenannten "Squirting"? Ist die Frau nur sehr erregt? Unsere Kolumnistin über eines der faszinierendsten Phänomene weiblicher Sexualität.

"Squirting? Ist das nicht dieses Limo-Getränk aus Mittelamerika?", fragte neulich ein Herr, als ich in meinem sozialen Netzwerk eine Umfrage startete, wem der Begriff Squirting geläufig sei. Knapp 500 Leute nahmen teil, 65 Prozent stimmten für ja, 35 Prozent gaben an, zum ersten Mal davon zu hören. Das hat mich relativ überrascht, ich hatte erwartet, dass viel weniger wissen, was Squirting ist.

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Squirting ist kein "kleines Malheur", im Gegenteil.

(Foto: imago/CHROMORANGE)

Tatsächlich handelt es sich beim Squirting nicht um ein Mix-Getränk vom anderen Ende der Welt, sondern um eine ganz besonders faszinierende sexuelle Reaktion der Frau, über die sehr lange, wenn überhaupt, nur mit vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Dabei ist dieses ach so vermeintliche Tabuthema eines der spannendsten der modernen Sexualwissenschaft.

Achtung, eins vorab, das hier ist eine Kolumne und keine wissenschaftliche Abhandlung! (Wissenschaftliche Abhandlungen sind von mir nur über die großräumigen tektonischen Verschiebungen der äußeren Lithosphäre zu erwarten.) Aber von vorn.

"Ich war nur noch Körper!"

Ich sitze mit meiner Freundin Tina bei unserem allwöchentlichen Zwei-Frauen-Soiree auf ihrem Balkon. Tina zieht an ihrem Glimmstängel und bläst den Rauch genüsslich in den lauen Novemberabend, ich nippe an meinem Weißweinglas und streichle ihren Kater Moppi, da erzählt sie mir von ihrem jüngsten Sexerlebnis mit ihrem neuen Freund. Sie gerät sofort ins Schwärmen, berichtet von dessen Einfühlungsvermögen und wie selten sie zuvor das Gefühl gehabt habe, sich so fallenlassen zu können. Es sei zum Teil sogar magisch und sie "nur noch Körper" gewesen.

Doch plötzlich sei etwas geschehen, was ihr zwar nicht ganz fremd gewesen sei, sie jedoch nie in einer solchen Intensität wahrgenommen habe. "Da schoss diese kleine Fontäne aus mir heraus! Das halbe Laken war nass!" Sie habe sich richtiggehend erschrocken und sich kurz ein paar sorgenvolle Gedanken gemacht, ihr neuer Partner könne die klare Flüssigkeit für Urin halten und sich ekeln. Doch der lächelte und begrub sie unter 1000 Küssen.

Meine Freundin hatte gesquirtet, salopp gesagt "abgespritzt". (Aus dem Englischen übersetzt heißt "to squirt" spritzen). Tina nannte diesen faszinierenden Vorgang jedoch "kleines Malheur". Und da war er, der Moment, in dem ich dachte: Wir müssen reden! Wie kann es sein, dass Frauen derlei reizvolle sexuelle Reaktionen als Malheur bezeichnen? Da läuft aber gewaltig etwas schief!

Was ist Squirten denn nun genau?

Ist Squirten gleichzusetzen mit der "weiblichen Ejakulation"? Schließlich steht es so ja auch ganz oben bei Wikipedia. Doch vielleicht ist es gar nicht so übertrieben, zu sagen, dass hier noch jede Menge Nachholbedarf besteht, sei es in der Forschung oder auch in der Aufklärung weiblicher Sexualität. Dass ich so etwas im Jahre 2019 schreiben würde, hätte ich vorher auch nicht für möglich gehalten.

Nach neuesten Studien sind das etwas unelegant klingende "weibliche Abspritzen" und das "weibliche Ejakulieren" nämlich zwei verschiedene Vorgänge, beide verbindet das intensive Lusterlebnis. Bei der weiblichen Ejakulation handelt es sich um eine kleine Menge an (meist milchig aussehender) Flüssigkeit, sie ähnelt dem männlichen Prostata-Sekret. Denn ja, auch Frauen haben eine Prostata, die sogenannte Paraurethraldrüse, besser bekannt als Prostata feminina.

Kann nun jede Frau squirten und ejakulieren? Im Grunde ja. Jedoch sind die weiblichen Erregungsphasen so unterschiedlich und individuell, dass viele Frauen diese Vorgänge gar nicht bewusst erleben. Außerdem ist jede Frau anders. Von daher ejakuliert auch nicht jede bei einem Orgasmus.

Fakt ist, Squirten ist weder seltsam noch ekelig, es ist ein wundervoller, energiegeladener Beweis für eine starke, weibliche Sexualität, was nicht heißt, dass Frauen, die nicht squirten, Sexualität als weniger leidenschaftlich empfinden, genauso wie squirtende Frauen noch lange keinen Orgasmus haben müssen.

Die Komplexität der weiblichen Lust

Squirten, streicheln, kommen, nicht kommen: Die weibliche Lust ist so komplex, dass sie weder auf das eine noch auf das andere reduziert werden sollte, wie es oft in der Pornoindustrie geschieht, um den Trieb des Mannes zu befeuern. Ohne die Fantasie der Pornogucker schmälern zu wollen: Was ihr dort seht, ist zwar echtes Business, aber keine echte Erregung.

Einer der größten Mythen besagt, beim Squirten handle es sich um versehentliches Urinieren. Dieses Gerücht hält sich hartnäckig. Als hätten squirtende Frauen ihre Blase nicht im Griff und würden den lieben langen Tag nichts anderes machen, als aus Versehen einzupullern! So erläutert beispielsweise die Paar- und Sexualtherapeutin Leila Bust in ihrem Podcast, sie mache in ihren Seminaren noch immer regelmäßig die Erfahrung, dass Frauen zu ihr kämen und berichteten, sie hätten "beim Sex das ganze Bett vollgemacht" und "was das denn sei, das könne keinesfalls Urin sein, sie würden vor dem Sex ihre Blase entleeren".

Vielen Frauen ist weder bewusst noch bekannt, dass sie squirten und ejakulieren können. Darüber herrscht nach wie vor weitestgehend Unklarheit, genauso wie darüber, dass es sich eben um zwei verschiedene Phänomene handelt. Hinlänglich wissenschaftlich bewiesen ist, dass jede Frau ejakulieren kann. In den Forschungspublikationen wird dies wie folgt beschrieben: Der "echte" weibliche Freudenerguss ist die Freisetzung einer sehr spärlichen, dicken und weißlichen Flüssigkeit aus der weiblichen Prostata.

Die oft als schwallartig beschriebene Flüssigkeit, die beim Squirting freigesetzt wird, ist klar, dünnflüssig und enthält, wie französische Forscher entdeckt haben, eine sehr niedrige Konzentration von Kreatinin, Harnstoff und Harnsäure. Und deswegen wird eben oft angenommen, es handele sich um eine unfreiwillige Abgabe von Urin. Nur weil die geruchsneutrale Flüssigkeit aus der Blase kommt, haben Frauen noch lange kein Problem mit Harninkontinenz. Vielmehr erleben sie eine Phase tiefster Erregung. Und das ist kein "Malheur", sondern wunderbar!

Quelle: n-tv.de

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