Leben

Kontrollverlust auf der Couch Tag der Jogginghose - what's new?

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Jogginghosen werden geliebt und gehasst.

(Foto: imago images / Martin Wagner)

Es sich so richtig gemütlich machen ist was Feines! Für viele gehört die passende Klamotte dazu - zum Beispiel eine Jogginghose. Doch ganz gegen Lagerfelds Maxime sieht es nicht danach aus, dass jeder, der eine Jogginghose trägt, die Kontrolle über sein Leben verloren hat.

Mit der Jogginghose in die Oper oder die Philharmonie? Muss ja nicht sein. Immerhin haben sich die Menschen auf der Bühne auch in Schale für das Publikum geworfen. Es ist also durchaus eine Frage des Respekts, was man anzieht. Auch ist die Beratung in einer Bank oder ein Termin in einer Rechtsanwaltskanzlei durchaus in einem "anständigen" Aufzug von Vorteil - ganz einfach, weil das Gegenüber zu 95 Prozent dort auch korrekt gekleidet sein wird. Aber was ist korrekt? Kann eine Jogginghose inzwischen nicht auch korrekt sein? Kann sie, dennoch: Kleider machen Leute.

Und mit Kleidung möchte man etwas aussagen. Wenn ich nachlässig angezogen bin, könnte ich damit eventuell ausdrücken, dass mir mein Gegenüber egal ist, und das ist in vielen Fällen ungünstig. Inzwischen gibt es natürlich unendlich viele Arten von Jogginghosen und es gibt Hosen, die Jogginghosen nachempfunden sind. Es gibt sogar Jogginghosen, die aussehen, als könnte man damit auf einem Ball tanzen, weil sie die typischen Streifen an der Seite haben, die sonst nur Smokinghosen haben.

Aber: Habe ich die Kontrolle über mein Leben verloren, wenn ich in Jogginghose vor die Tür gehe oder mit meinem Partner auf der Couch lümmele? Karl Lagerfeld hat diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet. Für ihn war es undenkbar und wahrscheinlich hat er auch die Katzenfutterdose immer korrekt gekleidet in Morgenmantel und einem weißen Hemd geöffnet. Sollte er je einen Nagel in eine Wand geschlagen haben - er wird es mit Würde und eleganten Handschuhen getan haben. Es ist ganz sicher eine Frage des Geschmacks und es ist eine sehr persönliche Sache, wie man seinem Partner nach einem langen Tag abends die Tür öffnet, und ob man eine Jogginghose trägt oder ein Negligé. Oder ein Kleid. Oder eine Jeans. Fest steht: Man möchte ganz sicher etwas damit signalisieren.

Kann auch sexy sein

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Auch auf dem Laufsteg kann die Jogginghose in Szene gesetzt werden. Was wohl Karl Lagerfeld dazu gesagt hätte?

(Foto: picture alliance / dpa)

Nur wenn Menschen gar nicht mehr aus der Jogginghose herauskommen, sie bei jeder Gelegenheit tragen, dann wird es vielleicht kritisch. Dabei kommt "Jogging" ja durchaus aus der sportlichen Ecke. "To jog" heißt übersetzt laufen beziehungsweise sich bewegen. Aber die Allzeit-Jogginghosen-Träger würden auch jeden Tag dieselbe andere Hose tragen, einfach, weil ihnen Kleidung nicht so wichtig ist. Und viele Jogginghosen träumen sicher von ihrem ersten sportlichen Einsatz, davon, dass sie mal so richtig an ihre Grenzen gehen dürfen. Denn über den Radius "Couch bis Küche" dürften so einige noch nicht hinausgekommen sein.

In Schulen wird neuerdings vermehrt darauf hingewiesen, dass Schüler doch bitte außerhalb des Sportunterrichts keine Jogginghosen tragen sollen, vor allem dann nicht, wenn die Schüler einen Ausflug machen. In einer britischen Schule wurden sogar schon Eltern gebeten, ihre Kinder doch nicht komplett im "Out of Bed"-Style vor der Schule abzusetzen, das halte man für ein falsches Signal. Da ist sicher viel dran - jedoch sollte man sich aber auch überlegen, dass zu viele Regeln auch echt nerven und geradezu danach schreien, gebrochen zu werden.

Warum aber feiern wir heute eigentlich den "Internationalen Tag der Jogginghose"? Das geht zurück auf vier österreichische Jungs, die 2009 mit ihrer kompletten Klasse im Schlabberlook in die Schule gingen - und beschlossen, daraus eine Tradition zu machen. Geholfen hat ihnen dabei ihr Mut zur Peinlichkeit, Facebook und der anscheinend richtige Riecher für den aktuellen Zeitgeist. Natürlich ist die Jogginghose in der Musikwelt und in der Mode nicht mehr wegzudenken. Auf der Fashionweek haben sich die bequemen Buxen auch längst durchgesetzt - zumindest in Berlin.

Paris gibt da sicher ein anderes Bild ab! Aber darauf angesprochen, ob Jogginghosen außerhalb des Sportplatzes ein No Go sind oder nicht, antwortet Schauspielerin Katy Karrenbauer zum Beispiel: "Ich liebe Jogginghosen und kombiniere sie mit allen möglichen anderen Klamotten. Mit schicken Sneakers oder einem stylishen Sweatshirt kann das richtig gut aussehen." Und auch Charlotte Würdig, Ehefrau von Rapper Sido und den Anblick von Jogginghosen sicher gewohnt, sagt: "Ich fand Karl Lagerfeld großartig, aber ich finde nicht, dass ich die Kontrolle über mein Leben verloren habe, wenn ich eine Jogginghose anziehe. Manchmal trage ich als Stilbruch hohe Schuhe dazu."

Die österreichische Designerin Lena Hoschek, gerade hochschwanger und immer supergut gekleidet, lacht: "Ich habe neulich tatsächlich einmal gedacht, dass ich die Kontrolle über mein Leben verloren habe. Ich trage Jogginghosen nur zu Hause, aber nicht vor der Tür. Aber in meinem momentanen Zustand habe ich gedacht, was soll's, und bin in so ins Büro gegangen. Meine Mitarbeiter haben etwas irritiert geguckt, aber ich habe das gute Stück an dem Tag nicht mehr ausgezogen. Ich habe mich aber ein bisschen schlecht gefühlt."

Modemacher Kilian Kerner steht vollkommen zur Jogginghose: "Für mich sind Jogginghosen absolut tagestauglich. Auch auf Partys und bei mir auch im Job. Die Jogginghose ist lange nicht mehr das, was sie mal war." Kerner findet, dass die Jogginghose in der Modewelt ganz oben angekommen ist und gibt Tipps: "Jersey, Samt, Seide - gut kombiniert kann das sehr sexy sein." Und übrigens: Das Joggingshosen-Verbot in der Schule hält er für völlig übertrieben und altmodisch.

Na dann - machen Sie es sich heute Abend gemütlich! Mit oder ohne Jogginghose! Vor allem aber - ohne schlechtes Gewissen!

Quelle: ntv.de