Leben

Musik, Freiheit und Geld "Tattoo-Krause" startete als DDR-Punk

Krause-Knast.jpg

Die Zeit im Stasi-Gefängnis hat Daniel Krause stark geprägt.

(Foto: Niko-ink-Photographie Berlin)

Er reist um die Welt, tätowiert und spielt bei mehreren TV-Formaten mit. Daniel "Tattoo" Krause ist schon sein Leben lang ein bunter Hund. Als Punk in der DDR landet er deshalb im Gefängnis, erlebte psychischen Terror und Prügel. 30 Jahre später kommen die alten Traumata wieder hoch.

Als Daniel Krause in Berlin zum Brandenburger Tor stürmt, fühlt er sich leicht und beschwingt. Auch ein bisschen betrunken und verliebt. Eigentlich wollen Krause und seine Punker-Freunde in der Nacht zum Pfingstmontag 1987 nur David Bowie hören. Etliche Menschen sind zur Mauer geströmt, um seinen Klängen jenseits der Mauer zu lauschen. Für sie ist es ein magischer Moment: Bowie grüßt sogar die Ostberliner und sagt zwei Sätze auf Deutsch. Der Tag im Frühling startet so gut, dass das Ende unvorstellbar scheint. Gedränge und Geschubse verwandeln sich in wenigen Sekunden zu roher Gewalt: Er wird Zeuge, wie Studenten, Schüler und Arbeiter von der Volkspolizei zu Boden getreten und mit Knüppeln geschlagen werden, bis das Blut spritzt. Erst jetzt, 32 Jahre später, erkennt Krause, dass er traumatisiert ist.

Krause-Freunde-Punk.JPG

Krause und seine Punker-Freunde wurden regelmäßig von den Ordnungshütern vertrieben.

(Foto: Daniel Krause)

"Für mich war das der Moment, der mit dem Mauerfall mehr zu tun hatte, als David Hasselhoff es je tun wird", sagt Krause zu n-tv.de. Selten habe er sich lebendiger gefühlt. Es weckt in ihm den Wunsch nach Freiheit und Demokratie. Krause und seine Punker-Freunde sind es gewohnt, von der Volkspolizei von jeglichen Plätzen der Stadt verjagt zu werden. Ihre bemalten Lederjacken, die bunten Haare und ausgelatschten Stiefel sind für den Staat Zeichen des Widerstands. Mit Bierflasche in der Hand gehören sie zu der Sorte Menschen, die es in der DDR hätte eigentlich gar nicht geben dürfen. Doch als an diesem Abend die Ordnungshüter mit Fäusten und Schlagstöcken auf die Ost-Berliner einprügeln, erreicht die Gewalt einen neuen Höhepunkt. Etliche Menschen werden verletzt. Krause ist gerade 18 Jahre alt geworden, aber "meine Leichtigkeit war mit einem Mal weg", erzählt er.

Für Krause, wie für viele andere damals, ist das der Schlüsselmoment, der alles verändert. Er rebelliert, leistet Widerstand gegen den Staat und kommt ein Jahr später in den Knast. Acht Monate sitzt er ohne richtigen Prozess im Gefängnis. Er war damals 19 Jahre alt. Als Grund schiebt der Staat eine Rangelei zwischen ein paar Männern vor, aber für Punks und "politische Gegner" brauche man eigentlich keinen Vorwand: "Irgendwann kommst du einfach in den Knast", erklärt Krause nüchtern. Seine Akte fängt schon in der Schule an, als er seine Lehrer fragt, warum die Drahtstacheln auf der Mauer nach innen zeigen, wenn sie doch angeblich vor Eindringlingen schützen solle.

"Es war Psycho-Terror"

Krause-Knast-hinten.jpg

Acht Monate verbringt Krause als 19-Jähriger hinter Gittern.

(Foto: Niko-ink-Photographie Berlin)

Eines Morgens im Februar 1989 fliegt schließlich seine Tür auf und Krause wird von acht Polizeibeamten in Handschellen aus seinem Haus abgeführt. Wie in einem schlechten Film, erzählt er, hält ihm auf dem Revier jede Stunde ein Beamter eine Lampe ins Gesicht. In einer Ecke der Zelle stehend, muss er immer wieder Geburtsort und Name wiederholen und angeben, warum er hier ist. Nach 30 Stunden ist Krause bereit, alles zu unterschreiben, was man ihm vorgelegt. Einen Anwalt hat er nicht, als er wenige Tage später von einem Haftrichter verurteilt wird. Auch einen Geschädigten gibt es nicht. Drei Monate lang hat er keinen Kontakt zu Außenwelt, kein Radio, keine Zeitungen, nicht einmal seine Mutter darf er sehen. "Was dort stattgefunden hat, war psychischer Terror". Trotzdem sagt er heute, die Zeit im Knast hätte ihn sozialisiert. "Vielleicht wäre ich sonst ein Arschloch geworden, wer weiß." Krause zuckt mit den Achseln.  

Nur vier Tage bevor die Mauer am 9. November 1989 fällt, wird er freigelassen. Ahnungslos beschließt Krause zu flüchten. Mit dem Gefühl, nichts mehr verlieren zu können, würde er lieber wieder zurück ins Gefängnis gehen, als ein Leben als unterdrückter DDR-Bürger zu führen. "Da hatte man wenigstens die Chance, vom Westen freigekauft zu werden", sagt Krause. Doch so weit kommt es nicht mehr. Als die Mauer schließlich aufgeht, ist er einer der Ersten, der im benachbarten Kreuzberg ungläubig sein erstes West-Bier trinkt.

"Du musst Kohle machen"

"'Du musst Kohle machen' war mein erster Gedanke, als ich im Westen ankam", erinnert sich Krause. Vielleicht ist er deshalb heute so erfolgreich. Heute gilt der Mann mit den bunten Armen und Halbglatze mit Pferdeschwanz als einer der bekanntesten Tätowierer Deutschlands. Seine Rolle bei "Berlin Tag und Nacht" macht ihn in ganz Deutschland bekannt. Die Gier nach Neuem, nach Freiheit und Geld hat ihn alles mitnehmen lassen. Er fährt von einem TV-Dreh zum nächsten, eröffnet fünf Tattoo-Studios, reist um die Welt, moderiert eine Radio-Show, schreibt fünf Bücher. "Tattoo"-Krause hat in seinem Leben sowohl vor als auch nach der Grenzöffnung nichts anbrennen lassen.

ANZEIGE
Freiheit unterm Ladentisch: Mein Leben als Punk in der DDR
14,99 €
*Datenschutz

Wenn der 50-Jährige über seine Erfahrungen in der DDR spricht, scheint es oft so, als sei er selbst überrascht, sie aus seinem eigenen Mund zu hören. Er redet viel und schnell. Oft springt er von einem Thema zum nächsten und verliert den Faden bei den vielen Geschichten, die in ihm hochkommen. Die hatte er lange verdrängt, beerdigt und unter Verschluss gehalten, ohne zu wissen, was da eigentlich in ihm schlummert. In seinem neuen Buch "Freiheit unterm Ladentisch" lässt er seine schlimmste Zeit wieder aufleben. Für den Tätowierer ist es wie eine Aufarbeitung einer lange verlorenen Liebe.

Zurück in den Osten

Oft wirkt Krause mit seinen vollgehackten, muskulösen Oberarmen auf den Fernsehbildschirmen wie ein Macho. Er ist energisch und laut. Doch mit dem 30. Jahrestag des Mauerfalls überkommen ihn die Emotionen. Mit dem Wissen, dass er jetzt erst langsam dahinterkommt, was die DDR mit ihm gemacht hat, "muss er erst mal klarkommen", sagt er. Trotz der Erfahrungen, die ihn noch heute schmerzen, hat es ihn wieder zurückgezogen. Als kleiner Junge schämt sich Krause für seine Adresse am Kartoffelsteig in Blankenfelde, im dörflichen Ost-Berlin. Jetzt, viele Jahre später, wohnt er wieder dort. Mit Frau und Kind. Er mag es, Nachbarn zu haben, die genau das Gleiche erlebt haben wie er. Ostberliner verstehen sich eben untereinander, sagt er. Und bleiben offenbar deshalb auch gerne untereinander. Vielleicht war im Osten eben auch nicht alles schlecht.

Die Idee, ein Buch über seine Erlebnisse in der DDR zu verfassen, hatte Krause nicht selber. Jetzt war er in beinahe jeder Talkshowrunde zum Thema 30 Jahre Mauerfall zu Gast. Was anfangs wohl eine Idee der Vermarktung war, wurde über die Monate für Krause zur emotionalen Achterbahnfahrt. Die Erinnerungen, was passiert ist, mache ihm deutlich, was in Zukunft nicht mehr passieren darf. Denn der Fall der Mauer war für Krause nicht nur ein Freifahrtschein zu Reisen, coolen Hosen und US-amerikanischer Musik. "Das Wichtigste ist, dass so ein Regime wie die DDR, das ihre Menschen unterdrückte, nicht gewonnen hat."

Quelle: ntv.de