Leben

Der Denglische Patientlittge The Master of Social Distancing

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Alt, weiß, fast kahlköpfig, jüdisch erzogen, aber atheistisch gesinnt: Larry David, Master of Social Distancing.

(Foto: imago images/Prod.DB)

Falls Sie gegen die Langeweile in der Quarantäne noch eine TV-Serie suchen, nehmen Sie doch am Leben von Larry David teil. Nach 100 Folgen "Curb Your Enthusiasm" hat der Kolumnist vor allem zwei Dinge gelernt: Englisch und die Kunst, sich im richtigen Moment unbeliebt zu machen.

Dass die Coronakrise auch in sprachlicher Hinsicht Spuren hinterlässt, beweist alleine der englische Begriff "Social Distancing". Er ist innerhalb weniger Wochen zur Handlungsmaxime im deutschsprachigen Alltag und zum festen Bestandteil unseres Wortschatzes geworden. Gemeint ist nicht mehr und nicht weniger als die Notwendigkeit, sich von anderen fernzuhalten, also eine Art bewusster Selbstisolierung. Damit sie gelingt, ohne einen in Traurigkeit und Depressionen zu stürzen, muss man wirklich alleine sein können - räumlich wie geistig.

Viele Menschen hadern mit dieser Anforderung, weil sie sich mit der eigenen Person furchtbar langweilen. Das Gleichgewicht aus Selbstbestimmung und Selbstzufriedenheit ist nicht jedermanns Sache.

Umso besser ist es, wenn es Vorbilder gibt!

Da ich häufiger gefragt werde, welche englischsprachige Fernsehserie ich gerade in diesen Zeiten empfehlen würde, kann ich hier nun endlich eine herausragende Figur vorstellen. Nicht nur, dass sie mir schon viel brauchbares Alltagsenglisch beigebracht hat. Darüber hinaus beherrscht sie die Selbstisolierung in allen denkbaren sozialen Situationen so bravourös wie niemand sonst - wenn man nur bedenkt, dass sie in Los Angeles lebt, aber unter den kombinierten Verhaltensauffälligkeiten leidet, die hierzulande sture Brandenburger, redselige Rheinländer und hochnäsige Hamburger an den Tag legen.

Alt, weiß, fast kahlköpfig

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Peter Littger empfiehlt "Curb your Enthusiasm".

(Foto: imago images/Prod.DB)

Die Rede ist vom alten, weißen, fast kahlköpfigen, jüdisch erzogenen, aber atheistisch gesinnten Larry David, der als Autor, Hauptdarsteller und als lebendes Vorbild des fiktiven alten, weißen, fast kahlköpfigen jüdisch erzogenen, aber atheistisch gesinnten Larry David agiert.

Die anscheinend größte wie einzige Lebensleistung der beiden besteht darin, in den Neunzigerjahren die populäre Fernsehserie "Seinfeld" mitgeschaffen zu haben. Und weil LD seitdem umgeben ist von Prominenten, lässt er sie scharenweise an seiner Serie teilnehmen. Hauptsache, sie tun gefälligst das, was ihm nicht gelingt: Sie halten den Ball flach, spielen sich nicht auf und machen halblang - womit der Serientitel "Curb your Enthusiasm" erklärt wäre.

Unbedingt im Original ansehen

Dass die deutschsprachige Fassung mit der wohlfeilen Alliteration "Lass es, Larry!" an den Start ging, soll hier als Hinweis ausreichen, dass die US-amerikanische Originalversion unbedingt vorzuziehen ist.

Dieser Vorzug ergibt sich für Denglische Patienten auch aus dem besonderen Text der Serie - der weitestgehend ohne Drehbuch auskommt und sie zu einer Pioniersendung des non-scripted drama gemacht hat. Von Anfang an hat "Curb" (wie Fans das spontane Filmtheater nennen) mit englischsprachigen Feinheiten und Finessen geglänzt. Unvergessen ist etwa die erste Episode vor genau 20 Jahren, als LD mit seiner damaligen Frau Cheryl (gespielt von Cheryl Hines) über die cut off time streitet, ein Begriff, den ich bis dahin nicht kannte. Er beschreibt den spätesten Zeitpunkt, zu dem man im sozial streng formatierten Amerika der Mittelschichten abends noch bei anderen Leuten anrufen darf. Mit diesem Streit war sofort das "Curb"-Grundmuster etabliert: Alles, was LD furchtbar spießig findet, kontert er mit eigenen Auffassungen und meist vergeblichen Regeln, die nicht minder spießig sind.

Die Eigenschaften des Spießers

Und apropos "spießig", bekanntlich eines jener deutschen Wörter, die sich in ihrem ganzen Bedeutungsumfang kaum ins Englische übersetzen lassen. Man kann von stuffy, grumpy und gar anal (gesprochen äi-nl) sprechen. Oder man schaut alleine die zehnte Staffel von "Curb" und kennt danach eine Reihe unterschiedlicher Übersetzungen, die jeweils eine Eigenschaft des Spießers beschreiben:

  • the prick: ein illoyaler Scheißkerl, der die Freundschaft zu einem Gehbehinderten sucht, nur um ihm seine Sonderparkerlaubnis abzuluchsen.
  • he prig: ein selbstgefälliger Schnösel, der beim BMW-Händler ein defektes Auto simuliert, nur um beiläufig Süßigkeiten aus Deutschland zu schnorren.
  • the douchebag, schmuck and moron: ein Trottel, der die (zweifelsohne spießige) Ablehnung des BMW-Händlers nicht auf sich sitzen lässt und am Ende den teuersten Wagen kauft.
  • the philistine: ein Banause, der eine rote "Make America Great Again"-Schirmmütze aufsetzt, um lästige Mitmenschen abzuwimmeln - und versehentlich die Sympathien von Trump-Anhängern gewinnt.
  • the loner/the lone wolf: ein bindungsgestörter Eigenbrötler, der nach der Scheidung von seiner Frau mit seinem ebenfalls bindungsgestörten Freund Leon zusammenwohnt.
  • the stickler: ein regelverliebter Pedant, der gegenüber seinen Mitmenschen doziert, dass niemand nach dem 3. Januar "Happy New Year" sagen sollte und das auch deutlich und laut, kurz: cholerisch.
  • the nitpicker, bean counter and faultfinder: ein Korinthenkacker, Erbsenzähler und Besserwisser, dem bei "Mocca Joe" der Kaffee und die Scones nicht schmecken und die Tische zu sehr wackeln, weshalb er sein eigenes Café eröffnet und einen Trend unter reichen kalifornisches Spießern lostritt: der spite shop. Das ist ein Geschäft, das man aus Boshaftigkeit und Rachsucht eröffnet, um ein anderes in den Ruin zu treiben.

Im Kosmos von Kalifornien, wo Berufsbezeichnungen wie Rockstar, Ninja, Hero, Guru oder Genius tatsächlich ernst genommen werden, stehen normalerweise auch einem Mann mit dem Titel Seinfeld Co-Creator alle Türen offen: zu Restaurants, zu Partys und überhaupt zum sozialen Leben, wie es vor Corona war. Dass LD trotzdem immer wieder scheitert, liegt an seinem an Autismus grenzenden Eigensinn. Er folgt keiner Moral, keinen steifen sozialen Regeln oder empty gestures, sondern dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein eines vermögenden, vergnügungssüchtigen Frührentners mit einem Aufmerksamkeitsdefizit und überdurchschnittlicher Intelligenz.

Mit seinem Blick seziert der die Gesellschaft und mit seinen Aktionen wie Reaktionen karikiert er sie - und lässt dabei die Zuschauer stets im Ungewissen, ob er sich zeitgemäß achtsam oder unzeitgemäß unachtsam verhält. Die Themen sind die immergleichen und doch verlieren sie nie ihre Faszination. Es geht um Sprache und Kultur, um Spitzfindigkeiten und Normen und die unvermeidlichen Missverständnissen und Normverletzungen. In einem Fort drängen sie einen wie LD in die eisige Einsamkeit oder ins wärmende innere Exil.

Als Mitbewohner Leon vor zwei Jahren in der neunten Staffel mit dem Wort Lampin‘ einen längst legendären Beitrag zur Popkultur lieferte, war das zugleich der Ausdruck für den Zustand, den er und LD anstreben: Eine Form der Entspanntheit, die im Unterschied zum Chilling nicht den aufrechten Gang und die Klamotten der Spießer erfordert, sondern erlaubt, in allen Lebenslagen herumzuflegeln.

Mit dieser nihilistischen Flegelhaftigkeit hat sich LD nach 100 Episoden und pünktlich zur Corona-Krise den Titel "King of Social Distancing" verdient.

Widersprüchliches Verhältnis zur deutschen Kultur und Sprache

Dabei würde ihm selbst vermutlich die wagneresk-deutsche Bezeichnung "Meister" noch besser gefallen, nicht nur, weil er ein widersprüchliches Verhältnis zur deutschen Kultur und Sprache pflegt, das von Ablehnung und Anerkennung geprägt und seinem eigenen ambivalenten Charakter nicht unähnlich ist. Noch mehr würde ihn es wahrscheinlich freuen, wenn er wieder einmal den Argwohn seines jüdisch geprägten sozialen Umfelds erregen könnte - so wie ihm das gelungen ist, als er eine Melodie von Richard Wagner auf offener Straße pfiff oder einen herausragenden Spitznamen für seine Frau hatte: "Hitler".

Was die jüdische Tradition betrifft, die LD immer wieder in köstlicher Weise aufs Korn nimmt und dadurch mit Selbstironie glänzt: Zuschauer, die genau zuhören, werden verstehen, woher viele der deutschen Anklänge in der englischen Sprache kommen:

  • Gesundheit! Eine Alternative zu (God) Bless you!
  • to schlepp
  • verklemmt
  • Schmutz
  • Schnorrer
  • milchig, fleischig
  • spiel. Das ist das Geschwafel, das so langatmig und nutzlos wie wortreich und zielführend sein kann, etwa in einem Verkaufsgespräch - heute auch denglisch Pitch genannt.

Ich kann nicht verschweigen, dass es genau dieses spiel ist, mit dem es LD immer wieder gelingt, die selbst geschaffene soziale Distanz zu überwinden. Etwa nachdem er sich in einem Restaurant lautstark darüber aufgeregt hat, nicht im Bereich für die schönen, sondern für die hässlichen Gäste zu sitzen - und dabei beinahe ein Hausverbot erhielt. Am Schluss sitzt er doch auf der richtigen Seite des sonnenverwöhnten kalifornischen Lebens. Auf gar keinen Fall, weil er gut ausieht. Aber weil er der eine ist: the one and only creator of "Curb".

Die Serie "Curb your Enthusiasm" ist in der englischen Originalversion von Staffel 1 (2000) bis 9 (2017) bei Amazon, Apple oder Google verfügbar. Die neueste Staffel 10 (2020) kann mit einem VPN-Dienst wie Windscribe bei HBO.com gesehen werden. Das dafür erforderliche Abo "HBO Now" ist eine Woche gratis und kostet danach 14,99 Dollar pro Monat.

Quelle: ntv.de