Leben

Über Amerika, Alltag, Alzheimer Thomas Hoepker, Bilderfabrikant

3_USA, New York, September 11, 2001. View from Brooklyn towards Brooklyn Bridge and downtown Manhattan_copyright Thomas Hoepker and Magnum Photos.jpg

11. September 2001, Blick von Brooklyn Richtung Brooklyn Bridge und Manhattan: Dieses Foto hatte Thomas Hoepker eigentlich aussortiert. Doch auch Jahre später wird darüber viel diskutiert: "Mein wichtigstes Bild", sagt er heute.

(Foto: Thomas Hoepker/Magnum)

Immer unterwegs - das ist der Eindruck, wenn man Thomas Hoepkers Fotografien betrachtet. Er zeigt seit 70 Jahren die Welt, wie sie ist. Die Liste ist lang: China, Portugal, Italien, auch in der DDR war er zu Zeiten des Eisernen Vorhangs. Drei Jahre verbrachte er dort, hielt das Leben fotografisch fest. Legenden wie Muhammad Ali traf er mehrfach, berühmte Bilder der Box-Ikone sind so entstanden. Die Bilder von Thomas Hoepker kennt jeder, derzeit sind sie in Wetzlar im Ernst-Leitz-Museum zu sehen. Dazu gesellen sich noch nie gezeigte Fotografien aus seiner Studentenzeit. Es gibt ein neues Buch, das wie eine Zeitreise durch die USA ist, und demnächst kommt ein Film über den 85-Jährigen in die Kinos. Thomas Hoepker, der an Alzheimer erkrankt ist, beantwortet die Fragen, die ntv.de ihm nach einem Treffen im Wetzlarer Museum schriftlich gestellt hat, zusammen mit seiner Frau Christine Kruchen. Es geht um spannende Roadtrips, die unheimliche Erkrankung Alzheimer, Schuhe, Hunde und Humor.

ntv.de: Wie kam es zu Ihrem ersten Roadtrip 1963 in die USA?

Thomas Hoepker: Damals war ich 27 und arbeitete bei der Zeitschrift "Kristall", die alle 14 Tage erschien. Eines Tages fragte der Chefredakteur, ob ich Lust hätte, Amerika zu entdecken. Der Autor Rolf Winter und ich mussten nicht lange überlegen. Unsere Route wurde knapp skizziert: "Fliegt nach New York, mietet euch einen Wagen, fahrt in Richtung Pazifik und nehmt eine andere Route zurück. Unterwegs macht ihr Fotos und notiert, was ihr gesehen habt." Eine exakte Zeitvorgabe gab es nicht. Das knappe Briefing gefiel uns.

Warum sind Sie 2020 nochmals auf diese Reise gegangen?

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Sein größter Traum, den Roadtrip von 1963 zu wiederholen, erfüllte sich 2020 - Spiegelselfie von und mit Thomas Hoepker.

(Foto: Thomas Hoepker)

In den letzten Jahrzehnten war ich sehr viel unterwegs. Allerdings meistens außerhalb der USA, wo ich seit 1977 dauerhaft, mit einer kurzen Unterbrechung, lebe. Irgendwie blieb nie sehr viel Zeit zwischen allen Aufträgen noch einmal länger und ohne Zeitdruck die USA zu durchqueren. Die Gelegenheit ergab sich Anfang 2019, als der Hamburger Regisseur und Produzent Nahuel Lopez mit der Idee zu einem Kino-Dokumentarfilm auf mich zukam. Er fragte, was ich denn noch einmal gerne machen würde. Da musste ich nicht lange überlegen.

Auf den neuen Bildern sind im Gegensatz zu den von 1963 keine Menschen zu sehen.

Das war keine bewusste Entscheidung. Ich war und bin ein Fotograf, der gerne Menschen fotografiert. Im Frühjahr 2020 war so gut wie niemand unterwegs, weder in den Städten, die wir ohnehin wegen der höheren Ansteckungsgefahr umfahren wollten, noch in den Nationalparks oder kleineren Ortschaften. Selbst der Las Vegas Strip lag ausgestorben in der Nachmittagssonne.

Diese leeren Landschaften in der Ausstellung sind schon frappierend. Wie hat sich Ihre Bildsprache in den Jahrzehnten geändert?

Außer der überwiegend leeren Landschaften fand ich nicht viele interessante Motive auf unserem 2020 Roadtrip. Ich bin kein Fotograf, der gezielt öde Häuserzeilen, verlassene Tankstellen oder einsame Wassertürme fotografiert. Interessante beeindruckende Landschaften hingegen habe ich auf meinen Reisen immer wieder fotografiert, vor allen Dingen, wenn irgendetwas den perfekten Blick "vergiftete".

Was ist Ihr liebstes Sujet?

Menschen in alltäglichen Situationen, die mir durch irgendetwas auffallen, sei es eine besondere Frisur, Styling und so weiter. Aber auch Museumsbesucher und ihre Interaktionen mit der Kunst. Humorvolle, ironische Momente jeder Art. Und mit wachsender Begeisterung fotografiere ich gerne Hunde, wahrscheinlich weil wir seit zehn Jahren selbst einen haben.

1_HOT USA. Chicago 1966. MUHAMMAD ALI, boxing world heavy weight champion showing off his right fist_copyright Thomas Hoepker and Magnum Photos.jpg

Gute Bilder zu machen ist seine Passion - für dieses ikonische Foto von Muhammad Ali hatte er nur wenige Sekunden.

(Foto: Thomas Hoepker/ MAGNUM)

Wie war das für Sie und Ihre Frau, Christine Kruchen, mit einem Filmteam auf den Roadtrip vor zwei Jahren zu gehen? Im Grunde sind Sie sechs Wochen lang mit fremden Menschen im Gepäck gereist.

Wir sind alle sehr gut miteinander zurechtgekommen, trotz der erschwerten Umstände. Fremd war man sich schon nach zwei Tagen nicht mehr. Natürlich hat man es als Fotograf nie gerne, wenn einem ständig jemand am Nacken klebt, aber das Team hat sich nahezu unsichtbar gemacht. Und da meine Frau und ich früher selbst Filme gedreht haben, war das kein Neuland für uns.

Ist Amerika immer noch das Land Ihrer Träume? Sie leben seit Langem in New York.

War Amerika je das Land meiner Träume und gibt es so ein Land überhaupt? Es war und ist ein interessantes, spannendes, riesiges Land, mit dem man sich ständig auseinandersetzen muss. Es ist nie langweilig. Genau das wollten wir, als meine damalige Frau Eva Windmöller und ich 1977 nach drei Jahren in der DDR sagten, jetzt würden wir gerne nach New York umziehen. Nach wie vor liebe ich diese Stadt und würde in keiner anderen leben wollen.

Was vermissen Sie heute am meisten, wenn Sie auf Reisen gehen?

Eine gewisse Leichtigkeit, Unkompliziertheit bei Flugreisen. Nach 9/11 hat sich alles gründlich verschärft, jetzt kommen die pandemiebedingten Vorschriften noch dazu. Mittlerweile bewundere ich Menschen, die das alles freiwillig auf sich nehmen, um in ferne Länder zu reisen.

Welches ist Ihr wichtigstes Instrument?

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Mit viel Humor und einer immer griffbereiten Kamera begegnet Thomas Hoepker seiner Alzheimer-Erkrankung. Hier bei der Eröffnung seiner Ausstellung in Wetzlar.

(Foto: Thomas Hoepker © Leica Camera AG)

Mein Rat war immer: Wer gute Bilder finden und machen will, braucht gute Schuhe. Natürlich auch eine zuverlässige Kamera, von der es heutzutage sehr viele und in allen Preisklassen gibt.

Sie bezeichnen sich selbst als Bilderfabrikant, das heißt aber nicht, dass Sie Bilder wie am Fließband produzieren, oder?

Nein, sicher nicht, schließlich tauchen nicht an jeder Ecke gute Motive auf, die muss man sich erwandern. Man braucht sehr, sehr viel Geduld. Früher war mein Motto: "Ich bin kein Künstler. Ich bin ein Bilderfabrikant!" Meine Bilder entstanden überwiegend als Auftragsfotograf, die jahrzehntelang nur für ein flüchtiges Dasein auf Zeitschriftenseiten gemacht wurden und die seither überwiegend ein Schubladendasein im Archiv geführt haben.

Ihre Welt verschwindet durch die Erkrankung zunehmend. Ihr Ich wird Ihnen täglich ein Stückchen mehr geraubt - helfen Ihnen die Fotografien und Ihr Archiv, auf Spurensuche zu gehen und so Erinnerungen wachzuhalten?

Ohne Zweifel hilft mir das. Der ständige Umgang mit meinem digitalen Fotokatalog lässt Erinnerung aufflackern. Andererseits fotografiere ich immer noch gerne, wenn sich eine Möglichkeit ergibt. Ich glaube, das hilft mir auch.

36 Millionen Menschen wird der Alltag durch Alzheimer erschwert. Wie haben Sie bemerkt, dass Sie unheilbar erkrankt sind?

Nun, die üblichen Anzeichen tauchten schon vor Jahren auf. Ich habe zunehmend Namen vergessen. Ansonsten habe ich viele Jahre keine großen Veränderungen oder Einschränkungen bemerkt. Mir war auch nie so richtig bewusst, dass ich unheilbar krank bin. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass meine Frau und ich ein gut eingespieltes Team sind und sie viel von dem, was ich nicht mehr konnte, aufgefangen hat.

Was macht das Wissen, dass Sie Alzheimer haben, mit Ihnen und Ihrer Familie?

So merkwürdig das klingt, aber man lernt irgendwie damit umzugehen. Es ist alles etwas komplizierter, logisch. Aber noch lassen wir uns nicht unterkriegen.

Sie bewältigen ein beachtliches Reisepensum, wie schaffen Sie das trotz der unheimlichen Erkrankung?

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Das Reisen war und ist unser Alltag und das machen wir, solange es geht. Millionen von Menschen sind direkt oder indirekt von dieser Krankheit betroffen. Eine richtige Seuche der Älteren und es ist unverständlich, dass es immer noch keine wirksamen Medikamente gibt, die den Krankheitsverlauf stoppen oder zumindest wesentlich verlangsamen.

Humor scheint eine Ihrer wichtigen Eigenschaften zu sein - hilft das im Alltag mit Alzheimer?

Absolut - kann ich nur empfehlen!

Was macht Ihnen am meisten Freude?

Meine Kamera, derzeit eine Leica, gutes Essen, guter Wein, ein gutes Bett und unsere Hündin Clari.

Die Fragen an Thomas Hoepker stellte Juliane Rohr zusammen

Die Ausstellung "Thomas Hoepker - Bilderfabrikant" läuft noch bis 17. Juli im Ernst-Leitz-Museum in Wetzlar

Der Film "Dear Memories - Eine Reise mit dem Magnum-Fotografen Thomas Hoepker" von Nahuel Lopez soll am 30. Juni in die Kinos kommen

Quelle: ntv.de

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