Leben

One Woman Show Über die Einmaligkeit

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Die Magnolie steht für alles, was einmalig ist. Auch wenn das Erblühen sich Jahr um Jahr wiederholt.

(Foto: imago images/Shotshop)

Die Kolumnistin ist im Frühlingsfieber. Sprießende Knospen treiben ihr die Tränen in die Augen, und es ist keine Allergie. Vielmehr ist es dieses Wunder der Natur, das ewige Kommen und Gehen. Und dann die brutale Wahrnehmung der Realität.

Heute wird's ein bisschen poetischer: "Einmal, einmal ist es so weit/ Es ist einmal im Jahr Magnolienzeit" - über diese Textzeile bin ich neulich gestolpert. Das Lied eines Liedermachers mit dem außergewöhnlichen Namen Ulrich Zehfuß brachte mich ins Grübeln. Denn "einmal" steht für "ein einziges Mal", kann aber auch dieses ominöse "eines Tages" beinhalten. Jedenfalls interpretiere ich das so. Und das neue Album von Marianne Faithfull, "She Walks In Beauty", noch nicht erschienen, ist ebenfalls voller Poesie. Einen Vorteil muss es schließlich haben, Journalistin zu sein, wenn man den ganzen Tag meist schlechte Nachrichten verbreitet, denn immerhin hat man vorab ein Album in der Hand, auf dem Vögel zwitschern, wunderbare Musik meditativ im Hintergrund plätschert und eine ältere Frau - die dem Tod bereits mehrmals von der Schippe gesprungen ist, jüngst sogar der Covid-Kralle entronnen - Gedichte zu sehr angenehmer Musik vorträgt. So schön, dass man sich wünscht, man hätte früher in der Schule besser aufgepasst bei Poesie & Co. Deswegen sitze ich jetzt nach und genieße sie einfach, die Pflanzen und die Poesie.

Zurück zur Magnolie: Wie sehr sehnt man sich, alle Jahre wieder, nach dieser Zeit des Neubeginns! Immer, egal, ob in Zeiten einer Pandemie oder einfach nach einem zu langen Winter. Denn es ist dieses Erwachen der Natur, das uns jedes Jahr aufs Neue fasziniert, es ist diese Einmaligkeit, das Erblühen, das Aufwachen, das Altern, ein ganzes Leben fast, und dann das Sterben, das man an einer einzigen Blüte innerhalb kurzer Zeit ablesen kann. Jetzt ist es zum Glück wieder so weit - das Erwachen, der Frühling ist da.

Um bei der Magnolie zu bleiben - sie blüht leider nur kurz: Kaum ist sie aufgeploppt, kann man die Tage eigentlich zählen, die sie in vollendeter Schönheit leuchtet. Wenn sie in voller Pracht steht, dann wollen wir sie am liebsten konservieren, genau, wie dieses besondere, ganz zarte Grün, das es nur am Anfang des Frühlings gibt und das sich dann in ein sattes, saftiges Froschgrün verändert. Aber wenn dieses zarte Grün sprießt, dann wissen wir, jetzt ist es soweit, alles ist möglich, die Welt steht uns offen, und alles beginnt von vorn.

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Ein Wunderwerk der Natur.

(Foto: imago images/Shotshop)

Und uns wird im Frühling bewusst: Es gibt diese Dinge, die einmalig, unwiederholbar, sind, selbst wenn sie sich jedes Jahr wiederholen. Diese Momente, die wir genießen sollten, genau dann, wenn sie passieren: Die erste Liebe, das erste selbst verdiente Geld, der erste Urlaub ohne Eltern, das erste eigene Auto, der Schulabschluss, alles einmalig. Alles nicht wiederholbar. Wir wissen es in diesem Moment noch nicht, weil wir meist zu jung sind und zu ungeduldig, weil wir alles für selbstverständlich nehmen.

"Hach, das ging aber wieder schnell"

Wir vergegenwärtigen uns diese Flüchtigkeit erst später, wenn wir älter sind. Dann erst, wenn uns zum wiederholten Male wirklich bewusst wird, dass die Magnolien wirklich nur sehr, sehr kurz sprießen. Dann haben wir diesen "Circle of Life" schon öfter erlebt und wissen solche Phänomene vielleicht mehr zu schätzen.

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Geht auch in knallig rosa: die Magnolie.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.)

Momentan wird uns besonders klar, wie sehr wir die Natur brauchen - die Bilder der Menschen im Park sprechen Bände - Spazierengehen ist ja das neue Ausgehen. Ein Lockdown nach dem anderen hat uns dazu gebracht, die Natur als Ort der Freiheit zu betrachten, die Jahreszeiten wahrzunehmen, Tiere mit anderen Augen zu sehen. Im Frühling können wir uns - hoffentlich, trotz Lockdowns - mit Freunden und Familie in kleinen Grüppchen und eher wieder draußen treffen, als im Winter oder bei Regen. Banges Gucken also nach den Temperaturen zu Ostern, denn wer versteckt seine Schokoeier schon gern im Matsch oder gar im Schnee?

Wärme und Sonne stehen elementar für unser Bedürfnis, sich mit anderen zu treffen, weil es dann möglich ist. Die Kälte hingegen und die Dunkelheit der vergangenen Monate stehen dafür, dass wir uns zurückziehen, auch ohne Pandemie. Aber in diesem letzten Jahr wurde das Zuhause gemütlicher gemacht, aufgeräumt, vielleicht sogar umgebaut, damit wir uns drinnen auch lange wohlfühlen. Eine Mischung aus Höhle und Festung, Rückzugsort und "die ganze Welt in klein" - denn die Welt war, und ist es noch, für uns momentan nicht mehr dieselbe.

Man muss kein Fan sein von Liedermachern, aber Zeilen wie: "Und mir ist als ginge mein Mund zum ersten Mal in diesem Jahr zum Atmen auf, einmal ist es soweit, einmal im Jahr ist Magnolienzeit", die berühren, vielleicht mehr als sonst. Immer wieder denke ich daran, wie meine Tanten sich jedes Jahr über die sprießenden Krokusse gefreut haben, wie über einen Sechser im Lotto. So kam es mir als Kind jedenfalls vor, und ich belächelte die alten Mädchen milde. Heute hüpfe ich selbst herum, zwischen Krokussen und Primeln, der Besuch in den Gartencentern letztes Jahr hat mich vor dem Wahnsinn des ersten Lockdowns gerettet (oder zumindest den Wahnsinn etwas abgemildert) - das "Vorgardening" hat mir über jede Menge Trübsinn hinweggeholfen, und je grüner und bunter alles wurde, desto ruhiger wurde ich. War mein Gedanke am Anfang noch: "Mir wird Zeit gestohlen", "Wie viele Sommer habe ich denn noch, auf jeden Fall mehr hinter als vor mir", da erinnerte mich das ewige Blühen und Spießen vor meinen Fenstern daran, dass das immer und ewig so weitergeht.

Natürlich, eines Tages ohne mich, dann würde ich mir schließlich die Radieschen von unten begucken, aber der Gedanke, dass die Dinge Bestand haben, der macht mich etwas glücklicher.

Nichts ist für immer. Auch eine Pandemie nicht.

Quelle: ntv.de