Leben

"Corona und wir" Von realer Gegenwart

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Geschenkte oder erzwungene Zeit - eine Frage der Perspektive.

(Foto: dpa)

Die Schriftstellerin Ulrike Draesner ist Expertin in Alleinarbeit. Meist hat sie zu wenig Gelegenheit, sich komplett in ihre Arbeit zurückzuziehen. Nun hat sie zu viel. Jede Woche wird sie sich selbst "irrealer". Corona lehrt sie: Die reale Gegenwart sind wir selbst. Dieser Text ist der Anthologie "Corona und wir" entnommen.

Nachts hustet das Kind zwei Mal trocken, ich denke Corona. Ah, die Angst.

Übertrieben? Aber da.

Am Morgen ist das Kind am Handy, es rollt sich von einer Seite des Bettes zur anderen. Für mein Kind sind Corona und Im-Bett-Rollen inzwischen eins, es ist leider zu schwer, als dass ich es raustragen könnte, dafür schimpft es auch zu viel. Im Übrigen kaut es. Ich habe den Eindruck, dass es dem Kind gut geht, wirklich zu gut, bis der Krisensatz fällt. Es ist ein bis dato undenkbarer, tatsächlich aus dem Mund des Kindes noch nie gehörter Satz. Es dürfte eine Folge Star Wars ansehen und sagt: "Ich will auf keinen Bildschirm mehr starren."

Ich möchte über die Bedeutung von Anwesenheit nachdenken: physischer, realer Anwesenheit. Über die Bedeutung des Ausdrucks "ein Zimmer teilen" oder so einfache Sätze wie "ins Café gehen", über Sätze wie "den kann ich nicht riechen", Sätze wie "ich habe dich zum Fressen gern".

Zu viel Rückzug

Als Schriftstellerin bin ich Expertin in Alleinarbeit. Ich kenne es, mich zurückzuziehen und habe einiges Talent darin entwickelt, kann vier Wochen 12 Stunden am Tag und mehr durcharbeiten – um einen Roman wirklich voranzutreiben. Das sage ich nicht, um anzugeben: Es ist einfach nötig, und ich weiß, dass meine Kolleg*innen das ebenfalls tun. Es ist schön. Meist bekomme ich zu wenig davon.

Den Rückzug habe ich nun. Doch etwas stimmt nicht.

Die zweite Woche ist fast vorbei. Allmählich begreife ich, was los ist. Ich bin, so trivial das klingt, ein Mensch aus Fleisch und Blut, ein Mensch mit einem wirklichen Körper, einem prekären, empfindlichen Konstrukt, wie diese Tage uns nur zu deutlich machen. Neu daran ist, dass mir deutlich wird, wie sehr dieser Körper davon lebt, seinesgleichen zu begegnen. Denn auch als Spezialistin in Soloarbeit gehe ich jeden Tag ins Café, sitze dort im Lärm, zwischen anderen und schreibe.

Was mir also fehlt? Die Fütterung.

Die Fütterung mit Menschenstoff. Ich spreche zur Genüge, ich sehe Menschen via Zoom, ich habe ein anderes Körperwesen in der Wohnung um mich. Dennoch entsteht eine Lücke.

Ich sitze am Computer. Starre auf Zahlen. Telefoniere, um umzuorganisieren, schreibe 60 Mails jeden Tag.

Ängste schwirren auf. Aggression, Ungeduld. Das Gefühl, alles hinwerfen zu wollen.

Ich fühle mich körperlicher, aber auf seltsam gespaltene Weise: Ich bin angreifbar, sterblich, dahinraffbar. Und zugleich werde ich mir selbst von Woche zu Woche "irrealer". Ich spüre, was ich aus langen Schreibrückzugszeiten kenne. Ich nenne es "das Loch".

Langsam fängt es an. Eine kleines Gematsche unter den Füßen. Fast überfühlt man es. Der Boden sackt ein wenig. Mir fehlt es, einen Raum mit anderen warmen, riechenden, sprechenden, ausdünstenden Körpern zu teilen. Dabei geht es nicht primär darum, dass ich mit ihnen spräche. Das auch – aber das wird ja teilweise elektronisch ersetzt. Nein, es geht um den Zufall.

Das Unplanbare.

Und die körperliche Anwesenheit der anderen, die mir das Gefühl vermittelt, in der Welt gehalten zu sein.

Das kleine Unvorhergesehene

Ja, das ist jetzt die große Kategorie. Ich meine es indes ganz konkret. Das Wort "Welt" kommt vom Mittelhochdeutschen wërlt oder werelde. Dieser Begriff meinte die Gemeinschaft der lebenden Menschen. Auf einer Burg, in einem Dorf oder in einer mittelalterlichen Stadt war damit immer auch ein enges körperliches Zusammenleben impliziert. Man schlief in einem Haufen, aß und schiss zusammen, war keine Sekunde allein.

Ich erwähne dies, weil es zeigt, woher wir kommen. Die körperliche Anwesenheit anderer beruhigt das gesamte vegetative Körpersystem.

Mir fehlt ungeplante, beiläufige, selbstverständliche Nähe. Das Gefühl, verbunden gehalten, nicht allein, sicher zu sein.

Mir fehlt, darin, das kleine Unvorhergesehene. Das Nebenbei. Der Scherz, der Streit etc. der anderen.

Das große Unvorhergesehene, die Pandemie, erdrückt die Flimmerhaare.

Der Satz meiner Tochter "ich kann auf keinen Bildschirm mehr schauen" beschäftigt mich. Wir führen möglichst alle Beschäftigungen weiter, in digitaler Form. Doch eine andere Vision ist aufgetaucht: Wie wäre es, die Lücke wirklich zu spüren?

Wäre das nicht ein Geschenk?

Erinnern Sie sich an Tage in Ihrem Leben, an denen so etwas passiert ist? Als sich plötzlich ein ungeahnter Freiraum auftat, weil man statt in den Zug nach Norden in jenen in den Süden stieg und den Termin Termin sein ließ? Am See lag, statt in einem Meeting zu sitzen? Einmal strandete ich am Flughafen Orly in Paris. Acht Stunden saß ich da. Niemand wusste, wo ich war oder was ich tat. Es war eine geschenkte Zeit. In der Ich mit einem Mal ohne Überich, da saß und es mir gut gehen ließ.

Eine ganz andere innere Stimme erschien.

Selbstverständlich kann man nicht Wochen so verbringen. Aber man kann dieses Gefühl fördern, genießen. Und ihn sich nehmen/gönnen: den Aus-Raum

Die innere Freiheit.

Die reale Gegenwart sind wir

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Corona und wir: Denkanstöße für eine veränderte Welt - Texte von Augstein und Blome, Thea Dorn, Esther Duflo, Gerd Gigerenzer, Yuval N. Harari, Reinhard K. Sprenger, Nicholas N. Taleb u.v.a.
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Etwas von diesem Geist will ich mir in jeden dieser Corona-Tage "übersetzen": hinübernehmen. Der Kulturkritiker George Steiner veröffentlichte im Jahr 1990 das Buch Von realer Gegenwart. Darin widmet er sich dem alten Versprechen des göttlichen Bildes, das Numinose realstofflich präsent zu machen. Um diesen Wunsch der Kunst mag es stehen wie es will. Corona lehrt uns etwas anderes: die reale Gegenwart, um die es geht, sind wir selbst.

Gegen-Wart: der andere, der mir etwas entgegenhält. Der mein Gegenüber ist, mein Spiegel, der die Grenzen macht – wahrt – und überwindet. Der, der mir das Spiel ich-du eröffnet. Das wir sehr weniger geistig spielen als die Philosophie uns glauben lassen wollte.

Wir spielen es immer auch körperlich.

Auf diese Weise unterscheiden wir Leben von Nichtlebendigem.

Reale Gegenwart. Aus der Zeit der Pandemie können wir in die Zeiten weniger gefährlichen Kontaktes mitnehmen, dass wir sie schätzen. Und uns auf die Suche nach einer bewussten Balance begeben. Weil wir eben dies sind: homo agminis. Der Mensch, das Rudeltier.

Dieser Text ist der Anthologie "Corona und wir" entnommen. Denkanstöße für eine veränderte Welt kommen darin unter anderem von Anne Applebaum, Jakob Augstein, Abhijit V. Banerjee, Nikolaus Blome, Luca d’Andrea, Thea Dorn, Ulrike Draesner, Esther Duflo, Gerd Gigerenzer, Matthias Glaubrecht, Stephen Greenblatt, Dana Grigorcea, Annett Gröschner, Yuval Noah Harari, Matthias Horx, Philipp Hübl, Bas Kast, Martin Korte, François Lelord, Geert Mak, Annette Mingels, Ian Morris, Mareike Ohlberg, Boris Palmer, David Quammen, Richard C. Schneider, Martin Schröder, Frank Sieren, Mark Spitznagel, Peter Spork, Reinhard K. Sprenger, Nassim Nicholas Taleb.

Quelle: ntv.de