Leben

Hilfe für Krebspatienten Warum Katharina ihre Haare spendet

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Katharina wartete mit dem Friseurbesuch, bis ihre Haare lang genug für eine Spende waren.

(Foto: Franziska Türk)

Eine Echthaarperücke ist aufwendig herzustellen und sehr teuer. Kindern und Jugendlichen, die wegen einer Krankheit oder Chemotherapie keine Haare mehr haben, bringt sie aber ein Stück Normalität zurück. Menschen wie Katharina trennen sich deshalb ganz bewusst von ihren langen Haaren.

Jens Link setzt den elektrischen Haarschneider an. Surrend fräst er sich oberhalb des Haargummis durch Katharinas dicke, rote Haare - und muss dabei ziemlich kämpfen. Dann hat er das Büschel durchtrennt und Link hält ihn in den Händen: den ersten von Katharinas Zöpfen. 32 Zentimeter, das Ergebnis von drei Jahren ohne Friseurbesuch. "Die andere Seite auch?", fragt Link lachend. Wenige Sekunden später ist Katharina sie dann ganz los, ihre langen Haare. "Ungewohnt", sagt die 25-Jährige, während sie mit den Fingern prüfend durch die nur noch kinnlangen Fransen fährt. "Das ist schon viel Gewicht, das man normalerweise mit sich herumträgt. Das fällt erst auf, wenn es weg ist."

Dass Katharina sich im Berliner Friseursalon von Jens Link die Haare abschneiden lässt, hat nicht nur mit dem Wunsch nach einem neuen Schnitt zu tun, der Lust auf Veränderung. Katharina lässt ihre Haare hier ganz bewusst. Denn die abgeschnittenen Zöpfe sollen irgendwann den Kopf von jemand anderem zieren. Den Kopf von jemandem, der selbst keine Haare mehr hat - wegen Alopecia Areata etwa, kreisrundem Haarausfall, oder aufgrund einer Chemotherapie gegen Krebs. Katharinas Haare werden an den österreichischen Verein "Die Haarspender" geschickt, der daraus kostenlose Perücken für kranke Kinder und Jugendliche herstellt.

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Bevor geschnitten wird, kommt das Maßband zum Einsatz.

(Foto: Franziska Türk)

Denn wenn plötzlich die Haare ausfallen, ist das neben der eigentlichen Krankheit oft eine große emotionale Belastung - besonders für Mädchen. Vitalität, Weiblichkeit, Gesundheit, noch immer werden lange Haare damit in Verbindung gebracht. Klar, Kurzhaarfrisuren und selbst Glatzen sind nichts Außergewöhnliches mehr - wenn die Rasur freiwillig erfolgt. Fallen die Haare dagegen wegen einer Erbkrankheit oder einer Chemotherapie aus, folgt oft der Schock. Und neben der eigentlichen Krankheit ein weiterer Kampf. Die Lösung des Problems heißt oft Perücke. Nur: "Die Kunsthaarperücken, die die Krankenkasse finanziert, sehen nicht so natürlich aus", sagt Link. "Man kann sich gut vorstellen, wie sie kratzen oder jucken. Oder wie die Kinder damit auf dem Schulhof gehänselt werden." Die Perücke bleibt ein Fremdkörper, der das Leiden erst recht sichtbar macht.

Echthaarperücke kostet bis zu 3000 Euro

Doch eine Perücke aus Echthaar ist teuer: Zwischen 1500 und 3000 Euro kostet die Anfertigung in Handarbeit. Zu viel für viele Familien. "Die Haarspender" sind deshalb auf gespendetes Echthaar wie das von Katharina angewiesen - und auf Geldspenden. Haben sie vier Zöpfe und 360 Euro zusammen, können sie eine kostenlose Perücke für ein Kind herstellen. Aus 160 Partnersalons in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Ungarn kommen die gespendeten Haare, den Schnitt bekommen die Spender dort häufig günstiger.

Die gesammelten Haare werden dann entsprechend ihrer Farbe, Länge und Struktur sortiert und ähnliche Typen zu einer Perücke zusammengefasst. "Jeder Mensch hat eine ganz bestimmte Haarfarbe, Wuchsrichtung und Stärke", sagt Link. "Deshalb wird auch für jeden Empfänger einer Perücke herausgesucht, was am besten passt. Es soll so naturgetreu wie möglich wirken."

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Eine gewisse Länge müssen die Haare aber allesamt haben, damit sie gespendet werden können. Katharina weiß das, vor ein paar Jahren hat sie schon einmal ihre Mähne für den guten Zweck geopfert. Deshalb wartet die Politikstudentin auch diesmal, bis sie die richtige Länge erreicht hat - auch wenn sie eigentlich schon ein paar Monate früher zum Friseur gegangen wäre. "Aber mir war es wichtig, dass die Haare noch einen Sinn erfüllen. Gerade für Frauen und Mädchen sind Haare ja extrem wichtig."

Mindestens 32 Zentimeter müssen es sein

Als sie jetzt im Salon von Jens Link ihren langen geflochtenen Zopf auseinanderdröselt und Link das Maßband anlegt, nickt er zufrieden. "32 Zentimeter, das reicht." Weniger dürfen es nicht sein für eine Perücke, für eine richtige Langhaarperücke braucht es sogar 45 Zentimeter oder mehr. "Wir können nur das gesunde Haar verwenden", sagt Link, "die kaputten Spitzen kommen weg". Solange die Haarstruktur gesund ist, ist es nebensächlich, ob die Haare gefärbt sind oder im Naturton, lockig oder glatt, blond oder braunhaarig.

Etwa zwei Mal in der Woche schneidet Link Kunden für den guten Zweck die Haare ab. "So langsam spricht es sich herum, dass man hier Haare spenden kann", sagt er und zieht einen ganzen Karton mit Zöpfen unter seinem Tresen hervor. 20 Prozent der Spenden kommen von Männern. "Manche kommen mit etwas zu kurzen Haaren. Die warten dann noch ein paar Wochen und kommen wieder, wenn die richtige Länge erreicht ist."

Wird der Rasierer dann angesetzt, wird es häufig emotional. "Viele Kundinnen hängen sehr an ihren Haaren", beobachtet Link. "Ist ja klar, die Haare sind ein Teil von ihnen. Sie haben sie jahrelang mit sich herumgetragen und viel damit erlebt." Nicht selten ist deshalb auch eine Freundin mit im Friseursalon, um den großen Schritt für Facebook und Instagram zu dokumentieren. Katharina ist da deutlich cooler. "Alles kein Drama", sagt sie. "Die Haare wachsen ja wieder nach." Ein bisschen seltsam sei es trotzdem, zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder kurze Haare zu haben. "Die größte Umstellung werden wohl die Reaktionen aus dem Umfeld sein", sagt sie. "Mich kennen ja alle nur mit langen Haaren."

Auf wessen Kopf ihre Haare am Ende landen, erfährt Katharina nicht. Nur erahnen kann sie es vielleicht, wenn sie sich die fertigen Perücken in einigen Monaten auf der Website der "Haarspender" anschaut. Dort wird jede Perücke mit dem Namen des Kindes versehen, das sie jetzt trägt. Perücke Nummer 23 ging an Michelle, Nummer 100 an Moritz, Nummer 141 an Ella. Und die freuen sich sicher über die 32 Zentimeter Normalität.

Quelle: n-tv.de

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