Leben
Samstag, 09. Juni 2018

In Vino Verena: Was tun gegen die Einsamkeit im Alter?

Eine Kolumne von Verena Maria Dittrich

Viele Ü-60-Jährige wohnen allein. So auch die Mutter unserer Autorin. Der Vorschlag einer Kommune mit Fische-Bernd und Polen-Heidi stößt auf Skepsis. Vier Freunde, vier Wohnungen, vierfache Kosten. Ist dieses Lebensmodell noch zeitgemäß?

"Einen alten Baum soll man nicht verpflanzen", sagt Mutter. Wir sprechen über ein Thema, das ich lange vor mir hergeschoben habe, immer mit der Ausrede, man wäre ja noch jung und die Eltern kerngesund und kein bisschen gebrechlich.

Aber was, wenn ein Elternteil plötzlich stirbt und die Wohnung auf einmal zu groß ist und die Kinder längst aus dem Haus? Und was tun, damit betagte Menschen in einer immer älter werdenden Gesellschaft nicht den Anschluss verlieren und vereinsamen?

Seit ich mich mit dem Thema Älterwerden intensiver beschäftige, kann ich nicht mehr so gut schlafen, manchmal hauen mir diese Gedanken den ganzen Tag kaputt. Ruhig Blut, Kind, sage ich dann, es ist ja noch Zeit. Welch trügerische Annahme, denn wohin ich auch schaue: Überall sehe ich immer ältere Menschen. Unter mir wohnt eine Witwe, die froh ist, (noch) nicht ins Heim zu müssen und deren Freunde und Angehörige "längst tot sind". Sie wirkt genauso einsam wie die Omi mit dem quietschenden Rollator, der ich öfter beim Bäcker begegne und die immer etwas entrückt scheint.

Die Einsamkeit unter der Trockenhaube

Seit dem Tod meines Vaters lebt meine Mutter allein. Okay, sie hat eine Katze, aber die geht ständig stiften. Mutter bewohnt eine von ihrer kleinen Rente bezahlbare 3-Zimmer-Wohnung in einem heruntergewirtschafteten Plattenbau in der Lausitz. Im alten Kinderzimmer schlafen jetzt Gäste oder die Katze.

Mutter ist Mitte 60. Sie hat Hobbys, Kumpels und Kumpelinen. Also alles gut. Aber: Sie verhohnepiepelt mich! Sie sagt, sie sei nach Vaters Tod nicht einsam. Dabei ertappe ich sie mitten in ihrer Einsamkeit - diese dickköpfige Mutter, die ihren Kindern nicht zur Last fallen will. Ich habe schon überlegt, sie einfach k.o. zu hauen und nach Berlin zu verfrachten, aber das wäre unklug, weil sie mich mit der Pfanne erschlagen würde, wenn sie wieder zu sich käme.

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Also komme ich auf die Idee, ihr eine Ü-60-WG schmackhaft zu machen. Die Mitbewohner sind schnell ausgemacht. Neben meiner Mutter wohnt ihre Nachbarin, die Erika. Erika, 69, ist nicht nur eine gute Freundin, sondern auch glückliche Besitzerin einer sehr raren DDR-Schwebehaube, Model Solitaire. Mit einer solchen Trockenhaube auf dem Kopf könnte man sich auf jeden "Star Wars"-Set mogeln.

Neben Erika, auf derselben Etage, wohnt Fische-Bernd. Der 64-Jährige heißt so, weil er - naja - eben Fische hat. Guppys und alles Mögliche. Manchmal pfeffert er seinen alten Aquarium-Sand in den Vorgarten mit der Ausrede, das Zeug sei prima Dünger für die Sträucher. Über Fische-Bernd wohnt Polen-Heidi. Die ebenfalls 64-Jährige wird so genannt, weil sie mit ihrer Rennsemmel schnurstracks ins nahgelegene Polen fährt, um dort leckere Salami und Kippen zu kaufen.

Vier Leute, vier Wohnungen, zehn Zimmer

Die vier Kumpels wohnen alle allein, gemeinsam bewohnen sie, Achtung, jetzt kommts: zehn Zimmer! Zusammen besitzen sie vier Waschmaschinen, vier Fernseher, vier Kühlschränke, vier Kaffeemaschinen und so weiter und so fort. Sie zahlen natürlich auch viermal Miete, viermal Rundfunkbeitrag und viermal Strom.

Auf die Frage, ob Mutter sich vorstellen könnte, mit den Freunden zusammenzuziehen, fragt sie mich wie aus der Pistole geschossen: "Bist du betütert?" Also ehrlich! Natürlich bin ich mittags meistens (!) noch nicht betütert!

Ich lege jetzt richtig los, schließlich ist es nicht das erste Mal, dass wir über Einsamkeit im Alter und das Leben nach Vaters Tod sprechen. Ich weiß, ich muss gute Überzeugungsarbeit leisten. Am besten alle Vorteile notieren.

Auf dem Zettel stehen:

Nicht mehr allein sein/umeinander kümmern/gemeinsame Ausflüge

Eigenes Zimmer/eigener Tagesrhythmus/Privatsphäre

Lasten des Alltags gemeinsam meistern

Freunde um sich haben

Miete und alle anfallenden Kosten werden geteilt

(Gäste-)Zimmer für Besuch der Familie/Pflege irgendwann

Erikas DDR-Trockenhaube immer greifbar/immer frische Polen-Salami

Haushaltshilfe möglich

Nie mehr der Satz: "Und dann hat man den Tag irgendwie doch rumgekriegt."

Doch Mutter, mit einem Lächeln auf den Lippen, sagt, die Dittrichs seien WG-untauglich, das müsste ich ja wohl am besten wissen. Sie erlaubt mir trotzdem, die Freunde und Nachbarn zusammenzutrommeln. Kurz darauf erkläre ich allen mein WG-Konzept und siehe da: Sie zeigen sich von der Idee begeistert - zumindest theoretisch. "Wir sind ja eine ganz andere Generation, aber vielleicht müssen wir mehr mit der Zeit gehen."

Ich pflichte ihnen bei und sage, dass ich ganz fest daran glaube, dass das was werden könnte, dass die ganze Gesellschaft allmählich umdenken muss und es schon einige solcher Wohnprojekte gibt, aber immer noch viel zu wenig. Fische-Bernd sagt daraufhin: "Das ist 'ne dufte Idee." Gleichzeitig äußert er Bedenken, so eine Wohngemeinschaft wäre ja irgendwie fast wie eine Ehe. Er sähe es schon kommen, dass sich die alten Tanten alle gleichzeitig in ihn verknallen.

"Wir müssen in Zukunft wohl was ändern"

Auf dem Reißbrett klingt die Idee für Mutters Leute logisch und gut, fast erstrebenswert, unterm Strich aber ist ihnen das Abenteuer einer Ü-60-WG dann doch ein zu großes Wagnis. Und so wohnt vorerst jeder weiter für sich allein. "In 20 Jahren fließt viel Wasser die Spree runter", sagen sie mit diesem zuversichtlichen Gesichtsausdruck, als wäre das Leben unendlich.

Dabei ist so eine Alten-WG eine super Alternative zum teuren Seniorenheim in ein paar Jahren, das wie ein Damoklesschwert über uns allen schwebt. Und der Gedanke an die Kosten macht auch die vier potenziellen WG-ler unruhig. Fische-Bernd erzählt von einer bekannten 90-jährigen, geistig fitten Heiminsassin, die sich aus Platzmangel ein Zimmer mit einer dementen Mitbewohnerin teilen muss.

"Ja, wir müssen in Zukunft wohl was ändern", meint Polen-Heidi einsichtig, "aber jetzt werden wir uns erstmal mit dem Gedanken anfreunden, dass wir, falls wir zusammenziehen, Fische-Bernd täglich zu Gesicht bekommen." Darauf alle: "Ha ha ha."

Quelle: n-tv.de