Leben

Ausbildung zum Sterbebegleiter Wenn der Tod ganz nahe kommt

108516758.jpg

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie sind da, wenn sterbenskranke Menschen Hilfe brauchen. Sie hören zu, sitzen am Bett und tauschen sich mit Patienten aus. Ehrenamtliche Helfer begleiten das Sterben, sie selbst sehen sich eher als Lebensbegleiter.

Hinter der nächsten Ecke lärmt die Schönhauser Allee, doch in einer kleinen Nebenstraße ist es an diesem Novemberabend deutlich ruhiger. Im Hospizladen der Stephanus Stiftung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg treffen sich ein Dutzend Menschen, die über Leben und Tod sprechen. 14 Männer und Frauen lassen sich hier zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter ausbilden. Sechs Monate lang treffen sie sich jeden Dienstagabend. 

Denise Lipinski, eine Koordinatorin der Stephanus Stiftung, hat die Gruppe der Ehrenamtlichen zusammengestellt und begrüßt jeden einzelnen freundlich. Vor jedem Kursstart führt sie mit den Bewerbern ein Gespräch, damit wichtige Fragen geklärt werden können. "Wir nehmen keine Personen, die gerade einen Menschen verloren haben, denn der Kurs ist nicht dazu da, seine eigene Trauer zu verarbeiten. Außerdem müssen die Ehrenamtlichen in ihrem Leben gefestigt sein. Denn es geht in den Begleitungen nicht um die Ehrenamtlichen, sondern sie sollen für die anderen da sein", erklärt Lipinski n-tv.de.

Wichtige Infos zur Sterbebegleitung:

- Wer als ehrenamtlicher Sterbebegleiter arbeiten möchte, muss einen sechsmonatigen Kurs durchlaufen

- Anlaufstellen für weitere Informationen sind örtliche Hospize und die Deutsche Hospiz- und PalliativStiftung

- Ehrenamtliche Helfer werden deutschlandweit gesucht

- Sterbebegleiter bekommen eine regelmäßge Möglichkeit zur Supervision

Im Berliner Stephanus-Hospizdienst müssen alle Sterbebegleiter einen halbjährigen Kurs absolvieren, bevor sie jemanden ein Stück begleiten dürfen. Verschiedene Dozenten bringen ihnen das Handwerkszeug für die ehrenamtliche Arbeit bei. Dabei geht es auch schon mal emotional zu, wenn die Frauen und Männer beispielsweise über den eigenen Tod sprechen. An diesem Abend beschäftigen sie sich mit Dozentin Beate Häring mit Nähe und Distanz. Die Teilnehmer sitzen im Kreis und starten mit einer Begrüßungsrunde. Die Jüngste in der Runde ist 26, die älteste Teilnehmerin des Kurses ist über 70 Jahre alt. Die meisten von ihnen sind Frauen in den 40ern. Sie alle eint der Wunsch, Menschen bei ihrem letzten Teil des Lebens zu unterstützen.

Wie viel Nähe darf ich zulassen?

Dozentin Häring will die Ehrenamtlichen stärken und möglichst gut auf ihre Tätigkeit vorbereiten. "Mein Job ist es, den Menschen beizubringen, dass Reflexion überlebenswichtig ist, denn ansonsten tappen sie in irgendwelche Fallen", erklärt die Seminarleiterin. Alle Fragen und Beispiele sollen den Menschen helfen, wenn sie mit Sterbenden in Berührung kommen. Denn die menschliche Nähe kann unter Umständen auch zur Belastung werden.

Dozentin2.jpg

Die Dozentin schult zum Thema "Nähe und Distanz".

(Foto: Sonja Gurris)

Eine 42-jährige Frau erklärt gleich zu Beginn, dass sie sich besonders für dieses Thema interessiere: "Für mich steht hinter Nähe und Distanz ein großes Fragezeichen. Wie mache ich das, wie schaffe ich das? Denn ich habe sehr aktive Tränendrüsen, die sofort losgehen, wenn ich etwas höre, das mir nahegeht", erklärt sie und lächelt dabei. Mehr als drei Stunden dauert der Kursabend. In Kleingruppen stecken sie die Köpfe zusammen und reden über mögliche Konflikte mit den Begleitendenden oder Angehörigen. Was geht zu weit? Welche Kommunikationswege sind okay? Welches Verhalten von Verwandten ist möglicherweise übergriffig?

Fallbeispiele aus der Realität sollen zeigen, worauf sie sich einlassen. Immer wieder wird deutlich, dass Kommunikation ein wichtiger Baustein ist. Wenn Sterbebegleiter aktiv werden, dann erhalten sie deshalb eine regelmäßige Supervision. Dabei sprechen sie mit Experten über das Erlebte, über Ängste und ihre Fragen im Umgang der Sterbebegleitung. Das ist wichtig, um das emotionale Thema Tod verarbeiten zu können und es dient auch als Schutz. Denn auch, wenn sie im Kurs üben, werden sie in der Realität immer mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Koordinatorin Denise Lipinski meint auch, dass jeder erst einmal herausfinden müsse, ob er überhaupt fähig ist, einem Sterbenden zur Seite zu stehen. Das wird für viele erst klar, wenn der Kurs endet und die Arbeit für den Hospizdienst startet.

"Thema Tod wird zu sehr an den Rand gedrängt"

Sterbende zu begleiten, das ist für einen großen Teil in der Gesellschaft ein Tabuthema. "Ja, Sterbebegleiter werden manchmal auf ein Podest gehoben", erklärt die Dozentin. Womöglich weil viele sich fürchten, über das Ende zu sprechen. Die Kursteilnehmer sind umso motivierter, Menschen zu helfen, die den letzten Lebensabschnitt nicht allein gehen wollen. "Ich finde, dass das Thema Tod in unserer Gesellschaft zu sehr verschwiegen und zu sehr an den Rand gedrängt wird. Deswegen fand ich es interessant, mich damit zu beschäftigen", erklärt eine Frau.  "Ich wollte etwas machen, das mich auch dem wirklichen Leben etwas näher bringt", berichtet sie weiter.

Eine andere Anfang 40-Jährige arbeitet bereits mit Familien im Kinderhospiz, nun will sie auch Erwachsene beim Sterben begleiten. "Es gibt auch den Begriff Sterbeamme und ich würde mir wünschen, dass ich jemanden in diesem Prozess unterstützen kann, damit er ihn nicht allein gehen muss", berichtet sie. Der Tod habe ihr niemals Angst gemacht.

Die jüngste Teilnehmerin des Kurses glaubt, dass viele ein falsches Bild von der Arbeit der Sterbebegleiter haben. "Es ist ja nicht nur traurig. Es geht ja darum, jemanden beim Leben zu unterstützen, wir sind ja nicht Sterbebegleiter, das klingt so furchtbar, wir sind eigentlich Lebensbegleiter", sagt die 26-Jährige. Dann klingelt die Glocke und der Kurs geht weiter.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema