Leben

Starke Leistung, große Zweifel Wenn der eigene Erfolg nicht überzeugt

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Impostor-Persönlichkeiten fürchten, irgendwann würden alle merken, dass sie nichts können.

(Foto: imago/Panthermedia)

Was haben Albert Einstein und Ellie Goulding gemeinsam? Der Nobelpreisträger und die Popsängerin zählen zu den sehr erfolgreichen Menschen ihrer Zeit, werden aber gleichzeitig von starken Selbstzweifeln geplagt. Sie sind sogenannte Impostor-Persönlichkeiten.

Ein Tiger sieht in den Spiegel und erblickt dort eine Katze. Das Titelbild von Sonja Rohrmanns Buch über das sogenannte Impostor-Phänomen sagt alles. Die Diskrepanz zwischen diesen beiden Bildern ist für Außenstehende offensichtlich. Für die Betroffenen sieht das jedoch ganz anders aus. Das Impostor-Phänomen wird auch Hochstapler-Selbstkonzept genannt. Außergewöhnlich erfolgreiche Menschen haben so starke Selbstzweifel, dass sie unfähig sind, ihre eigenen Leistungen anzuerkennen und wertzuschätzen. Gerade erst outete sich die britische Sängerin Ellie Goulding als Impostor. Bei Instagram schrieb sie, ihr sei klar, dass ein Großteil ihrer Ängste daher komme, dass sie nicht genug an sich selbst glaube und denke, dass sie ihr Glück nicht verdiene.

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Auf diese Problematik waren in den 1980er-Jahren die beiden US-Professorinnen und Psychotherapeutinnen Pauline Clance und Suzanne Imes aufmerksam geworden. Zu ihren Beratungen und Trainings kamen viele Frauen, die herausragende akademische Leistungen ablieferten und zum Teil angesehene Koryphäen waren, aber dennoch starke Selbstzweifel hatten. "Diese Frauen neigten dazu, objektive Erfolgsindikatoren wie akademische Grade, Auszeichnungen und Ähnliches nicht mit ihren eigenen Fähigkeiten zu erklären", erzählt Sonja Rohrmann n-tv.de. Die promovierte Psychologin leitet seit 2009 die Professur für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Frankfurter Goethe-Universität und forscht zum Hochstapler-Selbstkonzept.

Inzwischen zeigen empirische Untersuchungen, dass es sich dabei keineswegs um ein frauenspezifisches Phänomen handelt, sondern um eine Selbstbildproblematik bei Leistungsträgern. "Jeder kann ein schlechtes Selbstbild haben", sagt Rohrmann. "Impostor definieren sich insbesondere über die Diskrepanz zwischen objektivem Erfolg und subjektivem Empfinden." Sie haben das Gefühl, ihre Umwelt über ihre eigenen Fähigkeiten zu täuschen. Der Erfolg wird auf äußere Faktoren wie Glück oder Zufall zurückgeführt, aber nicht auf Kompetenz. Und sie alle haben Angst, eines Tages als Hochstapler entlarvt zu werden. Schon Albert Einstein war von diesem Gefühl beherrscht und sagte darüber: "Die übertriebene Wertschätzung meines Lebenswerks beunruhigt mich und ich fühle mich gezwungen, mich als unfreiwilligen Betrüger zu betrachten."

Ungünstige Kombination

Impostor-Persönlichkeiten sind Menschen, die in sich einen geringen Selbstwert, einen hohen Perfektionismus und eine externale Kontrollüberzeugung vereinen. Das bedeutet, dass sie positive Dinge meist auf äußere Faktoren zurückführen, für negative machen sie eher sich selbst verantwortlich. Bei Erfolg habe ich Glück gehabt, bei Misserfolg war ich zu dumm oder habe ich mich nicht genug angestrengt. "Das ist ein sehr ungünstiges Attributionsmuster", meint Rohrmann. "Sie sind emotional eher labil, also ängstlich oder depressiv."

Häufig sind die Betroffenen von bestimmten Familiendynamiken oder Erziehungsstilen geprägt. "Eine hohe Leistungs- und Wettbewerbsorientierung in der Familie induziert einen leistungsabhängigen Selbstwert." Das Kind wird für gute Leistungen gelobt und hat das Gefühl, es werde nur geliebt, wenn es etwas leistet, aber nicht um seiner selbst willen. Nach Rohrmann wachsen viele Personen mit Impostor-Selbstkonzept in Familien auf, in denen einem Mitglied die Rolle des Intelligenten zugeschrieben wird und dem späteren Impostor die Rolle des charmanten, des hübschen oder auch des einfühlsamen Kindes.

Es gibt auch die Möglichkeit, dass die eigenen Fähigkeiten als atypisch zu denen der anderen Familienmitglieder wahrgenommen werden. Das ist dann besonders stark ausgeprägt, wenn etwa eine akademische Laufbahn eingeschlagen wird, die es in der Familie bisher nicht gab. Daraus können große Zweifel an der eigenen Kompetenz entstehen, schließlich gehört man ja ganz offensichtlich nicht in das Umfeld, in dem man arbeitet. Häufig seien Impostor-Personen auch bestrebt, "unbefriedigte Bedürfnisse der Elterngeneration zu erfüllen, zum Beispiel einen gesellschaftlichen Aufstieg zu erreichen".

Realismus und Gelassenheit

In einer leistungsorientierten Gesellschaft, die vom ständigen Wettbewerb geprägt ist, kann das innere Gefühl, sich demnächst als komplette Mogelpackung zu erweisen, schnell übermächtig werden. Als Rohrmann vor einiger Zeit vor Managern einen Vortrag zu dem Thema hielt, bekannten sich 50 Prozent der Zuhörer dazu, das Phänomen aus eigenem Erleben zu kennen. In diesem zunächst erschütternden Bekenntnis liege auch eine große Chance, meint die Expertin. "Die effektivste Therapie zur Überwindung des Impostor-Selbstkonzeptes ist, zu erkennen, dass es existiert."

Die Psychologin empfiehlt, Erfolge schriftlich festzuhalten und damit zu lernen, diese und den eigenen Anteil daran realistischer zu bewerten. "Dazu gehört auch, Herausforderungen trotz der damit verbundenen Ängste anzunehmen", so Rohrmann. "Oder auch, dass man, wenn andere einen loben, einfach danke sagt. Und nicht: Ach, das war doch nur Glück oder Zufall." Viele greifen dafür auf professionelles Coaching oder Supervision zurück.

Die Versagensängste können den Alltag auch so erheblich beeinträchtigen, dass die Betroffenen bestimmte Berufswege abbrechen oder zu Prüfungen nicht erscheinen. Der Leidensdruck bei Personen mit Impostor-Selbstkonzept kann bis zu Burnout oder Depressionen führen, so dass psychotherapeutische Hilfe nötig werden kann. "Alle Interventionen zielen darauf ab, dass man diese dysfunktionalen Gedanken und verzerrten Denkmuster identifiziert und verändert", ermutigt Rohrmann. Dann gelingt es, die oft erheblichen Alltagsbelastungen ab- und ein verinnerlichtes Selbstwertgefühl aufzubauen. "Es geht darum, zu lernen, sich selbst realistische Maßstäbe zu setzen und von den Bewertungen anderer unabhängig zu machen."

Das wird übrigens für die meisten Betroffenen mit zunehmendem Alter leichter, wie die Forschung zeigt. Je mehr Aufgaben und Verantwortlichkeiten innerhalb eines Teams verteilt werden, umso weniger hängt alles vom Können einer Person ab. Außerdem wird vielen Menschen mit Impostor mit jedem Lebensjahr ein bisschen mehr klar, dass jeder Stärken und Schwächen hat und dass man mit den eigenen Fähigkeiten ganz schön weit gekommen ist.

Quelle: n-tv.de