Leben

In Vino Verena Wenn die "Nazi-Erbin" Rap-Musik macht

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Maria Furtwängler mit Tochter Elisabeth bei einer Pressekonferenz zum Thema: Weibliche Selbstinszenierung in den Sozialen Medien

(Foto: imago images/Eventpress)

Elisabeth Furtwängler ist die jüngste Milliardärin Deutschlands. Und sie macht Musik. Damit gerät sie in die Schusslinie. Denn wie kann eine "weiße, privilegierte Frau" es wagen, Musik zu machen, statt sich gegen Rassismus einzusetzen? Unsere Kolumnistin über "Nazi-Erben-Rap", pinke Handschuhe und "Sith".

"Abscheulich! Schön, wie du dich beklatschen lässt von anderen reichen, weißen Nazi-Enkeln. Musikalisch und intellektuell extrem peinlich. (...)" So lautet nur einer von vielen Kommentaren, die Elisabeth Furtwängler erhalten hat. Die 29-Jährige ist die jüngste deutsche Milliardärin, Tochter des Verlegers Hubert Burda und der Schauspielerin Maria Furtwängler. Und sie macht Musik. Für manche Ohren schlechte. Jeden Tag wird in den sozialen Medien eine neue Sau durchs Dorf getrieben, deren Meinung oder Auftreten den selbsternannten feministischen Kämpfer:innen nicht passt. Nun also: eine junge Frau, die "Nazi-Erben-Rap" macht.

Um die Geschichte des Familienunternehmens Burda im Dritten Reich soll es hier nicht gehen, sondern um kruden Aktivismus. Denn, liebe Leserinnen und Leser, es ist egal, ob ich "etwas zu links" stehe. Ich habe gefälligst den Mund zu halten, wenn "Marginalisierte" etwas anprangern, denn ich bin eine "weiße, privilegierte Cis-Frau".

Ich gebe zu: Ich wusste zuerst nicht, was dieses "Cis" überhaupt bedeutet. Ich dachte, das hat was mit Musik zu tun. Tonleiter. Cis-Dur, Cis-Moll. Als ich "Cis" zum ersten Mal hörte, dachte ich, man würde die Sith aus "Star Wars" meinen. Dabei stehe ich doch auf der Seite der Jedi! Aber Spaß beiseite. Ich habe lange überlegt, ob ich über dieses Thema überhaupt nochmal was schreiben soll, mich aber letztlich doch dafür entschieden, weil mich die Gedanken darum nicht loslassen. Ständig hetzen diese vermeintlichen feministischen Kämpfer:innen ihre Gefolgschaft auf Leute, die nicht in ihr Weltbild passen.

"Geht mal auf das Profil von xy!"

Gern setzen sie sich dafür mit traurigem Gesichtsausdruck vor die Kamera, beginnen vom großen Unrecht zu erzählen und sagen mit einer Überheblichkeit sondergleichen: "Geht doch alle mal auf das Profil von xy und sagt der Person, was Ihr von ihr haltet!" Ohne nachzudenken, stürmt die Meute drauf los und attackiert Leute, die es ihrer Meinung nach "nicht anders verdient haben". In ihrem Buch "Schäm dich!" nennt die Berliner Journalistin Judith Sevinç Basad diese Moralapostel "Ideologinnen und Ideologen", die "bestimmen, was gut und böse ist".

Auch die Musikerin Elisabeth Furtwängler geriet auf den Schirm einer solchen "Aufklärerin". Es ist nicht das erste Mal, dass diese Person, ebenfalls "Journalistin", mit einer Arroganz und Selbstgefälligkeit Menschen an den Internet-Pranger stellt. Sie erhebt sich, wie viele andere ihrer Mitstreiter:innen als moralische Über-Instanz. Als wäre sie Polizei, Ankläger und Richter zugleich.

Kürzlich war diese "Aktivistin" beispielsweise mit dem Handeln eines von ihr zuvor noch hochgelobten Kollegen nicht einverstanden. Dieser war daraufhin massiv psychischer Gewalt ausgesetzt. Hunderte beleidigten ihn als "Frauenhasser", "Lappen" oder "Pisser mit kleinem Würstchen." Menschen, die dieses Vorgehen kritisch hinterfragen und sagen, hey, das ist aber auch nicht okay, was Ihr da macht, werden im weiteren Verlauf ebenfalls virtuell niedergebrüllt oder eingeschüchtert.

"Nazi-Erben-Rap" und Antisemitismus-Arbeit

Nun hat es also Elisabeth Furtwängler erwischt. Die 29-Jährige, die in Los Angeles Musik macht, sei eine "Nazi-Enkelin". Blut klebe an ihren Händen. (Was kann man dafür, in welche Familie man geboren wurde?) Schämen solle sie sich. Für ihre Familie. Für die Geschichte ihrer Familie. Am besten auch gleich für ihre Musik. Die sei nämlich "richtig schlecht". Die ach so moralisch unfehlbare "Journalistin" schlägt gleich mal vor, was Furtwängler, die ihrer Ansicht nach schlicht nichts anderes als "Nazi-Erben-Rap" mache, eher tun sollte: ihr Geld in "Community-, Antirassismus- und Antisemitismus-Arbeit investieren, (...) aber nein stattdessen investiert sie das Geld in Technik, um zu versuchen, sich Zutritt zu verschaffen in eine Kultur der Marginalisierten".

Reiche haben also nicht das Recht, Rap zu machen. "Nazi-Erben" schon gar nicht! Rap dürfen nur "Marginalisierte" machen. Also Leute wie Tupac, Dr. Dre und - Eminem. Aber Moment, der ist doch weiß! Okay, aber er wuchs in einem Trailer-Park auf. Das kann man schon mal gelten lassen.

Übrigens ist besagte "Journalistin" auch Psychologin. Aber wir müssen hier festhalten: Keine integren Journalist:innen oder Psycholog:innen rufen zu psychischer Internet-Gewalt auf. Auch jene nicht, die ein Abendstudium an einer Privat-Universität absolviert haben. Leute auf andere Social-Media-Profile als virtuellen Steinigungstrupp zu jagen, ist nichts anderes als das Betreiben von Hetze. Und wer Hetze ausgesetzt ist, erlebt eine Form der psychischen Gewalt. So einfach ist das. So traurig wie verwerflich. Gern heißt es dann: Das sei weder Hetze noch Schikane, sondern "Kritik marginalisierter Gruppen, die nicht gehört werden".

Pinke Handschuhe und Morddrohungen

Vielleicht haben Sie, liebe Leserinnen und Leser von den toxischen Abgründen der Social-Media-Welt noch nichts mitbekommen, weil Sie sich bewusst für ein Leben ohne soziale Medien entschieden haben. Aber unter der Oberfläche gärt und brodelt es.

Kurz zu einem anderen, hier nur verknappt dargestellten Beispiel: Unlängst haben zwei Jungunternehmer in "Die Höhle der Löwen" einen pinken Handschuh vorgestellt, den Frauen benutzen könnten, um ihre Tampons während der Periode darin einzuwickeln. Blöde Idee, ja. Sogar saublöd. Ein pinker Handschuh. Das bedient wieder nur die stereotypen Klischees. Es gibt viel berechtigte Kritik an dem Perioden-Handschuh. Wenn wir aber gerecht sein wollen, müssen wir auch die "Always Ultra"-Leute kritisieren, die in ihre Damenbinden in der Werbung blaues Gel kippen und die Periode im Grunde auf ihre Art ebenfalls tabuisieren. Übrigens: Meine Oma erzählte einst, als junge Frau während ihrer Periode Watte benutzt - und deshalb nicht weniger selbstbestimmt ihren Alltag gestaltet zu haben.

Okay, pinke Hygiene-Handschuhe: blöd gelaufen. Aber nein, das genügt nicht! Die erzürnten "Kämpfer:innen für Gerechtigkeit" gehen massiv aggressiv auf die Unternehmer und ihre Familien los. Sogar Morddrohungen habe es gegeben - mit dem Ende vom Lied: Die Unternehmer entschuldigten sich reflexhaft, der Handschuh war somit Geschichte.

"Der verkaufte Feminismus"

Die Journalistin Beate Hausbichler schrieb zu dieser Causa in ihrer im "Standard" erschienenen Kolumne: "Systemkritik statt Hass und Shitstorms gegen Einzelne": "Es ist leider auf der Tagesordnung, dass auch andere Debatten über politische Themen so verlaufen. Und dass die paar wenigen mächtigen Kommunikationsplattformen genau auf derartige Eskalationen setzen, die User:innen möglichst lang dort zu halten, das ist auch längst kein Geheimnis mehr." Sich "heftig befetzen" lautet die Devise. Weiter schreibt Hausbichler: "Es hat letztlich auch nichts mehr mit feministischen Ansprüchen zu tun, wenn berechtigte Kritik in eine Flut von Hassnachrichten bis hin zu Morddrohungen übergeht."

In Hausbichlers Buch: "Der verkaufte Feminismus" befasst sich die studierte Philosophin damit, was geschieht, wenn Feminismus seine Arbeit verlagert - weg von der Kapitalismuskritik, "hin zur Arbeit an und für sich selbst". Sie warnt vor den Gefahren, die diese Individualisierung, "befeuert durch Social Media, für den Diskurs über Gleichberechtigung", bewirkt, und zeigt auf, "wo überall Feminismus in dicken Lettern draufsteht, obwohl nur Selbstoptimierung, Selbstdarstellung und letztlich Konsum drinstecken, und welches Risiko das für eine politische Bewegung bedeutet."

Ich bin Feministin. Ich setze mich für Gleichberechtigung ein. Das tat ich schon, als mir der Begriff noch nicht einmal bewusst war. Ich komme aus einer katholischen Arbeiterfamilie. Mein Vater war depressiv und Maurer, meine Mutter arbeitete, nachdem sie ihren Job verloren hatte, als Reinigungskraft auf einer Kinderkrebsstation. Schon bald hatte sie immer weniger Zeit, um die Zimmer der kranken Kinder zu reinigen. Es belastete sie sehr, weil der Zeitdruck stieg, während der Lohn weniger wurde. Eines Tages sah ich Mutters Chef vor seiner dicken Karre. Ich machte ein riesiges Fass auf - da auf diesem Parkplatz vor der Firma des Bosses. Es gab danach jede Menge Ärger und es dauerte eine Weile, aber ich war unheimlich stolz, als Mutter und ihr Putztrupp plötzlich wieder mehr Zeit hatten. Das ist jetzt 15 Jahre her.

Von der Angst, noch was zu sagen

Wenn man es aber heute wagt, das Treiben der feministischen Netz-Aktivist:innen kritisch zu hinterfragen, ist man sofort: antifeministisch. Eine privilegierte Cis-Frau. Eine, die nicht mitreden kann, weil sie weiß ist. Dabei hat all das nicht das Geringste mit der Hautfarbe zu tun! Oder tatsächlich nur. Die privilegierte, weiße Frau Dittrich fährt bestimmt auch einen fetten BMW und bewohnt garantiert ein Dachgeschoss im Prenzlauer Berg für 5600 Euro Miete im Monat. Kalt natürlich. Klar.

So manche "Kämpferin" präsentiert sich als arme Frau mit Migrationshintergrund. Eine, die auch schon mal am ganzen Körper zittert, wenn der Postbote klingelt. Weil das eben gut ins Bild passt. Auch, wenn man in einer luxuriösen Eigentumswohnung wohnt und der Bote wirklich nur was liefern will. Aber mit einem solchen vermeintlichen Background hetzt es sich eben besser gegen "privilegierte, weiße Cis-Frauen" wie Elisabeth Furtwängler, die "Nazi-Erbin", die auch noch schlechten Rap macht.

Angst geht um. Die Angst auf dem Schirm der Besser-Menschen zu landen und virtuell angeprangert und fertiggemacht zu werden. Eine mutige Frau sagte neulich zu mir: "Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man sich nicht unterkriegen lässt. Denn je mehr Menschen sich gegen diesen kruden Aktivismus stellen, desto mehr trauen auch andere Menschen, sich zu Wort zu melden."

Sagen, was man denkt! Sich nicht einschüchtern lassen! Denn viele dieser vermeintlichen Kämpfe für Gleichberechtigung sind nichts anderes als das Terrorisieren anderer, um sein Ego in der Social-Media-Welt als Heilsbringer:in zu erheben. Das ist kein Feminismus. Das ist keine Gerechtigkeit. Das ist Selbstdarstellung und Größenwahn narzisstischer, oft toxischer Ideologinnen und Ideologen, die die verkrusteten gesellschaftlichen Missstände eher fördern als sie zu verbessern.

Quelle: ntv.de

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