Leben

Infektionszahl und Spaziergänge Wie Corona-Geschichte geschrieben wird

136784279.jpg

Spaziergänge, Spieleabende, Video-Kaffeetrinken - jeder wird eigene Erinnerungen haben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Irgendwann wird die Corona-Pandemie vorbei sein und in die Menschheitsgeschichte einsortiert werden. Dann wird von Regierungsentscheidungen, Infektions- und Totenzahlen und der Erfindung eines Impfstoffs die Rede sein. Auf jeden Fall wird es aber in allen Familien Corona-Geschichten geben.

Corona-Frühling und Sommer sind vorbei, Pandemie-Herbst und Winter werfen graue und lange Schatten. Diesmal sind Schulen und Kitas offen, alle haben genug Masken, die Homeoffice-Ecken sind hübscher und professioneller eingerichtet. Die Welt ohne Coronavirus wirkt unwirklich weit weg. Reisen, Umarmungen und Abende in vollen Klubs scheinen so lange her wie unangeschnallt Autofahren oder Rauchen im Flugzeug.

Es hat sich etwas verändert - was genau, werden irgendwann vielleicht Soziologen oder Historiker erfassen können. Noch ist es zu früh, die Nach-Corona-Zeit hat hierzulande noch nicht einmal begonnen. Wenn dann die Rede von den Corona-Monaten oder vielleicht doch -Jahren sein wird, erinnert man sich möglicherweise daran, dass die Menschen wieder Schlange standen. Nicht so, wie DDR-Bürger früher die Schlangen vor dem Konsum in Erinnerung haben, wenn es Südfrüchte gab. Schon der Abstand lässt die Corona-Schlangen anders aussehen. Vor der Post, der Apotheke oder dem Pizzabäcker schlängelt sich eine Reihe auf dem Gehweg entlang, der Wartebereich und die empfohlenen eineinhalb bis zwei Meter sind eingezeichnet. Es hat etwas von den kontrollierten und disziplinierten Wartevorgängen, wie man sie von Bildern aus Japan, Südkorea oder England kennt.

In jedem Laden dürfen nur eine abgezählte Anzahl von Menschen sein, das Restaurant hat eine Ausgabetheke in die Tür gebaut, nun heißt es geduldig bleiben. Dinge zu erledigen ist zu einer zeitaufwändigen Angelegenheit geworden. Diese Schlangen sind erstaunlich still, da wird nicht viel geschwatzt und schon gar nicht geschubst. Es ist, als habe der Pandemiemodus seinen Ausdruck in der Wartereihe gefunden, man muss da eben durch, ausharren und erledigen. Der Nächste bitte.

Einfach mal raus

Vielleicht ist es aber auch der Corona-Spaziergang, der in die Geschichte eingehen wird. All die Menschen, die sonst ständig zu Hause saßen, ziehen um die Häuser, in die Wälder und Parks. Mit oder ohne Kinder ist es plötzlich verlockend, einfach auszuschreiten, erst hierhin, dann da lang, Hauptsache laufen, weiter als bis in die Küche oder zum Briefkasten. Machte man früher zusammen Sport oder ging essen, flaniert man jetzt. Den Kaffee oder Glühwein to go in der Hand, trifft man Freunde zu einem Spaziergang.

Endlich an der Luft, irgendwie fühlt sich Draußen-Sein so viel sicherer an. Die frische, kühle Herbstluft wird tief eingeatmet in die jetzt so gefährdeten Atemwege, die Brust wird weit, der Blick richtet sich nach vorn. Man würde so gern aufatmen, aber noch ist es nicht so weit. Das Laufen ist dabei ebenso wichtig wie das Reden. Einfach sprechen, ohne erst wie in den unzähligen Videokonferenzen das Mikrofon anzuschalten. All den Überdruss rauslassen, die Pandemiemüdigkeit in Worte fassen, die Erschöpfung ausdrücken. Sich vergewissern, dass man mit guten Freunden oder der eigenen Familie sogar eine Pandemie schaffen kann, während man läuft, so weit einen die Beine tragen, und am Abend auch mal körperlich erschöpft sein.

Von körperlicher Erschöpfung muss man den Postboten nichts erzählen. Sie schleppen all die Kartons der Versandhändler in die Häuser und Wohnungen. Immer öfter sind es aber auch liebevolle Päckchen mit selbstgenähten Masken oder Dingen, die Menschen einander in ihre Corona-Höhlen schicken. Es ist vermutlich nicht so, dass dieser Badezusatz oder jene Handcreme nun unverzichtbar waren, aber die Mühe, die sich jemand gegeben hat, die ist es. Deshalb bekommen Päckchen oder Pakete an Enkel, Großeltern oder Freunde plötzlich geradezu eine Systemrelevanz. Weil sie vor allem mit Zuwendung, mit Liebe und Freundlichkeit gefüllt sind, die in der Pandemie der Impfstoff für die Seele sind.

Erinnerung funktioniert anders

Vielleicht wird also später auch davon erzählt, dass sich Menschen wieder Post schickten, Bücher, die man lesen sollte, Schokolade, die einen durch das nächste Zoom-Meeting bringt oder warme Socken, weil es im Homeoffice oft erstaunlich fußkalt ist.

Irgendwann wird es diese Corona-Historie geben, mit Regierungsentscheidungen, Infektions- und Totenzahlen und dem Datum, als es vielleicht nach der Erfindung eines Impfstoffs endlich wieder Hoffnung gab. Auf jeden Fall wird es aber in allen Familien Corona-Geschichten geben.

Zur Erzählung der Berlin-Blockade gehören auch Süßigkeiten, die an kleinen Fallschirmen vom Himmel schwebten. Die deutsche Teilung wird für viele für immer mit dem Duft der Westpakete verbunden bleiben. Und deshalb gehören zur Corona-Pandemiegeschichte nicht nur Infiziertenzahlen und Impfstoffmeldungen, sondern auch Schlangen, Spaziergänge und Päckchen.

Quelle: ntv.de