Leben

Mönchisches Leben in neuer Ruhe Zisterzienser suchen Sinn in der Pandemie

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Für Pater Kilian Müller ändert sich vieles, aber nicht alles.

(Foto: Rocco Thiede)

"Kann man im Schlechten, Schmerzhaften dieser Pandemie das Gute entdecken und einen Sinn erkennen?", fragt der Zisterziensermönch Pater Kilian aus dem brandenburgischen Kloster Neuzelle. Selbst wenn die Gefahr der Infektion besteht: Im Notfall würden die Mönche zu den Sterbenden gehen.

Man gewinnt den Eindruck: Erst jetzt in der Coronakrise ist das Kloster in Neuzelle ein richtiges Kloster. Die Zisterzienser dort können in Ruhe beten. Es kommen keine Touristen mehr, denen liturgische Abläufe fremd sind. Die etwa dreieinhalb Stunden des täglichen Gebets in der barockisierten Marienkirche werden nicht gestört von klickenden Fotoapparaten oder lautem Sprechen. Nun läuft hier scheinbar alles ideal nach dem lateinischen Mönchsmotto aus dem Mittelalter: "Ora et Labora" (bete und arbeite).

Wirklich alles? Fast. Denn mit dem Arbeiten ist es bei der Mönchsgemeinschaft ähnlich wie in anderen Familien auch: Der Schulunterricht an der katholischen Grundschule, wo sie Religion lehren, ist eingestellt und das pfarrliche Leben ruht ebenso. "Sicher geht es uns wie den meisten Menschen: Die ersten zwei, drei Tage nimmt man die Ruhe erstmal dankbar an. Danach merkt man plötzlich, was man sonst für selbstverständlich ansieht und nun vermisst", berichtet der Ökonom des Klosters, Pater Kilian Müller.

Der große Unterschied zum Normalbetrieb im 1268 gegründeten Kloster Neuzelle liegt darin, "dass wir bei unseren Gebetszeiten und Gottesdiensten nun keinerlei Teilnehmer mehr einlassen dürfen", erklärt der Mönch. Das ist für die Ordensgemeinschaft der Zisterzienser "vor allem dann traurig, wenn normalerweise die Neuzeller Kirche gut gefüllt wäre - zu den Heiligen Messen am Sonntagvormittag, oder auch unter der Woche zur Komplet, dem letzten Chorgebet des Tages". Offiziell beleben die Mönche seit September 2018 das vor 200 Jahren zwangsverstaatlichte Kloster wieder.  Ansonsten halten sie auch jetzt den klösterlichen Tagesablauf genauso ein wie vorher - "das ist der Vorteil daran, dass bei uns Arbeits- und Privatleben eine Einheit bilden, wir also in einer familiären Struktur vor Ort leben, beten und arbeiten".

Auch kochen und waschen

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Die Marienkirche in Neuzelle liegt jetzt verwaist.

(Foto: Patrick Pleul/zb/dpa)

Dennoch sind ihre Wohnungen im ehemaligen Pfarrhaus noch immer mehr WG als Klosterzelle, wie sie es von ihrem Mutterkloster aus Heiligenkreuz vom Wienerwald her kennen. Dort in Österreich waren die Bestimmungen und Restriktionen des öffentlichen Lebens von Anfang an deutlich schärfer als in Deutschland. So wurde der Gästebetrieb des Mutterklosters, den es in Neuzelle bisher noch nicht gibt, komplett eingestellt. Dort wo früher zivile Angestellte ihr "täglich Brot verdienten" - zum Beispiel in der Küche und der Wäscherei - haben mittlerweile die Mönche den Job vorübergehend selbst übernommen.

Abt Maximilian von Heiligenkreuz steht mit seinen Mitbrüdern im brandenburgischen Neuzelle regelmäßig in Kontakt via Telefon oder Internet. "Aber es ist schon sehr ungewohnt und ein seltsames Gefühl, dass wir derzeit gar nicht ohne Weiteres 'heim' in unser Mutterkloster reisen können", erzählt Pater Kilian.

Im Orden der Zisterzienser gibt es durch Covid-19 die ersten Tragödien: Am 22. März starb die 85-jährige Schwester Luisa Alvarez in ihrem Kloster in Madrid an dem Virus. In Italien stehen im 1045 gegründeten Kloster Casamari im Latium alle Mönche des Konvents unter Quarantäne. "Abt Eugenio wird auf der Intensivstation behandelt", berichtet Pater Kilian. Bisher gebe es im Amt Neuzelle fünf gemeldete Fälle und im benachbarten Eisenhüttenstadt sollen es sieben sein. Wenn einer der sechs Mönche des Klosters gesundheitliche Probleme hat, geht er - wie jeder andere auch - zu seinem Hausarzt im Ort oder fährt ins fünf Kilometer entfernte Eisenhüttenstadt.

Aktuell gelten für die Zisterzienser bis Ostern noch die strengeren Regeln der Fastenzeit. Gegessen wird weniger und nur einfache Gerichte kommen auf den Tisch. "Bisher mussten wir hier keine größeren Einschränkungen hinnehmen." Wie gewohnt kocht Frater Aloysius Maria für die Gemeinschaft und kümmert sich um den Haushalt. Engpässe bei der Versorgung scheinen die Mönche nicht zu stören. "Zum Glück koche ich nicht mit Klopapier", soll Frater Aloysius mit einem Augenzwinkern gesagt haben.

Livestream aus der Stiftskirche

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Auch die Mönche haben digital aufgerüstet.

(Foto: Kloster Neuzelle)

Aus ihrer Abgeschiedenheit sind die Neuzeller Ordensmänner über die sozialen Medien weiter mit vielen Menschen verbunden. Mit einem täglichen Livestream aus der Stiftskirche um 19.15 Uhr zum Rosenkranz und anschließendem Nachtgebet versuchen die Mönche die Gläubigen in ihren Häusern zu stützen. An Sonntagen wird zusätzlich um 17 Uhr eine Heilige Messe übertragen. Um die Technik kümmert sich Pater Isaak.

Noch vor wenigen Tagen hielt Pater Kilian Müller Konventexerzitien bei den Borromäerinnen in St. Carolus in Görlitz. Doch wegen der aktuellen Lage wurden sie vorzeitig abgebrochen und er kehrte nach Neuzelle zurück. "Besonders die ältesten unter den Schwestern, so schien mir, fühlten sich erinnert an die Umstände, in denen während oder nach dem Zweiten Weltkrieg die Heilige Messe gefeiert werden musste."

Als die Kirchen geschlossen wurden, fuhren die Neuzeller Mönche mit ihrem Auto in jedes der Dörfer, die zur Pfarrei gehören. Dort segneten sie alle Häuser, Gärten, Felder, den Wald, die Tiere und vor allem alle Menschen und beteten um ihren Schutz und ihre Gesundheit. "So eine Krise darf den Glauben nicht erschüttern - so schmerzlich und vielleicht in manchen Punkten auch unverhältnismäßig man diese Einschränkungen jetzt empfinden mag", erklärt Pater Kilian, der auch als Priester weiter ansprechbar sein möchte. Statt nach "Warum?" sollten die Menschen lieber fragen "Wozu?" und überlegen: In welcher Weise könnte die gegebene Situation fruchtbar werden? "Kann man im Schlechten, Schmerzhaften dieser Pandemie das Gute entdecken und einen Sinn erkennen?", fragt sich der Gottesmann auch selbst.

"Es muss sichergestellt sein, dass wir in pastoralen Notfällen auch bei einer Ausgangssperre bestimmte Sonderrechte haben. Keiner von uns will und wird sich davon abhalten lassen, im Notfall zu den Sterbenden zu gehen und sie nach Möglichkeit mit den entsprechenden Sakramenten zu versorgen - selbst wenn dabei immer auch die Gefahr der Infektion besteht". Pater Kilian Müller ist überzeugt: "In dieser Situation ist unser solidarisches Gebet für die ganze Welt, ist unser Glaube und unser Zeugnis als Nonnen und Mönche zutiefst gefragt und bedeutungsvoll - auch hier in Neuzelle!"

Quelle: ntv.de