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Schau der Superlative im Louvre Zum Leonardo-Spektakel nach Paris

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Vom "Salvator Mundi" ist in der Leonardo-Schau im Louvre nur diese Kopie zu sehen.

(Foto: REUTERS)

In Paris öffnet die große Ausstellung zu Leonardo da Vinci. Sie bildet das gesamte Schaffen des Renaissance-Meisters ab. In absehbarer Zeit werden nie wieder so viele Werke Leonardos vereint sein. Mehrere Tage der bis Februar 2020 dauernden Schau sind bereits ausverkauft.

Das Beste kommt bekanntlich immer zum Schluss. Seit Anfang des Jahres begeht die Welt den 500. Todestag von Leonardo da Vinci. Nun ist der Vorhang gefallen für das Highlight der Festlichkeiten: Der Louvre eröffnete in dieser Woche seine - von viel PR-Tamtam begleitete - Ausstellung mit 160 Werken, von denen weit mehr als zwei Drittel aus der Hand des Renaissance-Künstlers oder seiner Werkstatt stammen (sollen).

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Chefkurator Vincent Delieuvin vor Leonardos Gemälde "Anna selbdritt".

(Foto: REUTERS)

Das Pariser Museum zeigt Leonardo als Universalgenie, das sich Zeit seines Lebens mit Architektur, Biologie, Waffenkunde, Technik, Anatomie und natürlich Malerei befasste. Dass der Italiener im Vergleich zu zeitgenössischen Kollegen sehr wenige Gemälde schuf oder sie unvollendet ließ, interpretiert Chefkurator Vincent Delieuvin nicht als mangelndes Interesse, sondern als Hang des Meisters zu absoluter Vollkommenheit. "Er wollte perfekte Bilder malen." Denn Leonardo habe die Malerei als "Königin der Wissenschaft" gesehen, die in der Lage sei, "die Welt neu zu erschaffen".

Schon vor Beginn Hunderttausende Tickets verkauft

Mit der Ausstellung feiert Frankreich nicht nur Leonardo, sondern auch sich selbst. Welchen Stellenwert Politik und Öffentlichkeit der Exposition beimessen, zeigt sich darin, dass Staatschef Emmanuel Macron die Schirmherrschaft übernommen hat. Unabhängig von ihrem kunsthistorischen Wert ist die Schau schon jetzt ein Spektakel der Superlative: Bereits vor der Eröffnung waren nach offiziellen Angaben mehr als 200.000 Tickets verkauft worden. Um den erwarteten Massenandrang zu kanalisieren und riesige Schlangen an den Kassen zu vermeiden, muss die Eintrittskarte online jeweils für ein ganz bestimmtes Zeitfenster erworben werden. Mehrere Tage der bis 24. Februar 2020 dauernden Ausstellung sind bereits ausverkauft.

Dass die Erwartungen an die Schau enorm hoch waren, lag auch am Louvre selbst, der die Latte extrem hoch hängte. Das Museum hatte sie ein Jahrzehnt lang vorbereitet und muss nun - Sponsoren hin, Sponsoren her - auf möglichst viele Besucher setzen, um Geld einzuspielen. Schon vor Monaten kündigten die Organisatoren eine "einzigartige Ansammlung von Kunstwerken" an, "die nur der Louvre zusammenbringen" könne. Das klingt selbstbewusst, ist aber auch dem Umstand zu verdanken, dass der Louvre 5 der 14 transportablen Gemälde und 22 Zeichnungen besitzt, die Leonardo eindeutig zugewiesen werden.

Ziel der Vollständigkeit verfehlt

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Auch die "Madonna Benois" aus der Eremitage ist im Louvre zu sehen.

(Foto: imago stock&people)

Ihr Ziel, möglichst alle Gemälde des Meisters zu präsentieren, verfehlten die Kuratoren um Delieuvin trotzdem klar. Museen in Florenz, Washington, Krakau, München und London wollten ihre Originale aus konservatorischen Gründen nicht verleihen. So fehlt insbesondere Leonardos schönstes Frauenporträt "Dame mit dem Hermelin", das dem polnischen Staat gehört. Dafür kann die herrliche "Madonna Benois" aus der Eremitage in St. Petersburg bewundert werden. Der Vatikan stellte das unvollendete Bild "Der heilige Hieronymus" zur Verfügung, die Nationalgalerie in Parma die erstklassige Gemäldeskizze "Kopf eines Mädchens", genannt "La Scapigliata". Überaus sehenswert sind Dutzende Zeichnungen des Meisters.

Um die Zahl der "Originale" zu erhöhen, griffen die Ausstellungsmacher auf den Trick zurück, Zuschreibungen der Eigentümer zu übernehmen, auch wenn sie in der Fachwelt umstritten sind. Oder sie flaggten Gemälde, die wahrscheinlich nichts oder sehr wenig mit Leonardo zu tun haben, als Werkstattarbeiten aus. Dazu zählen zwei zeitgenössische Kopien des verschollenen Leonardo-Gemäldes "Madonna mit der Spindel" aus Privatbesitz. Das unvollendete Porträt eines nicht identifizierten jungen Mannes wird an seinem Stammplatz, der Mailänder Pinakothek Ambrosiana, als Leonardos Bild ohne Beteiligung anderer Künstler ausgestellt - so ist es auch in der Louvre-Schau zu sehen. Ob es wirklich das (alleinige) Produkt des Meisters ist, darüber diskutieren Fachleute seit Jahrzehnten.

Wo ist der "Salvator Mundi"?

Besonders bitter für den Louvre: Der "Salvator Mundi", das mit einem Auktionspreis von 450 Millionen Dollar momentan teuerste Gemälde der Welt, ist nicht zu sehen. Dabei gehört es angeblich dem Louvre Abu Dhabi, mit dem das Pariser Museum eng kooperiert. Somit ist weiterhin unklar, wer das Werk besitzt und wo es sich befindet. Die Pressestelle in Paris bestätigte, das wegen seiner Zuschreibung an Leonardo umstrittene Bild als Leihgabe angefragt, aber eine Absage erhalten zu haben. In der Louvre-Schau ist die eher zweitklassige Kopie des "Salvator Mundi" aus der früheren Sammlung des Marquis de Ganay zu besichtigen, die heute in Privatbesitz ist. ​

Ein Highlight ist neben den fünf Pariser Originalen Leonardos berühmte, auf Leinwand gezogene Kohle-Kreide-Zeichnung "Anna selbdritt" aus der Londoner Nationalgalerie. Direkt daneben hängt das gleichnamige Gemälde aus dem Bestand des Louvre. Beide Werke in einem Raum zu erleben, dürfte auf Jahrzehnte hinaus eine Einmaligkeit bleiben.

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Herausragend: "Ungläubiger Thomas" von Andrea del Verrocchio.

(Foto: REUTERS)

Ein weiteres herausragendes Ausstellungsstück ist die lebensgroße Plastik des "Ungläubigen Thomas" von Leonardos Lehrer Andrea del Verrocchio aus dem Museum Orsanmichele in Florenz. Bedeutende Objekte sind diverse Gemälde von Leonardos Schülern, allen voran Giovanni Antonio Boltraffio. Sehenswert sind sie auch deshalb, weil sie zeigen, was der Meister seinen Zöglingen voraushatte und warum er schon zu Lebzeiten als unerreichbares Vorbild galt.

Renaissance-Vorkenntnisse hilfreich

Mitunter lässt die Schau den Besucher, der keine Vorkenntnisse der Renaissance hat, allein mit der Vielzahl der Exponate. Warum etwa unter all den italienischen Werken ein einziges Gemälde des deutsch-niederländischen Malers Hans Memling zu sehen ist, erschließt sich erst, wenn man weiß, dass es als Hinweis auf die Vorreiterrolle der Niederländer bei der Verwendung der Ölfarbe gemeint ist. Leider sind - vielleicht soll das den Verleih der Audioguides ankurbeln - sämtliche Erklärtafeln zu den einzelnen Exponaten nur auf Französisch. Sie enthalten allein die Informationen: Künstler, Titel und Leihgeber - sonst nichts. Schade.

Kurzum: Die Reise nach Paris lohnt definitiv. Zwar ist die Bezeichnung "Jahrhundert-Ausstellung" - das "Wall Street Journal" spricht von der "​Biggest Leonardo da Vinci Show Ever​"​ - übertrieben und der cleveren PR des Louvre geschuldet. Die Londoner Leonardo-Schau Ende 2011 hatte denselben hohen Rang und zeigte sogar die "Dame mit dem Hermelin". Doch empfiehlt sich der Besuch schon deshalb, weil in absehbarer Zeit nie wieder so viele Werke Leonardos auf einen Fleck vereint sein werden.

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