Unterhaltung

Von Urmel bis Jim Knopf Der Zauber der Augsburger Puppenkiste

c6987e48e9e14dfb0adbecee88c50d16.jpg

Kult: Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer.

(Foto: imago/epd)

Ganze Generationen von Kindern werden mit ihren Fernseh-Produktionen groß. Doch ihre Anfänge feiert die Augsburger Puppenkiste in einem provisorischen Theater in einer zerbombten Stadt. Genau 70 Jahre ist das nun her.

Generationen von Kindern fühlten sich in der Augsburger Puppenkiste wie in einer eigenen Welt voller Abenteuer. Entzaubernd klingt da, was der Chef dieser Abenteuerwelt sagt: "Was wir machen - wir wackeln mit einem Stück Holz", beschrieb Klaus Marschall, der Leiter der Marionettenbühne, einmal im Bayerischen Rundfunk (BR) seine Arbeit. "Alles andere passiert im Kopf des Zuschauers."

Den Kopf des Zuschauers mit lediglich ein paar Holzfiguren mit starrer Mimik in Welten voll Drachen, Hexen und lustigen Katern zu entführen, ist wohl die große Stärke von Deutschlands bekanntestem Marionettentheater. Und diese Stärke sorgt dafür, dass die Augsburger Puppenkiste trotz aller Krisen und der deutlich veränderten Sehgewohnheiten der Kinder noch immer fortbesteht - seit nun 70 Jahren.

Am Anfang war "Der gestiefelte Kater"

24ab4ce7641bb75a4b946ba447b4d89d.jpg

Klaus Marschall, Enkel des Puppenkisten-Gründers Walter Oehmichen, inmitten einiger Schätze des Theaters.

(Foto: imago/epd)

Es war ein Zufall, der zur Gründung der Augsburger Puppenkiste führte: Als der Wehrmachtssoldat Walther Oehmichen im Zweiten Weltkrieg mit seiner Truppe in Calais festsaß, fand er ein altes Puppentheater. Der Schauspieler spielte seinen Kameraden vor und merkte, dass er sie so viel mehr faszinierte, als wenn er selbst auf der Bühne stand. Dies sei das "Schlüsselerlebnis" für seinen Großvater gewesen, sagte der derzeitige Leiter Marschall im BR.

Am 26. Februar 1948 führte Oehmichen im zerbombten Augsburg in seinem provisorischen Theater "Der gestiefelte Kater" auf - das erste Stück der Augsburger Puppenkiste. Ein zweiter Zufall half dabei, dass diese bis heute in ganz Deutschland bekannt ist.

Der Sendeleiter des ARD-Vorgängersenders NWDR, Hanns Fahrenburg, war Anfang der 1950er-Jahre dringend auf der Suche nach Inhalten für ein Kinderprogramm im gerade neu gestarteten Medium Fernsehen. Bei einem Werbespiel der Puppenbühne für den Bauernverband sah Fahrenburg zu und nahm das Theater unter Vertrag.

So einfach war Fernsehen

53e50f1757697bf9cf959d03dadf641f.jpg

Auch "Urmel aus dem Eis" gehört zu den Klassikern des Theaters.

(Foto: imago/epd)

Oehmichen packte seine Puppenkiste, fuhr nach Hamburg und ging nur wenige Wochen nach dem Start der "Tagesschau" auf Sendung. Am 21. Januar 1953 lief das Marionettenspiel von "Peter und der Wolf". Ein Kasperletheater, davor eine Kamera - so einfach war in den Anfängen Fernsehen.

Doch so primitiv sollte es nicht lange bleiben. Bald übernahm der Hessische Rundfunk die Produktion. Eine der ersten großen Produktionen war die "Muminfamilie". Für das kleine Theater bedeuteten die Dreharbeiten wie bei allen folgenden Produktionen eine Konzentration ausschließlich aufs Fernsehen: Für etwa zwei Monate schloss die Puppenkiste.

"Bill Bo", "Der Räuber Hotzenplotz", "Kleiner König Kalle Wirsch" oder "Urmel aus dem Eis" waren Erfolgsproduktionen. Über all diesen steht aber der Erfolg von "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer". Anfang der 60er Jahre wurde das Buch von Michael Ende das erste Mal auf die Puppenbühne gebracht, 1976 entstand die bekannte Neuverfilmung in Farbe - mit dem zum Klassiker gewordenen Meer aus gespannter Klarsichtfolie.

Und plötzlich war Schluss

Bis in die 90er-Jahre waren die Wiederholungen nicht aus den Programmen der ARD und später auch dem Kinderkanal wegzudenken. Doch dann war Schluss. Nur noch vereinzelt laufen Stücke aus Augsburg im Fernsehen und dort vor allem in Spartensendern, derzeit "Ralphi" in ARD-alpha. Schon früh merkte etwa der Kinderkanal, dass den heutigen Kindern das Puppenspiel schlicht zu langsam ist.

Lange haderten sie in der Puppenkiste damit. Doch das Theater, das pro Jahr über 400 Vorstellungen spielt, geht inzwischen wieder stärker in eine größere Öffentlichkeit. 2016 und 2017 gab es Kinofilme mit Weihnachtsgeschichten, die jeweils etwa 100.000 Zuschauer waren ein großer Erfolg. Die Zuschauerzahlen sind kein Vergleich zu früher - aber die Puppenkiste scheint zumindest einen Weg gefunden zu haben, ihre Zukunft zu sichern.

Quelle: n-tv.de, Ralf Isermann, AFP

Mehr zum Thema