Unterhaltung

Berlin. Arm. Unsexy. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

imago0096237302h.jpg

Berlin, ein sterbender Schwan? Performance bei DSTM auf der Fashion Week.

(Foto: imago images/Pacific Press Agency)

Gleich mal vorneweg: Ratten sind unglaublich kluge Tiere. Es ist kein Wunder, wenn sie sinkende Schiffe verlassen. Geht eine, gehen alle. Die Frage ist jetzt eigentlich nur noch: Wann zieht die Berlinale eigentlich nach München? Steht in Berlin nun das ganz große Massenkultursterben an?

Das schmerzt alles so. Dass ich sowas sagen muss, als Berlinerin. Geboren in der Muddastadt muss ich jetzt mit angucken, wie die Stadt ihren Totalausverkauf betreibt. Und das Schlimme: Man hätte es verhindern können, aber jetzt isses zu spät. Die Fashion Week samt aller Messen zieht nach Frankfurt am Main, Galeristen verlassen mit wehenden Fahnen die Stadt, Buchläden schließen (dafür ziehen Weinläden ein, auch irgendwo Kultur, stimmt schon). Aber es passt ja, die Kultur geht eh gerade den Bach runter in Corona-Zeiten.

Hauptsache Lufthansa fliegt, VW baut Autos. Kinos müssen ja nicht öffnen, Theater, pffh, sterben doch eh aus, gehen ja nur Omas hin. Konzerte? Fehlanzeige. Schule fällt aus, Kita fällt aus, Kinder und Kultur haben eben keine Lobby, mit oder ohne Corona übrigens. Scheint nicht so wichtig zu sein. Kinder sind halt ein geiles Accessoire beim Chai-Latte-Schlürfen, und Kultur ist schön, aber braucht man jetzt nicht essentiell. Gibt's ja umsonst, Graffiti in der Unterführung, oder eben in der Glotze. Guckst du "Sommerhaus der Stars", liest du umsonst online einfach 'ne Zeitschrift, und zack, schon hast du Kultur. Wahnsinn!

wowi.jpg

Der ehemalige Regierende Bürger- und Partymeister von Berlin, Klaus Wowereit, prägte den Slogan "Arm aber sexy". Und kriegte damals schon dafür auf die Mütze.

(Foto: imago images / Photopress Müller)

Neuester Coup: Nicht nur die Kunst in Form von Galerien verlässt Berlin, nein, die Mode zieht gleich mit. "Die Fashion Week und das Format Fashion Week wird neu gedacht werden müssen", so die Geschäftsführerin der Premium Group, Anita Tillmann. "Man kommt nicht sofort auf Frankfurt, aber es ist der perfekte Ort." Das mag sein, und das muss sie ja auch sagen, wenn sie will, dass ihr Baby nicht den Bach runter geht. Denn alles scheint besser zu sein als Berlin.

Immer wurde nur gemäkelt

Es hieß mal, Berlin sei arm aber sexy, leider ist die Stadt nur noch arm. Ganz arm dran. Alles wird glatt gebügelt, an ungebügelten Stellen tummeln sich noch ein paar Verzweifelte auf der Suche nach dem guten alten Berlin-Vibe, aber im Grunde genommen ist die Stadt das bereits erwähnte sinkende Schiff.

Man bedenke: Hunderttausende kamen in die Stadt, um sich die neuesten Entwürfe in Sachen Mode anzugucken. Aber immer wurde nur gemäkelt: Nicht genug Stars, nicht genug "fette" Marken - dafür aber viel Innovation, Jugend und Nachhaltigkeit. Als wär' das nix! Das, worüber sich die Hessen nun freuen dürfen - und ganz ehrlich, allerherzlichsten Glückwunsch dazu - sind: "Fünf Plattformen, drei Messen, zwei Konferenzen, über 2000 Designer, Brands und Modeunternehmen."

Hallo Berliner Kulturpolitik, hast du den Schuss nicht gehört? Selbst die Sexyness (sorry, Klaus Wowereit!) will man in Richtung Westen transportieren. Denn Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt, reibt sich zu Recht die Hände: Er wolle "aus Frankfurt die sexieste internationale Stadt der Welt machen", sagt er. Im kommenden Jahr rechne er mit mehr als 140.000 Besuchern aus 100 Nationen.

140.000 (in Worten: Einhundertundvierzigfuckingtausend) Besucher, die den Berliner Hotels und Airbnb-Spekulierenden, Restaurants und Bars fehlen werden!

FrankurtFashionFreude

*Datenschutz

Ich persönlich habe nichts gegen Frankfurt. Und so, wie man sich dort freut, freut man sich fast doch ein bisschen mit. Auf Instagram heißt es: "The next big thing! Unexpected, innovative, purpose-driven". Also unerwartet, innovativ und zweckorientiert, das nächste große Ding. "Wow! This is Fashion! This is Frankfurt! This is FrankfurtFashionWeek!" jubelt man. Schon allein wegen der Alliteration ist das wunderschön! So klingt Freude, noch ein Wort mit F, ja, so klingt es, wenn Menschen die Kasse klingeln hören. So klingt es ganz einfach, wenn man Interesse zeigt.

Wie bereits erwähnt - die Ratte ist ein kluges Tier und mitnichten nur ein Schädling. Wenn man dieses Bild nun weiter bemühen möchte, könnten weitere dieser possierlichen Altweltmäuse einen Abgang machen. Wenn die Berliner Kulturpolitik also demnächst aus ihrem Dornröschenschlaf beziehungsweise kurz vor der Sommerpause aufwachen sollte, sollte sie mal nachgucken, ob die Berlinale nicht auch noch nach - sagen wir mal, denn es würde echt gut passen - München übergesiedelt ist. 

Auch Sammler und Sammlerinnen waren voller Hoffnung, in der Hauptstadt auf Gleichgesinnte zu treffen. Allerdings nicht nur auf Leute, die etwas zu verkaufen haben, sondern auch Leute, die etwas kaufen wollen. Oder wenigstens mal gucken! Man will gar nicht davon anfangen, dass Berlin eine der umfangreichsten Sammlungen von Kunstwerken, Objekten und Dokumenten der künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts hätte haben können. Aber die hängt jetzt in Dresden.

Mittelaltermarkt statt Medienkunst

Kunst-mäßig wird hier also bald der Ofen aus sein: Die Sammlung Julia Stoschek verlässt ihre Räume in der Leipziger Straße. Der Me Collectors Room in der Auguststraße ist dicht, die Sammlung Flick packt ihre sieben Sachen. Sie alle haben die Nase voll von Ignoranz und kleinbürgerlichem Spießertum, das mehr darauf bedacht ist, Raum für Mittelaltermärkte auf dem Mittelstreifen zu schaffen als für moderne Malerei oder Medienkunst.

imago0091181714h.jpg

Der Berliner an sich mag Kunst ...

(Foto: imago images / Rolf Zöllner)

Geschenkt haben wollten die Sammler und Galeristen übrigens nichts, sie hatten bereits ordentlich investiert. Geht es aber um beispielsweise neu zu schließende Mietverträge, legt man ihnen Steine in den Weg, statt Unterstützung anzubieten. Julia Stoschek sagte im Mai dem "Tagesspiegel", dass sie die Stadt nicht bashen möchte, sie hätte hier auch sehr viel Schönes erlebt. Aber sie sagte auch": "Die kulturpolitischen Verantwortungsträger scheinen durch ihre nicht vorhandene Zuständigkeit auch ihre Verantwortung abzugeben."

Nun denn: In einer Stadt, in der Filmpreise nur dann verliehen werden können, wenn sich Private zusammen tun (siehe als Beispiel den altehrwürdigen Ernst-Lubitsch-Preis), in denen auf Spielplätzen mehr geraucht als gespielt wird, in der eine Kulturstaatsministerin quasi mit den Schultern zuckt - "es ist wie in einer Partnerschaft oder Ehe, entweder sie hält oder sie geht auseinander" - was will man da erwarten? Vielleicht kann ja aus dem Nichts dann bald wieder etwas Neues entstehen, die Hoffnung stirbt zuletzt. Und Hauptsache Zara und H&M haben auf. Und die Media-Märkte.

Quelle: ntv.de