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Hannah, Jessa, Shoshanna unjd Marnie (v.l.) sind Lena Dunhams "Girls" - nicht perfekt und trotzdem bezaubernd.
Hannah, Jessa, Shoshanna unjd Marnie (v.l.) sind Lena Dunhams "Girls" - nicht perfekt und trotzdem bezaubernd.(Foto: Twitter/BEKAMALL85)
Montag, 12. Januar 2015

Faul, fett und trotzdem bezaubernd: Dunhams "Girls" versuchen Frausein

Von Anna Meinecke

Ein übersteigertes Selbstbewusstsein schützt vor Zweifeln nicht - die Protagonistinnen der TV-Serie "Girls" werden zwar älter, doch nicht unbedingt weiser. In Staffel vier der Lena-Dunham-Show müssen die Scheiternden erwachsen werden.

Getrieben von dem dringenden Bedürfnis, sich selbst zu verwirklichen, paralysiert von der Angst, zu scheitern - die HBO-Serie "Girls" folgt vier New Yorker Freundinnen in den frühen 20ern dabei, wie sie sich mit einer mehr oder weniger beliebigen Abfolge mittelfataler Entscheidungen am Leben versuchen. Das Format, produziert von Lena Dunham, aus der Feder von Lena Dunham und mit Lena Dunham in der Hauptrolle, muss sich neu beweisen. In der vergangenen Nacht startete in den USA die vierte Staffel.

Der Start der Serie vor knapp drei Jahren wurde als ein neues, modernes und vor allem echtes "Sex and The City" von Kritikern gefeiert und von Zuschauern geliebt, doch zuletzt schwächelte die Serie. Jetzt, nachdem Galionsfigur Dunham im vergangenen Jahr mit frischer Feminismus-Theorie und ihrer Autobiografie "Not That Kind of Girl" der Sprung in die vordersten Reihen der Popkultur gelungen ist, wird es für die komplizierten Charaktere ihrer TV-Show ernst.

Fette Egos, übersteigerte Visionen

Die Strandhausparty aus Staffel drei ist vorbei und die "Girls" müssen in einer Welt erwachsen werden, in der für ihre aufgeladenen Egos und kapriziösen Zukunftsvisionen eigentlich kein Platz ist: Dunhams Hannah Horvath selbst packt die Koffer, um an einem renommierten Programm für kreatives Schreiben in Iowa teilzunehmen.

Die "Girls" müssen erwachsen werden, wissen aber nicht wie.
Die "Girls" müssen erwachsen werden, wissen aber nicht wie.(Foto: Twitter/Lubiie)

Mit Respekt und Potenzial im Gepäck riskiert sie die große Liebe (großartig: Adam Driver als Adam) und ihr heimeliges Glück für einen Zukunftstraum, der nur vielleicht einmal Realität wird. Es ist eine Flucht nach vorn, denn all ihre beruflichen Pläne in New York sind gescheitert.

Auch Hannahs Freundinnen befinden sich irgendwo zwischen unproduktivem Stillstand und beliebigem Fortkommen: Die schöne Marnie (Allison Williams) bleibt Peinlichkeitsgarant und Mensch gewordene Demütigung. Mit einem Duettpartner versucht sie sich als Singer-Songwriter bei etwas, das sich "Jazz Brunch" nennt - und vorher wie nachher ist sie dessen Geliebte.

Standortbestimmung inmitten von Verlorenheit

Die verhuschte Shoshanna (Zosia Mamet) hat endlich den Uni-Abschluss in der Tasche - ansonsten hat sie wenig bis nichts - und Jessa (Jemima Kirke), der suchtgefährdete Hippie unter den jungen Frauen, verliert die einzige bedeutsame Beziehung in ihrem Leben: die zu der alten Künstlerin, um die sie sich kümmert.

Antiheldin Nummer eins, Hannah Horvath, lässt die Liebe zurück - für eine ungewisse Zukunft.
Antiheldin Nummer eins, Hannah Horvath, lässt die Liebe zurück - für eine ungewisse Zukunft.(Foto: Twitter/thedailybeast)

Der aufgebrachten Tochter der Dame legt Dunham die Worte in den Mund, mit denen aus ihrer Sicht wohl "die Erwachsenen" auf ihre Generation blicken: "Liegt es daran, dass man euch zu oft gesagt hat, ihr wärt etwas Besonderes, und dass ihr das geglaubt habt?", fragt sie. "Als meiner Generation und der Generation vor mir gesagt wurde, wir seien etwas Besonderes, waren wir nämlich klug genug, zu wissen, dass das hieß, dass wir dumm waren. Deswegen haben wir härter gearbeitet - um sicherzustellen, dass wir nicht dumm sind."

"Girls" ist eine Standortbestimmung inmitten der Verlorenheit: Wie viel jugendliche Verblendung verträgt Reife? Je nachdem, wie man diese Frage beantwortet, zeichnet "Girls" entweder das entschuldigende Bild einer privilegierten, doch faulen Generation oder aber die Show beleuchtet brillant feine Nuancen einer modernen Gesellschaft, deren sperrige Identität mehr ist als die viel beachteten Social-Media-Kanäle ihrer Protagonisten. "Girls" erlaubt sich, die neue Unabhängigkeit junger Frauen realistisch zu betrachten, statt blind zu bejubeln: Wo alte Rollenbilder ausgedient haben, brauchen die Protagonistinnen Raum, ihr Selbst zunächst zu formen, bevor es sich zu einem funktionierenden Frausein manifestiert.

Bezaubernd abstoßende Antiheldinnen

Mit ihrer Egozentrik und Unzuverlässigkeit sind Hannah, Marnie, Jessa und Shoshanna nicht die typischen Fernseh-Sympathieträger. Sie sind Lena Dunhams ganz persönliche Antiheldinnen - bezaubernd abstoßend. Die 28-Jährige kämpft für Gleichberechtigung der Geschlechter. Sie wird wissen, dass dieses Ziel nicht mit Frauen verwirklicht ist, die neben einem prestigeträchtigen Job drei Kinder großziehen. Gleichberechtigte Frauen müssen nicht nur genauso erfolgreich sein dürfen wie Männer, sondern auch in gleichem Maße für Faulheit, Fettleibigkeit und ihren schlechten Charakter akzeptiert werden.

"Ich finde die Vorstellung, dass Feminismus wieder cool wird und sich nicht anfühlt wie staubtrockene Müsliflocken unglaublich aufregend", hat Dunham einmal gesagt. So "cool" und lustig, wie zu Beginn der Show ist "Girls" vielleicht nicht mehr. Die neue Staffel verspricht jedoch dank Dunhams Beobachtungstalent und Bereitschaft zur Selbstreflexion in ihrer Bitterkeit eine Facette der Realität zu zeigen, die so noch nicht im Fernsehen zu sehen war.

Quelle: n-tv.de

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