Unterhaltung

Hip-Pop-Meister der Herzen Fettes Brot schießen mit Amors Pfeilen

Fettes Brot Lovestory (Foto by Jens Herrndorff)-5.jpg

Lauscht man eher den Worten als den Tönen, verdient sich "Lovestory" am Ende ein "Prädikat wertvoll"-Siegel.

Schwule Großväter, heiße Mütter und braune Ex-Freundinnen: Mit ihrem neuen Studioalbum "Lovestory" im Gepäck irren Fettes Brot durch das Labyrinth der Liebe.

Nur die Liebe zählt? Aber Hallo! Wir alle erinnern uns: Mark Forster machte im November 2018 den Anfang ("Liebe"). Vor zwei Wochen legte Stefanie Heinzmann nach ("All We Need Is Love"). Dieser Tage zelebrieren nun die Herren König Renz, Doktor Boris und Björn Beton alias Fettes Brot das vorläufige Finale einer musikalischen Deutschpop-Entwicklung unter dem Banner des pochenden Herzens.

fettes_brot.jpg

Fettes Brot haben eine Menge Liebe zu verteilen.

"Fettes Brot machen doch kein Deutschpop!", schallt es sofort mit einem wütenden Unterton aus dem Yo-Baby-Yo-Jugendzimmer. Nein, sorry! Natürlich nicht. Die drei Spaßtüten vom Deich machen Hip-Hop, schon klar. Innerhalb der Goldketten tragenden Vintage-Community sieht man das natürlich ein bisschen anders. Dort genießen die Fettbrot-Wortakrobaten in etwa so viel Hochachtung wie die Jungs von Blink 182 innerhalb der True-Punkrock-Szene - nämlich gar keine. An diesem Umstand wird sich wohl auch in naher Zukunft nichts ändern, denn auf ihrem neunten Studioalbum "Lovestory" präsentieren sich Fettes Brot so weit vom Rap-Thron entfernt wie die Kicker des 1. FC Nürnberg von der Meisterschale.

Gute Laune ohne Ende

Von einer kollektiven Beleidigte-Leberwürste-Attitüde ist im Hause Fettes Brot aber nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil. Die nicht enden wollenden Mobbing-Attacken aus der Hartholz-Rap-Abteilung lassen die drei Spaß-MCs schon seit Jahrzehnten kalt. Ähnlich wie die Fantas ziehen auch Fettes Brot ihren Gute-Laune-Hip-Hop-Stiefel einfach weiter unbeirrt durch.

*Datenschutz

Im Frühjahr 2019 klingt das dann so: Über den Handzahm-Versionen alter House-of-Pain-Beats trällern sich Fettes Brot das eigene Spiegelbild ("Ich liebe mich") und die "Wetterfrau" schön. Im Anschluss an grenzwertige Großraumdisco-Vibes ("Denxu") bahnt sich mystischer Opulenz-Pop in die Gehörgänge ("Robot Girl"). Es folgen groovende Karibik-Rhythmen ("Deine Mama"), Pumpendes aus dem 70s-Discopop-Archiv ("Geile Biester") und eine Prise guter Laune aus der Fernsehgarten-Küche ("Du driftest nach rechts").

Musikalisch übersteigt "Lovestory" nur ganz selten den Nährwertgehalt einer zwischen Frühstücksradio und Mittag-Charts-Show auf und ab hüpfenden Toastbrotscheibe. Das, was sich aus dem Background nach vorne drängt, ist nicht mehr als Allerwelts-Hip-Pop aus der Retorte. Melodien für Millionen sucht man auf "Lovestory" ebenfalls vergebens.

Hausaufgaben gemacht

Ist "Lovestory" also ein Fall für die musikalische Restemülltonne? So einfach ist es dann doch nicht. Abseits der musikalischen Makel haben Fettes Brot nämlich - wieder mal - ihre Hausaufgaben gemacht. Soll heißen: Lauscht man eher den Worten als den Tönen, verdient sich "Lovestory" am Ende doch noch ein "Prädikat wertvoll"-Siegel.

Dank ihres ausgeprägten Gespürs für zeitgemäßen Wortwitz zeigen Fettes Brot allen ähnlich gestrickten Sprechgesangakrobaten hierzulande die lange Nase. Mag sein, dass Bushido, Kollegah, Capital Bra und Co. die dickeren Karren vor der Tür stehen haben. Dafür haben Fettes Brot aber tonnenweise mehr gesunden Menschenverstand im Gepäck.

*Datenschutz

Während um uns herum alles Gute kollabiert, knuddelt das Trio mit schwulen Großvätern ("Opa + Opa") und technischen Firlefanz-Barbies ("Robot Girl"). Wer sich morgens zu viel braune Schminke ins Gesicht schmiert, bekommt verbale Ohrfeigen verpasst ("Du driftest nach rechts"). Und wer die Mamas nicht verehrt, der hat sowieso schon verloren ("Deine Mama").

Mit viel Liebe, viel Witz und vielen sachdienlichen Hinweisen zur Weltverbesserung katapultieren sich Fettes Brot mal wieder an die Spitze der hiesigen Sprechgesang-Branche. Da soll nochmal einer behaupten, im hohen Norden geht es, wenn überhaupt, nur unterkühlt zur Sache. "Lovestory" beweist das Gegenteil.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema