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Kieler Radikalisierungs-"Tatort" Klischee-Krimi in der Kopftuchfalle

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Möchte Julia vor sich selbst retten: Kommissar Borowski

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Eine junge Frau weiß nicht, wohin mit sich selbst - und findet ihre scheinbare Erlösung im radikalen Islam. "Borowski und das verlorene Mädchen" hat das Zeug zu einer spannenden Charakterstudie - und scheitert am Krimialltag.

Themen-"Tatorte" werden im ARD-Jargon die Krimis genannt, in denen es um mehr gehen soll als die banale Antwort auf die Frage, wer denn nun der Mörder ist. Wer es jetzt bereits mit der Angst zu tun bekommt, fährt damit an diesem Sonntagabend genau richtig: Wie so häufig ist auch der neueste Fall aus Kiel ein Paradebeispiel dafür, dass ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema noch lange keinen guten Film garantiert.

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Julias Imam will das Mädchen in den Dschihad schicken.

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Rund 700 Deutsche sind nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes in den vergangenen Jahren nach Syrien und in den Irak gereist, um sich dem IS und anderen Terrororganisationen anzuschließen - die meisten von ihnen sehr junge Erwachsene. Was bringt Teenager dazu, das vergleichsweise behütete Deutschland gegen die Kriegshölle im Nahen Osten zu tauschen?  "Borowski und das verlorene Mädchen" will dieser Frage nachgehen und skizziert die Radikalisierung einer Kieler Schülerin. Ein enorm spannender Ansatz - und würde sich dieser  "Tatort" auf die Charakterstudie der jungen Julia (Mala Emde) beschränken, wäre dabei am Ende wohl ein ziemlich ordentlicher Film herausgekommen.

Verführerin im Dienste des Verfassungsschutzes

Aber ohne Mord natürlich kein "Tatort", weswegen Kommissar Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Brandt (Sibel Kekili) den mysteriösen Todesfall einer Freundin von Julia aufklären müssen. Das wirkt aufgesetzt, und fast scheint es, als empfänden das auch die Hauptdarsteller so: Borowski ermittelt unfassbar lustlos in der Gegend herum, während Brandt noch unsympathischer daherfunzelt als normalerweise. Irgendwann mischt sich dann auch noch der Verfassungsschutz mit ein, der Julias Moschee schon lange im Visier hat und ganz eigene Ziele verfolgt, die so überhaupt nicht mit denen der Ermittler im Einklang stehen.

"Borowski und das verlorene Mädchen" will unheimlich viel Material in 90 Minuten Sendezeit verpacken und scheitert damit kläglich. Fast jede Szene verkommt zum Klischee: Mal geifert ein Pierre-Vogel-Verschnitt islamistische Propaganda durch die Moschee, dann wieder intrigiert der verschlagene Imam mit Julias Mentorin - und die entpuppt sich am Ende gar als Verführerin im Dienste des Verfassungsschutzes. Wenn dann noch die arme Julia tagebuchartig ihre Sorgen aus dem Off aufzählt, kann man nur noch mit dem Kopf schütteln: "Die Welt ist ein Durchgangsort, ich werde einen Gott finden, der meine Wunden heilt." Echt jetzt?

Irgendwann gegen Mitte des Films entschließt sich Julia, ab sofort nur noch mit Kopftuch auf die Straße zu gehen. Ihr Weg durch eine der hässlichsten Fußgängerzonen Deutschlands gerät dabei zum Spießrutenlauf: Böse Blicke durchbohren das Mädchen, Passanten spucken vor ihr aus - Deutschland zeigt sich von seiner hässlichen Seite. Auch wenn das Betrachten solcher Szenen weh tut: Es wäre schön gewesen, wenn Regisseur Raymond Ley den Faden weitergesponnen hätte, statt sich wieder in den Krimialltag zu stürzen. Statt neuer Einblicke in das Seelenleben einer werdenden Islamistin erfährt der Zuschauer am Ende mal wieder nur, wer der Mörder war. Immerhin, damit hätte nun wirklich niemand gerechnet.

Quelle: n-tv.de

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