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Rückkehr in unendliche Weiten Literarisches Quartett ist besser als Star Trek

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(Foto: dpa)

Das ZDF belebt die Sendung von Marcel Reich-Ranicki neu. Eine waghalsige Entscheidung - die sich als richtig herausstellt. Die Fernsehnation erlebt eine unterhaltsame Sendung und hat ein neues Traumpaar, das sich hübsch angiftet.

Die Germanistin Luzia Braun wollte von den drei festen Mitgliedern des neuen Literarischen Quartetts wissen, wie sie die Idee finden, die Kultsendung des legendären Marcel Reich-Ranicki neu zu beleben. Gastgeber Volker Weidermann sang eine glaubwürdige Hymne auf das Comeback. Christine Westermann kündigte den Versuch an, "eigene Abdrücke zu hinterlassen". Und Maxim Biller? Der dritte im Bunde ließ Braun gar nicht erst ausreden, um zu verkünden: "Nein, auf keinen Fall, würde ich nie machen, nein, nein." Die frühere "Aspekte"-Moderatorin fragte in einem Mix aus Verwunderung und Bewunderung: "Nein?" Biller bekräftigte: "Das ist ja so, wie die weiteren Generationen von Star Trek auch nie so gut waren wie Star Trek selbst. Nein, ich find's keine gute Idee. Aber ich gebe trotzdem mein Bestes."

Ehrlichkeit ist eine prima Sache. In einer Sendung, in der es um Kritik an Worten geht, die möglichst schön aneinander gereiht sein sollten, ist sie ein Muss. Biller, selbst Schriftsteller und Kolumnist der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", tat gut daran, trotz inneren Widerstands das Raumschiff bestiegen zu haben, das ihm das ZDF bereitgestellt hat, und die Reise ins Ungewisse anzutreten. Denn das die erste Sendung der Reihe, die fast 14 Jahre pausierte, gelang, lag definitiv an ihm. Und an Captain Weidermann, der trotz unübersehbarer und unüberhörbarer Aufregung die Enterprise elegant durch den literarischen Kosmos steuerte. (Nun aber Schluss mit albernen Star-Trek-Metaphern.)

Drei Literaturkritiker, ein Autor, im Halbkreis

Was hatte man gerätselt, ob das Format überhaupt noch funktioniert. Vier Menschen sitzen wie eine Selbsthilfegruppe im Halbkreis und reden über ebenso viele Bücher. Wie "damals" darf jeder eins vorstellen - und muss es gegen tollkühne Angriffe der anderen verteidigen. Ohne filmische Beiträge und Twitter-Einblendungen: Das wirkt wie Fernsehen in seiner archaischsten Form. "Vier Kritiker, vier Bücher, keine Einspieler, keine Einigkeit", formulierte Weidermann, Kulturressortchef des "Spiegel", die Marschroute.

Ganz eindeutig: Es haut hin. Die drei Literaturkritiker fabrizierten gemeinsam mit der Schriftstellerin Juli Zeh als Gast eine unterhaltsame, spannende und interessante Ausgabe des Quartetts, die Lust auf mehr und - vor allem - auf Lesen machte. Was will man mehr? Wunderbar auch, dass die vier ausgewählten Bücher eher zu der Sorte gehören, die sonst nicht ins Rampenlicht geraten, sieht man einmal von Karl Ove Knausgård ab (und von dem Umstand, dass der Literaturbetrieb generell unberechenbar und unvorhersagbar ist).

Mit Biller und Westermann, die aus "Zimmer frei!" bekannt ist, hat sich ein Duo gefunden, dass noch viel Spaß bringen wird. Während der Autor bissig und angriffslustig erschien, wirkte die WDR-Moderatorin eher wie eine viel lesende Hausfrau denn eine Literaturkritikerin. Was nicht schlimm ist, weil die Urteilskraft von Hausfrauen nicht schlechter sein muss und diese Gegensätzlichkeit der Sendung Spannung gibt.

Ein Witz über Karasek

Allerdings bot Westermann jede Menge Angriffsfläche. Dafür erzeugte Biller den einzigen Fremdschäm-Effekt mit einem überflüssigen "Witz", der besagte, Hellmuth Karasek sei gestorben, weil er diese Sendung nicht mehr habe sehen wollen. Das war viel zu gewollt. Im Gegensatz zu Billers leidenschaftlichen Plädoyers für oder gegen ein Buch. "Gibt es im Quartett ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals! Wird hier vereinfacht? Unentwegt! Ist das Ergebnis oberflächlich? Es ist sogar sehr oberflächlich!", hatte es Reich-Ranicki einst formuliert. Seine Worte - und sein Geist - schienen über den vier Streithähnen zu schweben.

Biller brachte "Der dunkle Fluss" des Nigerianers Chigozie Obiomas mit, das zu den sechs Kandidaten für den diesjährigen Man Booker Price gehört, des wichtigsten britischen Literaturpreises. Es handelt sich um eine Familiengeschichte. Biller stieß in der Runde auf wenig Gegenliebe. Weidermann bekannte, die ersten 30 Seiten hätten ihn angeödet, eher er das Meisterliche an dem Werk entdeckt habe. Zeh brauchte "die Hälfte, um reinzukommen". Westermann beklagte sich über die Übersetzung, etwa dass Mitschüler miteinander "plaudern" und dass der Autor Nasenrotz "milchig weißes Sekret" nenne.

Es "bewegt sich auf 500 Seiten praktisch nichts"

Juli Zeh warb für "Macht und Widerstand" des Bulgaren Ilija Trojanow. Sie lobte den "großartig geschriebenen" Roman als "Psychogramm zweier Helden, eines Verfolgers und eines Verfolgten". Das Werk leuchte "die menschliche Dimension einer Diktatur" aus. Biller: "Ich will jetzt wirklich nicht Vergeltung üben." Zeh: "Dürfen sie. Dafür sind wir doch hier." Die Einladung nahm Biller gerne an. Er kritisierte das Buch als "langweilige Qual". Nun bekannte Weidermann, sein Vorhaben schon in Sendung eins nach Reich-Ranicki aufzugeben, stets anderer Meinung als Biller zu sein. Doch Trojanows Werk sei "wirklich grauenvoll". Es "bewegt sich auf 500 Seiten praktisch nichts".

Während man merkte, wie weh Zeh die Kritik tat, blieb Westermann bei ihrer hausfraulichen Sichtweise. Sie hätte "gerne mal gelesen, welche Politiker an der Macht waren" in Bulgarien. Biller stellte fest: "Er ist kein Schriftsteller." Das wiederum nannte Weidermann "großartigen Quatsch“. Zeh beklagte sich, unfair behandelt zu werden. Weidermann hielt dagegen, Unfairness gehöre zu diesem Quartett. Hier gelang dem Gastgeber das sympathische Kunststück, gegen Zeh zu keilen und sie gleichzeitig gegen Biller in Schutz zu nehmen. Wie er überhaupt eine feine Figur machte. Von wegen arroganter "Spiegel"-Ressortleiter. Davon war nichts zu spüren.

"Meister der sprachlichen Dosierung".

Weidermann lag nur einmal leicht daneben, als er Knausgård als einen Schriftsteller beschrieb, "den viele von Ihnen noch nicht kennen". Hier unterschätzt er vermutlich die Zuschauer. In Deutschland ist gerade unter dem Titel "Träumen" Band fünf der sechsteiligen Autobiografie des Norwegers erschienen, die im Original "Mein Kampf" heißt. Knausgård ist inzwischen auch hierzulande einer breiten Leserschaft ein Begriff und hat Kultstatus. Seine Bücher sind dank ihrer Offenheit und Schonungslosigkeit mit sich selbst, Freunden, Familie, Bekannten und Kollegen ziemlich einmalig. "Es wirft mich um", bekannte Weidermann. "Ganz toll", urteilte Biller. Zeh nannte den Norweger einen "Meister der sprachlichen Dosierung".

Und Westermann? Konnte in "Träumen" nichts Aufregendes entdecken. "Der Mann trinkt 18 Hektoliter Tee - und ich bin bei jeder einzelnen Tasse dabei." Das gelte auch für "Millionen von Butterbroten" und ausführlich beschriebene Waldspaziergänge. Immerhin erntete die Journalistin hierfür ein paar Lacher. Biller schimpfte, dass Westermann große Literatur zur Banalität erkläre "Vielleicht verdrängen Sie etwas aus Ihrem eigenen Leben", orakelte er. "Sie schauen zu sehr aufs Detail und nicht auf das große Ganze." Weidermann schlichtete den Streit mit dem banalen Hinweis an die WDR-Frau: "Wenn sie das nicht gefesselt hat, dann ist das nichts für Sie."

Eine "Art Zuckerglasur über den Holocaust"

Problem nur: Jetzt war Westermann dran. Sie schlug "Fieber am Morgen" vor, der erste Roman des ungarischen Film- und Theaterregisseurs Péter Gárdos. Er handelt von einer Liebesgeschichte unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs. "Das hat mich sehr bewegt, das war mir fast zu viel", bekannte Westermann. Und schon war Biller zur Stelle: "Ein ganz schlimmes kitschiges Buch." Er sprach von "Holocaust-Kitsch" im Stile esoterischer Selbsthilfebücher: "Wenn du Optimist bist, dann schaffst du es.“ Zeh: "Da muss ich mich leider Maxi Biller anschließen mit meiner Meinung." Eine "Art Zuckerglasur über den Holocaust" sei ein Unding. Gárdos  könne nicht schreiben. Immerhin blieb Weidermann in der Mitte. "Holocaust-Kitsch stimmt. Das ist komplett unerträglich.“ Aber: "Mich fesselt diese Geschichte."  

Biller widersprach abermals. "Langweilig" sei das Buch. "Dieses Anekdotenhafte ist so unerträglich:" Er trat auf, als habe er den Begriff "apodiktisch" nicht nur für sich gepachtet, sondern als habe er ihn erfunden. Doch nie wirkte das aufgeblasen oder absichtlich auf Show getrimmt. Es ging ihm nicht darum, Westermann fertig zu machen. Der inhaltliche Streit ist ihm Herzenssache. Das kam rüber und erzeugte Spaß. Gut gemacht, ZDF. Wenn man dem Sender etwas vorhalten kann, dann, dass 14 Jahre vergehen und mit Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek zwei bedeutende Kritiker sterben mussten, ehe die Sendung neu aufgelegt wurde.

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Quelle: ntv.de

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