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Eine Jugend auf St. Pauli Ob du'n Mädel hast oder hast keins ...

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Kalles Clique hat allerlei Blödsinn im Kopf.

(Foto: Isabel Kreitz, Rohrkrepierer, Carlsen Verlag Hamburg, 2015)

St. Pauli ist heute ein Ausgehviertel. Wenig ist geblieben von den schummrigen Kneipen der Vergangenheit. Der Comic "Rohrkrepierer" lässt diese Zeit auferstehen - und beschreibt Kindheit und Jugend zwischen Kleinbürgern und Prostituierten.

"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins, ob du'n Mädel hast oder hast keins", schmetterte einst Hans Albers über das Nachtleben von St. Pauli und trug damit seinen Teil zum Image des Hamburger Viertels bei. Konrad Lorenz dürfte dieses Image zur Genüge kennen. Geboren und aufgewachsen ist er in dem Kiez, der weit über die Stadtgrenzen bekannt ist. Dem St. Pauli seiner Kindheit und Jugend in den 50er- und 60er-Jahren setzte Lorenz vor einigen Jahren mit seinem Roman "Rohrkrepierer" ein Denkmal. Nun hat die Zeichnerin Isabel Kreitz, auch sie eine gebürtige Hamburgerin, das Buch unter gleichem Namen als Comic adaptiert.

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Viele heimkehrende Väter sind traumatisiert - ihnen fällt es schwer, sich wieder einzugliedern.

(Foto: Isabel Kreitz, Rohrkrepierer, Carlsen Verlag Hamburg, 2015)

Es ist nicht die erste zeichnerische Auseinandersetzung der preisgekrönten Künstlerin mit ihrer Heimatstadt. Bereits vor knapp 20 Jahren setzte sie Uwe Timms Roman "Die Erfindung der Currywurst" als Comic um. Und doch will sie die Werke nicht gleichsetzen. "Beide Bücher unterscheiden sich etwas in der Zeit als auch im Ort", erzählt sie n-tv.de. "Die Erfindung der Currywurst" spiele nicht nur direkt nach dem Krieg, sondern auch rund um den Michel. "'Rohrkrepierer' dagegen ist ein reines St.-Pauli-Buch, fast wie ein Kammerspiel", sagt sie.

Die Prostituierten waren sehr kinderlieb

Das Kiez ist die Spielwiese von Kalle, der in den 50ern in kleinbürgerlichen Verhältnissen bei Mutter und Großmutter aufwächst. Rund um den damaligen Paulsplatz spielt er mit seinen Freunden auf den Straßen, klettert in zerbombten Ruinen herum oder spielt Streiche. Eine ganze normale Kindheit dieser Zeit also. Nun ja, nicht ganz, schließlich liegt in St. Pauli das Rotlichtviertel der Hafenstadt. Lorenz erzählt, dass sein Schulweg parallel zur berühmt-berüchtigten Herbertstraße verlief: "Da standen ganz viele Prostituierte", sagt er. "Wir hatten ein sehr nettes Verhältnis zu ihnen, sie waren sehr kinderlieb und haben immer mit uns geschnackt." Gerade weil sie fragten, wie es einem ging oder was los sei, sei das Verhältnis zu ihnen teils sogar enger gewesen als zu den Eltern.

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Der jugendliche Kalle macht seine eigenen Erfahrungen mit der Gewalt im Kiez.

(Foto: Isabel Kreitz, Rohrkrepierer, Carlsen Verlag Hamburg, 2015)

Mutter und Vater haben kaum Zeit. Es ist eine schwere Zeit, der Schwarzmarkt blüht und jeder muss sehen, wo er bleibt. Ohnehin ist der Vater gerade erst aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, was das Familienleben auf eine harte Probe stellt. "Die Väter waren - das Wort gab's damals noch nicht - traumatisiert", erklärt Lorenz. Man habe lediglich geahnt, dass sie schwere Probleme hatten und versuchten, diese mit der Sauferei einzudämmen. "Und das ging natürlich nach hinten los."

Episodenhaft beleuchtet der erste Teil des Comics diese Jahre: das angespannte Verhältnis zur Mutter, die langsame Annäherung an den Vater und die Auseinandersetzungen, die man als Junge eben so erlebt. Kreitz' Bleistiftstrich sorgt dabei für einen nostalgischen Sepia-Ton. Sehr realistisch, nahezu dokumentarisch sind die Zeichnungen, sie erinnern stellenweise an Fotos. Kein Wunder, stellte Lorenz der Zeichnerin doch seine Fotoalben zur Verfügung. Aus ihnen zog Kreitz etliche Vorlagen für ihre Figuren, aber auch für Hintergründe und Straßenzeilen. "Jedes Foto ist wie ein Fenster in eine andere Zeit. Wenn man dann einen Haufen solcher Fotos vor sich hat, hat man irgendwie auch so eine Atmosphäre vor Augen", sagt sie.

Typische Kiez-Bewohner

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Die ersten sexuellen Erfahrungen - in der Herbertstraße.

(Foto: Isabel Kreitz, Rohrkrepierer, Carlsen Verlag Hamburg, 2015)

Die Zerrissenheit der episodenhaft erzählten Geschichte gleicht sie durch ihre genaue Beobachtungsgabe aus. So entstehen interessante Porträts von typischen Kiez-Bewohnern: von Frauen, die um das Überleben ihrer Familie kämpfen, von Kriegsheimkehrern, von Säufern, von Prostituierten und von halbseidenen Gestalten - deren jeweilige Sprache Kreitz auch gut einfängt. Gerade in den Details trifft die Zeichnerin die Stimmung der 50er-Jahre. Das gilt nicht nur für Alltagsgegenstände, Zimmereinrichtungen oder Comics (die die Mutter als Schundliteratur verbrennt). Auch die angespannte Stimmung in vielen Familien kommt zum Ausdruck.

Interessant ist aber auch, wie Kreitz Räume darstellt. Hier zeigt sich das von ihr erwähnte Kammerspiel: Obwohl "Rohrkrepierer" in einer Großstadt spielt, bleibt die Handlung zunächst auf wenige Straßen beschränkt. Man sei auf das eigene Kiez begrenzt gewesen, "weil es sonst Kloppe gab", erzählt Autor Lorenz. Kreitz setzt dies visuell durch viele Perspektivwechsel und Blicke von oben um. So werden die Räume plastischer, sowohl in den Wohnungen als auch in den schummrigen Kneipen und auf den Straßen.

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Im zweiten Teil des Buches, der nach einem Zeitsprung Anfang der 60er-Jahre spielt, weitet sich das Blickfeld. Nicht zuletzt, weil Kalle auch über die Grenzen seines Kiezes hinausgeht (und prompt Kloppe kassiert). Alkohol, Gewalt, jugendliche Rebellion und erste sexuelle Erfahrungen bestimmen nun die Handlung. Auch das Rotlichtviertel von St. Pauli rückt nun stärker ins Blickfeld, eine Episode spielt in der Herbertstraße. Allerdings vermeidet das Buch eine Romantisierung des Kiezes. Vielmehr zeigt es eine raue Welt, in der Gewalt zum Alltag gehört.

Trinken und Prügeln

"Zu der Zeit wurde sehr viel getrunken", erinnert sich Lorenz. "In den Kneipen kam es auch immer zu Schlägereien, da konnte man als Normalsterblicher gar nicht verkehren." Heute habe sich das Kiez gewandelt, mit einer Musikkneipe neben der anderen. "Die eigentlichen Kneipen von früher gibt's eigentlich gar nicht mehr", so Lorenz. "Es hat sich so gesehen eigentlich verbessert."

Die Comicadaption von Kreitz bietet also einen Blick in eine vergangene Welt, auch wenn sie gerade mal 50, 60 Jahre zurückliegt. Dabei überzeugt vor allem die visuelle Umsetzung mit ihren vielen Details, die sich oft erst auf den zweiten Blick offenbaren. Die Darstellung der Fassaden und Straßenzüge, der Retro-Lampenschirm in der Kneipe und Omas Küchenschürze stehen für die Genauigkeit, mit der sich Kreitz in die Zeit eingearbeitet hat. Erzählerisch kann das Buch dagegen nicht voll überzeugen. Der erste Teil verliert sich in den verschiedenen Episoden, die ein Sittenbild dieser Zeit ergeben. Die Hauptfigur Kalle bleibt jedoch zu blass, wirkliche Spannung kommt nicht auf. Erst im zweiten Teil entwickelt sich aus den Teilen eine zusammenhängende Geschichte, die unterhält und das St. Pauli dieser Zeit wiederauferstehen lässt.

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Quelle: n-tv.de

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