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Mauerfall als Anfang vom Ende Scheitern an der neuen Freiheit

Ausweglosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung: Auch diese Gefühle verbinden viele Menschen mit dem Mauerfall, denn in ihrem Leben markiert er einen existenziellen Bruch. In zehn fiktiven Einzelschicksalen berichtet Daniela Krien verstörend und ergreifend von Alkoholismus, Prostitution und Spätabtreibung.

Als sich im November 1989 die Grenze öffnet, beginnt für die einen die Freiheit. Für die anderen ist es der Anfang vom Ende. Nicht nur die Mauer sei gefallen, stellt Otto fest, "auch ich, und zwar auf die Fresse". Direkt nach der Wende startete er mit der Kreditkarte in der Hand groß durch. Dann folgte der Absturz. Im Jahr 2003 klingelt nur noch der Gerichtsvollzieher an der Tür und Ottos einziger Freund ist klarer Schnaps.

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Das Buch ist beim Graf Verlag erschienen, hat 224 Seiten und kostet 18 Euro.

Der Werkzeugmacher ist eine der Figuren, deren Schicksal Daniela Krien in ihrem Buch "Muldental" erzählt. Sie beschreibt die Gestrauchelten, für die der Mauerfall zum Fallstrick wurde. Sie alle befinden sich an einem Punkt im Leben, an dem alles auf dem Spiel steht und Entscheidungen getroffen werden müssen. Liebe, Glück und Freude haben in diesen zehn Erzählungen keinen Platz. Dafür gibt es umso mehr Ausweglosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung. Kaum einer Figur gelingt die Wende im eigenen Leben. Die meisten von ihnen scheitern endgültig. So wie Otto, der den Strick nimmt.

Andere wehren sich und wollen gegen ihre Machtlosigkeit ankämpfen. Wie zum Beispiel die Freundinnen Maren und Bettina, die sich nach Jahren im Jobcenter wiedertreffen und sich einig sind: "So kann es nicht weitergehen". Ein Plan B muss her. Also mieten sie eine Wohnung, ein Freund besorgt ihnen Startkapital - und die ersten Freier.

Gewehrt hat sich lange Zeit auch Marie, als sie von der Stasi bedrängt wurde. Aber ihr Mann leidet an Multipler Sklerose und braucht Medikamente. Seit der jedoch weiß, dass sie Berichte an die Stasi lieferte, schikaniert er sie, wo er kann. An einem heißen Sommertag kommt es zur Eskalation.

Beklemmende Kehrseite des Mauerfalls

Am Gedenktag des Mauerfalls werden die 25 Jahre alten Bilder von jubelnden Massen an den Grenzübergängen und von wildfremden Menschen, die einander in die Arme fallen, einen der glücklichsten Momente deutscher Geschichte in das Gedächtnis der Bundesbürger zurückrufen: Eine Diktatur war Vergangenheit und die Deutschen konnten in eine gemeinsame Zukunft blicken. Die aber sah nicht für alle rosig aus.

Arbeitslosigkeit, verlassene Landstriche, soziale Unsicherheit und das Gefühl, abgehängt worden zu sein - für einige Menschen führte die Revolution nicht ins Gelobte Land, sondern in die ganz persönliche Katastrophe. Zwar sind es fiktive Lebenswege, die Krien beschreibt, aber mit ihnen zeigt sie die reale und beklemmende Kehrseite der Wiedervereinigung auf.

Auch wenn die Geschichten fast ausschließlich unter Ostdeutschen in der sächsischen Provinz spielen und durch den Ort Muldental lose miteinander verknüpft sind, geht es doch nicht ausschließlich um Wendeverlierer. Vor dem Hintergrund des Mauerfalls als Ursprung des Scheiterns rührt Krien an existenzielle Fragen.

Viele Facetten der Freiheit

So trägt die Geschichte von Eva, die ihr behindertes Kind im neunten Schwangerschaftsmonat abtreibt, den Titel "Freiheit". Um diesen Oberbegriff kreisen viele der Erzählungen: Ein junger Mann, der als Jugendlicher einen entsetzlichen Doppelmord begangen hat, wird nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen und kehrt an den Ort seines Verbrechens zurück. Für Ludwig wiederum bedeutet Freiheit seine Schwester wiederzusehen, die 30 Jahre lang mit einer Psychose in einem Pflegeheim auf der anderen Seite der Mauer lebte.

Schon mit ihrem ersten Roman "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" begeisterte Krien mit ihrer sprachlichen Treffsicherheit und Gewandtheit Rezensenten und Leser gleichermaßen. Auch in "Muldental" wählt die 1975 im Vogtland geborene und heute in Leipzig lebende Autorin einen nüchternen, vorurteilsfreien Ton, sie schreibt klug und setzt ihre Geschichten geschickt zusammen - mit einfachen Sätzen, die ihre Wirkung nie verfehlen.

Keine der Geschichten ist länger als 28 Seiten, aber nach jeder Erzählung hat man das Gefühl, einen ganzen Roman gelesen zu haben, so dicht gewebt sind diese Einzelschicksale. Jedes für sich ist tragisch und ergreifend. Und wirft ein Schlaglicht auf diejenigen, die inmitten aller Mauerfall-Euphorie nicht vergessen werden sollten.

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Quelle: n-tv.de