Kino

"Dallas Buyers Club" Ein Hurensohn kämpft gegen HIV

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"Ich sterbe in meinen Stiefeln - nicht am Tropf": 25 Kilo nahm Matthew McConaughey für die Rolle ab.

(Foto: AP)

Die Diagnose HIV stellt das Leben des homophoben Ron Woodroof, gespielt von Matthew McConaughey, auf den Kopf. Jahrelang verweigert Hollywood dem Film die Finanzierung. Und überhäuft "Dallas Buyers Club" jetzt mit Preisen.

Ein Glück, dass er keine Scheiß-Schwuchtel wie dieser Rock Hudson war. Sondern ein gottverdammter Rodeomann. Deshalb konnte das nur eine Verwechslung sein. Wusste doch ganz Texas, dass sein Ding Muschis waren. Einen Homo hatte er im Leben nicht angefasst, wo sollte er sich diese Schwulenkrankheit eingefangen haben? Ron Woodroof (Matthew McConaughey), 35 Jahre alter Elektriker aus Dallas, dessen Leben bestimmt wird von Rodeos, Frauen, Alkohol und Drogen, landet nach einem Arbeitsunfall im Krankenhaus. Und wird positiv auf HIV getestet. Einer Krankheit, von der die meisten 1985 dachten, dass sie ausschließlich Homosexuelle treffen würde und die einem Todesurteil gleichkam – und zwar einem schnellen: Ganze 30 Tage geben die Ärzte Woodroof noch.

Doch Woodroof will verdammt sein, wenn er sich einfach abschreiben ließe. Der Cowboy beginnt sich über Aids zu informieren. Kein leichtes Unterfangen. Denn die Krankheit ist selbst Ärzten noch ein Rätsel. Das einzige Mittel, das dagegen zu helfen scheint, ist AZT (Azidothymidin). Und das kann man nicht mit einem Bündel Dollar im Krankenhaus kaufen, sondern muss dafür an einer Studie teilnehmen. Und kriegt am Ende vielleicht nur Zuckerpillen.

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Perfekte Verwandlung: Die zarte Rayon lässt den Schauspieler Leto verschwinden.

(Foto: AP)

Hurensohn, der er ist, beschafft sich Woodroof auf illegalem Wege AZT. Und geht fast drauf. In Mexiko findet er schließlich einen Arzt, der ihn mit Vitaminen und Proteinpräparaten versorgt, die in den USA nicht zugelassen sind. Der Medikamenten-Cocktail hilft Ron, sein Immunsystem zu stärken, statt es mit dem aggressiven AZT weiter zu schwächen. Kaum wieder einigermaßen auf den Beinen, wittert Woodroof ein Riesengeschäft mit den lebensverlängernden Mitteln. Doch wie kommt der homophobe Texaner an seine überwiegend homosexuelle Kundschaft heran? Eine Zufallsbekanntschaft aus dem Krankenhaus, die an Aids erkrankte Transgender-Frau Rayon (Jared Leto), verschafft ihm die nötigen Kontakte.

Doch die US-Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration) ist ihnen auf den Fersen. Denn der private Vertrieb von Medikamenten ist - ganz im Sinne der Pharmaindustrie - illegal. Um den Sanktionen zu entgehen, gründen die ungleichen Geschäftspartner den "Dallas Buyers Club", in dem die Mitglieder monatlich 400 Dollar zahlen und im Gegenzug ihre überlebenswichtigen Präparate kostenlos erhalten. Doch weder die Pharmaindustrie noch die lebensbedrohliche Krankheit lassen locker.

Hollywood schmäht "Historienfilm"

Schon seit Jahren wollte Drehbuchautor Craig Burton die wahre Geschichte von Ron Woodroof verfilmen. Doch niemand in Hollywood wollte ein Aids-Drama finanzieren - das Thema war den Investoren zu altmodisch. Zumindest in den westlichen Industrieländern scheint ein Leben mit HIV doch einfach nur eine Frage der richtigen Medikation zu sein. Welch eine Fehleinschätzung. Denn HIV und Aids sind angesichts 35 Millionen HIV-Infizierten weltweit (laut UNAIDS) und jährlich 2,5 Millionen Neuinfektionen alles andere als Geschichte.

Fast 15 Jahre dauert es bis das Geld für "Dallas Buyers Club" zusammenkommt. Und statt für die geplanten 40 Drehtage soll es nur für 25 reichen. Das Ergebnis hat aber alles andere als Low-Budget-Qualitäten – das zeigen nicht zuletzt die Preise, die derzeit auf die Darsteller nur so einprasseln. Matthew McConaughey und Jared Leto wurden unter anderem mit dem Golden Globe, Critics Choice Award und SAG Awards ausgezeichnet und sind beide für den Oscar nominiert. Zudem ist "Dallas Buyers Club" in der Königskategorie des Academy Awards "Bester Film des Jahres" gelistet.

Stars der Award-Season

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Bei den Preisverleihungen (hier Critics Choice Awards) dankt McConaughey vor allem seiner Frau: Sie habe ihn vor die Tür gejagt und gefordert: "Hol es dir!"

(Foto: REUTERS)

Für beide Schauspieler markiert der Film einen Wendepunkt. McConaughey, lange abonniert auf romantische Komödien, hat das Fach gewechselt. Nach beeindruckenden Auftritten in weniger beachteten Filmen wie "Paperboy" spielt er in Martin Scorseses "The Wolf of Wall Street" einen skrupellosen Finanzhai. Gemeinsam mit Woody Harrelson bestreitet McConaughey die erste Staffel der neuen HBO-TV-Serie "True Detective". "Ich hatte immer Spaß an meiner Arbeit, aber ich hatte das Gefühl, dass ich das Gleiche schon beim letzten Mal gemacht habe", sagt der 44-Jährige heute über seine Zeit als romantischer Filmheld.

Das neue Genre bedeutet aber nicht, dass der gebürtige Texaner seinen Charme nicht mehr anwendet - wenn er ihn anknipst, wird selbst ein todkranker, abgemagerter Cowboy voller schlechter Eigenschaften unwiderstehlich. McConaughey hat etwas gelernt auf seinem Weg und setzt es ein. Auch von seiner Figur Ron Woodroof habe er viel gelernt, meint McConaughey. Der echte Ron sei ein Bastard gewesen, unglaublich charmant und unglaublich egoistisch und habe nur Geld machen wollen. Doch von ihm könne man lernen, dass es keinen Zweck hat, auf Hilfe zu warten, sondern dass man sich selber helfen müsse, so der Schauspieler.

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Während der Dreharbeiten stimmte die Chemie, doch das Wiedersehen mit dem bärtigen Jared Leto irritierte Jennifer Garner.

(Foto: REUTERS)

Jared Leto kehrt als "Rayon" nach sechs Jahren, in denen er mit seiner erfolgreichen Band "30 Seconds to Mars" tourte, mit einem Paukenschlag ins Filmgeschäft zurück. Leto ist bekannt für seine extreme Rollenwahl. In den 90er als Teenie-Star in "Willkommen im Leben" gestartet, ließ sich Leto als "Angel Face" im "Fight Club" zu Brei schlagen. Für die Rolle als John Lennons' Mörder Mark David Chapman nahm er 30 Kilo zu – was ihm nach eigenen Aussagen schwerer fiel als die extremen Diäten, denen sich Leto und McConaughey für "Dallas Buyers Club" unterzogen. Im Drehbuch als schwuler, schriller Glam-Rocker vorgesehen, machte Leto aus Rayon eine sensible, transsexuelle Frau: warmherzig, humorvoll und gut zu allen – außer zu sich selbst. Dabei zuzusehen, wie nicht nur Aids, sondern auch die Drogensucht Rayon langsam umbringt, gehört zu den härtesten Momenten im "Dallas Buyers Club". Die Verwandlung gelingt dem 42-Jährigen so perfekt, dass kein Zweifel darin besteht, dass hier eine zarte Frau im Körper eines Mannes gefangen ist.

Als sie gehört habe, dass Leto vorhabe, die ganzen Dreharbeiten über in seiner Rolle zu bleiben, hätte sie das zunächst schräg gefunden, erzählt Jennifer Garner, die die Rolle der Ärztin Eve Saks übernommen hat. Doch dann hätte sich das sehr natürlich angefühlt. Seltsam sei nur gewesen, nach den Dreharbeiten bei der Promo-Tour auf einen bärtigen Jared Leto zu treffen: "Ich wusste erst gar nicht, was ich mit ihm reden sollte und vermisste Rayon." Auch Regisseur Jean-Marc Vallée hatte keine Gelegenheit, den Schauspieler vor oder während der Dreharbeiten wirklich kennenzulernen. Schon während des Castings für den Film via Skype habe er mit Rayon in einem pinken, plüschigen Pullover gesprochen, berichtet Vallée.

Mehr als nur eine Diät

Ob Robert de Niro in "Raging Bull", Christian Bale in "The Machinist" oder Charlize Theron als "Monster": Enorme Gewichtszu- oder -abnahmen, oder - wie bei Theron - der Mut zu Hässlichkeit, wurden in den vergangenen Jahren in Hollywood zuverlässig mit Preisen belohnt. Doch der "Dallas Buyers Club" ist nicht deshalb sehenswert, weil McConaughey und Leto schmerzhaft mager sind. Mag Leto bei der Globe-Preisverleihung über das Ganzkörper-Waxing scherzen – sein Gruß an alle Rayons da draußen, zeigt, für wen er das alles gemacht hat. "Ihr ehrt nicht nur mich, sondern all diejenigen auf der ganzen Welt, die mit Aids leben und diejenigen, die wir durch diese Krankheit verloren haben", schreibt der Schauspieler nach seiner Nominierung als Oscar-Anwärter auf seinem Blog.

Filme über schwere Krankheiten sind eine Herausforderung für Schauspieler und Zuschauer. Der "Dallas Buyers Club" lässt jedoch bei aller Tragik auch die komischen Momente zu, wenn sich etwa Woodroof im breitesten Texanisch über die "Cranberry-Mokka"-rote Wand in seinem Zimmer aufregt, die Rayon ihm angedeihen lässt. Die Chemie stimmt - nicht nur zwischen Jared Leto und Matthew McConaughey, sondern auch zwischen den beiden Darstellern und Jennifer Garner. So braucht es nur eine zärtliche Geste, um klarzumachen, dass Dr. Eve Saks eine der wenigen, langjährigen Vertrauten für Rayon ist. "Dallas Buyers Club" ist kein Film über eine längst vergangene Zeit. Das Problem Aids ist noch lange nicht gelöst und Millionen von Menschen bräuchten einen Ron Woodroof, der ihnen beim Überleben hilft.

Quelle: ntv.de

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