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Mit Tuhei Adams als Tehura, Gauguins Muse und Modell.
Mit Tuhei Adams als Tehura, Gauguins Muse und Modell.(Foto: dpa)
Donnerstag, 02. November 2017

Vincent Cassel als Maler-Genie : "Gauguin" - ein Meisterwerk

Tahiti, 1891. Der französische Künstler Paul Gauguin hat sich in sein selbstgewähltes Exil nach Französisch-Polynesien zurückgezogen. Dort trotzt er Einsamkeit, Hunger und Krankheit. Auf der Insel trifft er auf die junge Tehura, die seine Muse und auch das Modell seiner bekanntesten Gemälde werden wird. Als freier Mann in der Wildnis - fernab der Politik und Regeln eines zivilisierten Europas - entwickelt er einen neuen Stil des Malens. Paul Gauguin, verstoßen von der französischen Gesellschaft und beäugt von den Tahitianern, führt ein Leben in finanzieller Not und innerer Zerrissenheit - doch als obsessiver Künstler, getrieben von dem Wunsch, mit gesellschaftlichen Konventionen zu brechen, schafft er in der Wildnis Tahitis außergewöhnliche Kunstwerke. Kaum ein anderer könnte einen derart ambivalenten Charakter wie Gauguin mit so viel Ausdruckskraft und Sensibilität spielen wie der 50-jährige Franzose Vincent Cassel. Er bannt die innere Gebrochenheit Gauguins in Edouard Delucs gleichnamigem Erstlingswerk geradezu verstörend auf die Leinwand.

Vincent Cassel - Frauenschwarm für intelligente Groupies.
Vincent Cassel - Frauenschwarm für intelligente Groupies.(Foto: imago/APress)

Cassel, der Grand Maître der französischen Schauspielkunst, bewegt sich leichtfüßig zwischen Hollywood ("Ocean's 12", "Black Swan", "Jason Bourne") und preisgekröntem Arthaus-Kino ("Eine dunkle Begierde", "Mein ein, mein alles"). "Gauguin" erzählt von der Flucht aus der Erfolglosigkeit und der Suche nach dem Paradies. Mit n-tv.de sprach der bestens gelaunte Schauspieler über seine Malkünste, Vatersein, Egozentrik und das Reisen, als an Generation Easyjet noch lange nicht zu denken war.

n-tv.de: Bonjour, Monsieur Cassel.

Vincent Cassel: Bonjour, Madame.

Ein wunderbarer Film, der tatsächlich ohne viele Worte auskommt ...

Ja, das liegt ein bisschen an mir, denke ich. Ich hatte bei diesem Projekt tatsächlich das Gefühl, dass es vollkommen okay wäre, den Film auf das Wesentliche zu reduzieren - das sind in dem Fall die Bilder. Und ich denke, dass man ja trotzdem versteht, worum es geht, oder (lacht)?

Auf jeden Fall. Malen Sie eigentlich selbst? So für sich zur Entspannung?

Ich habe vor den Dreharbeiten angefangen zu malen, extra für den Film natürlich. Ehrlich gesagt fand ich immer, dass ich ein miserabler Maler bin, aber nach einer Weile dachte ich : "Ist doch gar nicht mal so übel (lacht). Vor allem hat es Spaß gemacht. 

Das heißt, wir können bald ein paar echte Cassels kaufen?

Miserabel? Von wegen - Monsieur weiß mit dem Pinsel umzugehen.
Miserabel? Von wegen - Monsieur weiß mit dem Pinsel umzugehen.

Nein, um Gottes Willen! Aber Sie können gerne mal auf meiner Instagram-Seite gucken, da habe ich ein paar Bilder gepostet!

Anm: Das habe ich getan. Und siehe da: Der Mann kann was! Von wegen miserabel!

Den Gauguin zu spielen ist sicher nicht einfach gewesen: exzentrisch, intensiv - wie haben Sie sich auf diesen Künstler eingelassen?

Ich habe mir natürlich als erstes seine Bilder angesehen, immer und immer wieder. Dann habe ich versucht, so viel wie möglich über ihn heraus zu finden, habe viel gelesen. Ich habe versucht, mich mit ihm zu identifizieren. Mich in ihn hinein zu versetzen, zu fragen, warum er so und so war. Er war ja kein einfacher Mensch; es schien lange so, als wäre alle gegen ihn und er gegen alle.

Inwieweit konnten Sie ihn nachvollziehen? Er flieht vor dem normalen, dem bürgerlichen Leben, er ist gegen den Strom geschwommen ...

Ja, ich kann ihn verstehen. Ich finde es ungeheuer mutig, was er damals gemacht hat. Keine Ahnung, ob ich die Stärke gehabt hätte, das so oder so ähnlich durchzuziehen. Ohne jegliche Sicherheiten, das war schließlich eine ganz andere Welt damals, das war wirklich pures Abenteuer, wir sprechen hier vom 19. Jahrhundert. In eine andere Welt aufzubrechen, das konnte lebensgefährlich sein. Er zahlte ja auch einen hohen Preis für seine Art zu leben. Er zahlte mit seiner Gesundheit, mit seiner Sicherheit, mit dem Verlust seiner Familie. Man muss sich immer wieder vergegenwärtigen, dass dieser Typ zuvor kein schlechtes Leben geführt hat: Er hatte einen guten Job, ein Dach über dem Kopf, Freunde, eine Frau, Kinder. Und dann entscheidet er sich, das alles hinter sich zu lassen. Das ist schon sehr krass.

Er ist nur 54 Jahre alt geworden. Warum ist er nicht irgendwann zurückgekommen und hat versucht, wieder in Frankreich Fuß zu fassen?

Weil er ein Getriebener war. Und ich glaube ehrlich gesagt, dass er auf einer Art Mission war, auf einem Trip, würde man heute sagen. Das Tolle an ihm war, dass er an sich geglaubt hat. Auch wenn kein anderer das getan hat, er war überzeugt, dass er es schaffen würde. Zu seinen Lebzeiten hat er nicht viel verkauft, musste viel Kritik einstecken, vor allem auch von Kollegen ... (zögert) Seine Leidenschaft hat ihn jedoch davon zurückgehalten, sich dem normalem Leben wieder zuzuwenden, würde ich sagen.

Mutig, launisch, einsam: Paul Gauguin.
Mutig, launisch, einsam: Paul Gauguin.(Foto: dpa)

Wie sehen Sie seine Egozentrik - das darf man doch so sagen, oder?

Es ist sicher sehr einfach, über einen solchen Menschen zu urteilen, ihn sogar zu verurteilen, aber das wird so einer Person ja nicht gerecht. Man muss auch seine Stärke, seine Kraft mit einbeziehen, sein Talent. Und für einen Schauspieler ist es natürlich großartig, einen solchen Charakter zu spielen. Ich will ihn gar nicht beurteilen, ehrlich gesagt. Ich kann mir zum Beispiel überhaupt nicht vorstellen, meine Kinder im Stich zu lassen. Aber Gauguin hat das alles ja auch nicht gemacht, weil er Lust darauf hatte, seine Kinder zu verlassen. Er musste das so tun, verstehen Sie. Er hatte keine Wahl.

Reisen - oder auch auswandern - war damals etwas anderes, das stimmt.

Ja, man konnte seine Abenteuerlust sehr leicht mit dem Leben bezahlen. Man wusste ja überhaupt nicht, was einen erwartet. Man wusste nicht, wo genau man ankommt und ob man überhaupt ankommt (lacht).

Der Künstler Gauguin musste viel einstecken - wie geht der Künstler Cassel eigentlich mit Kritik um?

Also erstmal weiß ich gar nicht, ob Schauspieler Künstler sind ...

Das haben Sie gesagt ...

Ganz ehrlich?

Je vous en prie ...

Manchmal macht man einen Film, der wirklich etwas zu sagen hat, der eine Bedeutung hat, ein Film, mit dem man die Herzen der Menschen berührt. Das ist dann Kunst. Aber in vielen Fällen machen wir doch Filme, da geht es nur um die Interessen der Filmindustrie. Ist man dann ein Künstler? Ich weiß nicht. Glauben Sie, dass Regisseure, Künstler, wie Federico Fellini oder Luis Buñuel heute noch Filme machen könnten?

Seine 19-jährige Freundin Tina Kunakey, mit der er seit der Trennung von Monica Bellucci zusammen ist, gemalt von Vincent Cassel.
Seine 19-jährige Freundin Tina Kunakey, mit der er seit der Trennung von Monica Bellucci zusammen ist, gemalt von Vincent Cassel.

Ich hoffe es, ich weiß es aber nicht.

Naja, schwierig. Aber zurück zu Ihrer Frage, wie ich mit Kritik umgehe, das wollten Sie ja wissen: Ich höre es mir an, ich lese die Kritiken, am liebsten die guten (lacht), aber auch die schlechten, dann schlafe ich eine Nacht drüber, dann atme ich tief durch - und dann mache ich den nächsten Film (lacht laut). Und trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass der Kritiker manchmal gar nichts von dem Film verstanden hat. Aber das macht mir nichts aus (lacht).

Sie sehen das also sehr entspannt ...

Auf jeden Fall! Es ist nur die Meinung einer anderen Person. Man muss ja nicht immer gleicher Meinung sein. Und wenn man Filme dreht, dann sollte man besser in der Lage sein, mit Kritik umzugehen und die Meinung anderer zu akzeptieren.

Mit "Gauguin" können Sie sich doch aber recht sicher sein, etwas wirklich Künstlerisches abgeliefert zu haben.

Das Gras darf auch mal nicht grün sein ...
Das Gras darf auch mal nicht grün sein ...(Foto: imago/Starface)

Dann danke für die Blumen ...

Im Film sagt Gauguin: "Ich bin ein Kind. Ich bin ein Künstler. Und ich weiß es." Er war wirklich von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt, warum ist das bei seinen Mitmenschen erst viel später angekommen?

Die meisten Menschen mögen keine Veränderungen. Das ist hart zu akzeptieren, denn das Leben verändert sich permament. Aber die Leute lieben ihre tägliche Routine. So wie er gelebt hat, war das Leben jedoch eine permanente Revolution. Und dass er das den Menschen immer wieder vor Augen geführt hat, das wollten sie einfach nicht sehen. Aber ich denke, diese Art von Kunst hat man damals auch noch nicht verstanden. Die Fotografie setzte sich ja erst langsam durch, die Menschen haben per Foto versucht, die Realität darzustellen. Und Gauguin hat gesagt, super, dann kann ich ja was anderes machen, denn die Fotografie wird viel realistischer sein als jedes Bild. Seine Vision war also eine ganz andere - er wollte zwar Momente festhalten, aber auf eine neue, nicht ganz realistische Art. Deswegen durfte sein Gras auch mal pink sein, ein Hund rot oder gelb. Er wollte durch Abstraktion die Gefühle eines Moments darstellen und nicht die unbedingte Wirklichkeit. Er war einfach frei genug - und kreativ genug - um das zu machen. Viele Leute waren aber nicht bereit für die Interpretation der Realität. Sie haben ihn deswegen nicht nur kritisiert, sondern sogar gegen ihn gearbeitet.

Um ein echter Künstler zu sein, muss man doch ein bisschen verrückt sein, oder? Und man muss sich von den anderen absetzen, ihre Meinungen eventuell abprallen lassen, und den eigenen Weg gehen ...

Genau. Man muss es wagen, anders zu sein!

Gilt das heute genauso?

Mehr denn je. Es reicht allerdings nicht, ein bisschen verrückt zu sein, man muss auch was zu sagen haben, um relevant zu sein und ernst genommen zu werden.

Mit Vincent Cassel sprach Sabine Oelmann

"Gauguin" läuft ab heute in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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