Kino

Ein Hologramm für den König Männer, die kochen und Frauen, die fernsehen

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You may find yourself without a beautiful house, without a beautiful wife, and you may ask yourself: Well ... How did I get there? (Zitat, fast von den Talking Heads)

(Foto: dpa)

Alan Clay, 54 Jahre alt, Opfer der Bankenkrise, hat eine letzte Chance. Er soll innovative Hologramm-Kommunikationstechnologie an den Mann, besser gesagt den König bringen: König Abdullah von Saudi-Arabien lässt mitten in der arabischen Wüste eine strahlende Wirtschaftsmetropole errichten. Doch der König kommt nicht. Nicht am ersten Tag, nicht am zweiten - und auch nicht in den Tagen danach. In diesen Tagen der Unverbindlichkeit und des Wartens wird der junge Fahrer Yousef Alans Gefährte. Durch ihn erlebt er die Widersprüchlichkeiten eines Landes zwischen Aufbruch und Stillstand, zwischen Tradition und Moderne. Und er lernt die schöne Ärztin Zahra kennen. Anhand dieser Begegnungen und der neuen kulturellen Eindrücke entwickelt sich Alan Clay vom zielstrebigen und erfolgsgetriebenen Salesman zu einer Person, die sich selbst Perspektiven sucht und für sich einen neuen Platz im Leben findet. So gerät für Alan immer mehr zur Nebensache, ob der König nun kommt oder nicht. "Ein Hologramm für den König" ist nach "Cloud Atlas" die zweite Zusammenarbeit von Tom Hanks und Tom Tykwer - und wenn es nach den beiden ginge, auch nicht die letzte. "Ein Hologramm für den König" ist ein Film, der spannend, emotional und humorvoll in die Welt einer fremden Kultur entführt und uns damit völlig neue Perspektiven auf das eigene Leben eröffnet.

n-tv.de: "Ein Hologramm für den König" - eine Geschichte, bei der man nach dem Ende gerne wüsste, wie es weitergeht.

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Tom Hanks, Sarita Choudhury, Alexander Black und der Regisseur Tom Tykwer (v.l.) bei der Premiere.

(Foto: dpa)

Tom Tykwer: Danke, das klingt ja schon mal gut.

Es geht um einen Mann in seinen Fünfzigern, der endlich - wieder - etwas erreichen muss. Und die Kluft zwischen zwei Kulturen. Zwei große Themen. Welches ist vordergründiger?

Schwierig, das ist ja alles sehr verzahnt miteinander. Dass er sich überhaupt mal mit etwas anderem auseinandersetzen muss als mit seinem vertrauten System und dass er überhaupt in die Situation kommt, sich mit der anderen Kultur so intensiv auseinandersetzen zu müssen, hängt ja damit zusammen, dass er zu der Generation der Babyboomer gehört. Das ist diese Generation, in der die Leute gedacht haben, dass alles immer so weitergeht, dass alle immer größer und schöner und reicher werden.

Eine Generation, die dachte, ihr kann nichts passieren?

Ja, genau, aber dann platzt die Blase und alles fliegt einem um die Ohren. Und die Erschütterungen haben viele aus der Bahn geworfen, so weit, dass sie nur schwer wieder Fuß fassen konnten, aber - und das ist das Gute – viele versuchen noch heute, alles wieder hinzukriegen, sie arbeiten dran. Und das war ja auch das Starke an dem Buch, was mich so fasziniert hat: dass es so eng an uns und unserer Zeit dran ist. Das wird genau untersucht, welche Konflikte uns betreffen.

Haben Sie viel von sich in diesem Buch gesehen?

Ja. Jeder, der sich mal gedacht hat, er hätte sein Leben auf einem stabilen Gerüst aufgebaut, kommt irgendwann an einen Punkt, an dem er feststellen muss, dass das Gerüst doch deutlich fragiler ist, als er gedacht hätte. Und jeder, der damit eine substanzielle Erfahrung gemacht hat, der weiß, wovon hier die Rede ist. Das hat ganz oft einen ökonomischen Kontext, aber auch einen persönlichen. Die Idee, das Leben zu planen – das kann doch ganz schnell wieder verpuffen, das verschwindet so schnell, dass wir es oft nicht mal merken. Und dann bemerken wir: Nichts ist für ewig (lacht).

Ich finde es ja super, dass die Themen dieser Generation, die jetzt um die 50 ist, auf vielfältigere Arten behandelt werden als früher. Das Credo "Hauptsache jung" ist nicht mehr ganz so vordergründig, oder? Gibt es da einen Trend?

Ich denke, ja. Ich freue mich jedenfalls sehr, dass es da anscheinend eine große Menge von Menschen gibt, die diese Themen interessieren. Ich glaube, die Leute sind es leid, Filme zu sehen, die von Dingen handeln, mit denen sie gar nichts zu tun haben. Wir wollen Überschneidungen. Das sehen wir auch an den Serien, die am besten laufen: Die Erzählform, die Themen behandelt, die das große Publikum interessiert - und das sind nun mal viele um die 50 - ist wieder sehr gewünscht. Ich bin gerade 50 geworden, wir werden eben gemeinsam mit den Schauspielern und Autoren älter.

Und es gibt eine Menge zu erzählen, auf witzige Art und Weise …

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Aber ich habe einen Termin!

(Foto: dpa)

Das denke ich auch. Das Publikum ist auch wieder da (lacht). Die haben jetzt alle ihre Kinder großgezogen und jetzt wieder Zeit, ins Kino zu gehen. Und für die muss ich mich ja nicht verbiegen. Ich möchte keine Filme mit Themen machen, die nicht meine sind. Dann höre ich lieber auf. Aber das hat nichts mit dem Alter zu tun. Ich habe ja auch einen Film über einen 20-jährigen Parfümeur aus dem 18. Jahrhundert gemacht (lacht), dann könnte man ja auch sagen, davon habe ich gar keine Ahnung. Habe ich aber (lacht)! Also - ich kann die Ängste dieses Mannes, der Rolle von Tom Hanks, der sich in dieses Szenario stürzt, was ihn ja schließlich retten soll, sehr gut nachvollziehen. Und auch die Idiotie des Ganzen. Der Film macht sich ja nicht über ihn lustig, sondern über die Situation, in die er sich gebracht hat. Mit diesem Druck, auf ein bestimmtes ökonomisches Modell zu setzen, nicht damit zu rechnen, dass das wegbrechen kann, dann quasi nackt dazustehen – mit einer Tasche, einer Krawatte und einem Anzug dazustehen um einem König etwas zu verkaufen, was es eigentlich gar nicht gibt, etwas Virtuelles, ein Hologramm – das ist schon absurd.

In einer Einstellung hetzt er durch ein Haus in der Wüste, durch die ärmlichste Garküche bis hinauf in die höchste Luxus-Etage: Das sind die Widersprüchlichkeiten des ganzen Landes in einer Einstellung. Die Ärztin, die er kennenlernt, geht auch besser oben ohne schwimmen als im Bikini, damit sie von Weitem eher für einen Mann gehalten werden kann - ist so ein Land voller Widersprüche nicht unglaublich anstrengend zum Arbeiten?

Naja, wir haben ja nicht alles in Saudi-Arabien gedreht, nur Mekka und die großen Stadtansichten. Es gab ja nie eine Drehgenehmigung – es gab aber auch nicht keine (lacht). Es ist ein klassischer Vorgang, daran kann man sich aber gewöhnen, wenn man eine gewisse Ambivalenz akzeptiert, alles ist ein bisschen offener. Dinge wie "Zusagen", "Absagen", "Pünktlichkeit" – die laufen da anders (lacht). Deswegen kommen wir uns dort so wenig effizient vor – wenn alles sich aber in diesem dynamischen Organismus befindet, dann läuft das auch! Saudi-Arabien hat außerdem kein substanzielles Armutsproblem, das heißt, die Ökonomie gibt den Leuten eine stabile Basis. Und zwar so ungefähr seit 20 Jahren - und das bedeutet nun wieder, dass da auch eine kritische Bevölkerung aufgewachsen ist, die den Dingen skeptisch gegenübersteht. Viele führen ein Doppelleben. Der Crossover zwischen den Welten funktioniert eigentlich, es gibt durchaus Männer, die kochen und Frauen, die dabei fernsehen (lacht). Es ist verrückt und toll und geht mit einem großen Selbstbewusstsein einher, diese Art von Emanzipation da durchzukriegen.

Ist es am Ende denn fast einfacher als bei uns? Tom Hanks alias Alan Clay pfeift irgendwann auf seine alten Prinzipien und macht es dann ganz anders …

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Die Wüste lebt!

(Foto: dpa)

Der Widerspruch ist das Schöne. Niemand hat die Formel zum Glück gepachtet, auch nicht die Bewohner eines arabischen Landes. Glücklich macht vielleicht einfach, sich zu öffnen, Dinge anders zu anzugehen. Wenn man merkt, man ist in eine Sackgasse geraten, dann hilft es doch, andere Rezepte auszuprobieren. Man selbst muss ja kein völlig anderer sein! Man justiert sich nur neu und lässt hoffentlich hinter sich, was einen eingeengt hat. Das würde ich jedenfalls gerne mit dem Film vermitteln. So sehr die Systeme versuchen uns abzugrenzen, so sehr hat die transparente Gesellschaft, das Internet, unsere Reisen, doch dazu beigetragen, dass wir uns schon viel näher gekommen sind.

Die Bilder sind sehr stark - und genau deswegen fahren wir auch gern in solche Länder wie Marokko, um uns von uns selbst zu entfernen, oder?

Marokko ist natürlich sehr liberal, Saudi-Arabien haben wir ja viel problematischer vor Augen.

Die Geschichte ist insofern auch schön, als dass sie eine glaubhafte Liebesgeschichte erzählt.

Ist auch gut recherchiert (lacht).

Warum fragt Alan Clay aber ständig jeden, wo er oder sie herkommt?

Das kennzeichnet ihn einfach als jemanden, der verhaftet ist in seinen Strukturen. Das ist ja eigentlich wirklich oft egal, wo einer herkommt, aber er kann darauf eingehen und dann sagen: Ah, das kenn ich, das kann ich einordnen, oder oh je, da habe ich gar keinen Bezug zu ...

… wie zu betrunkenenen Däninnen …

… ja, aber das ist einfach nur ein Gestus von ihm, eine leere Hülse. Außerdem ist er ein Verkäufer, und das ist sein Opener für jedes Gespräch, damit er auch nichts von sich selbst erzählen muss. 

Das ist Ihre zweite Zusammenarbeit mit Tom Hanks – ist das dann eher einfacher oder schwieriger, weil man etwas erwartet?

Das ist viel einfacher! Aber mit Tom Hanks war es beim ersten Mal schon einfach. Wenn er etwas gerne machen will, dann ist er für einen Regisseur ein Traum. Hanks verwandelt jeden Raum in einen Spielplatz, er ist perfekt vorbereitet, freundlich, zugewandt, maximal vertrauensvoll, probiert alles aus, er macht alles mit. (zögert) Wir passen gut zusammen und fühlen uns sehr wohl miteinander. Man könnte auch sagen: In guter Stimmung sind wir besser. (lacht) Und da er mir gute Stimmung verursacht, glaube ich, dass ich durch ihn besser werde.

Mit Tom Tykwer sprach Sabine Oelmann

Der Film "Ein Hologramm für den König" startet am 28. April in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de