Kino

"A Most Wanted Man" Niemand ist wie Philip Seymour Hoffman

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Ein einsamer, gebrochener Mann: Philip Seymour Hoffman als Günther Bachmann.

(Foto: dpa)

Realistischer kann man einen übergewichtigen, kurzatmigen, stets rauchenden, einsamen Mann gar nicht darstellen - umso beängstigender ist Philip Seymour Hoffmans Interpretation eines Geheimdienstmannes auf der stillen Jagd nach dem Bösen.

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Herbert Grönemeyer, Nina Hoss und Philip Seymour Hoffman (v.l.)

(Foto: dpa)

Anfang des Jahres konnte noch keiner ahnen, dass die Verfilmung der Buchvorlage "Marionetten" von John le Carré sein letzter Film in einer Hauptrolle werden sollte - Philip Seymour Hoffman ist tatsächlich bereits über ein halbes Jahr tot. Und Regisseur Anton Corbijn bestätigt im Gespräch mit n-tv.de, dass er bis heute nicht weiß, wie er damit umgehen soll. "Wir waren Freunde. Wir haben uns nicht ständig gesehen, aber wir haben uns geschrieben. Es ist ein so großer Verlust. Vor allem denke ich, dass er auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkunst war. Ich bin sehr stolz auf diesen Film." Zwar wird Hoffman noch in den Fortsetzungen der "Tribute von Panem" zu sehen sein, den endgültigen Abschied scheint er aber bereits mit "A Most Wanted Man" zu geben. Nicht actiongeladen und bombastisch, sondern still und leise, unspektakulär und doch ergreifend. Das Ende des Films ist ein Thema für sich.

Darum geht es: Die Terror-Anschläge des 11. Septembers wirken auch über ein Jahrzehnt später noch nach. Sämtliche Geheimdienste versäumten es, Mohammed Atta und seine Terrorzelle frühzeitig ausfindig zu machen, die Folgen sind bekannt. Schauplatz des Films vom genialen Regisseur Anton Corbijn ("The American") ist Hamburg, das Tor zur Welt. Damit ein Anschlag wie auf das World Trade Center in New York nie wieder geschehen kann, wird eine halboffizielle Spionageeinheit in Deutschland gegründet, die rigoros gegen potenzielle Gefahren vorgehen soll. Strippenzieher der Organisation ist der geniale wie einsame Günther Bachmann (Hoffman), der sein Leben der Terror-Bekämpfung gewidmet hat. Zum Thema Einsamkeit sagt Regisseur Corbijn: "Ja, jeder macht seine Erfahrungen nur für sich. Ich glaube nicht, dass das Leben eine Gruppenreise ist" (lächelt).

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Rachel McAdams und Grigoriy Dobrygin.

(Foto: dpa)

Ins Fadenkreuz seiner Ermittlungen rückt ein mysteriöser Flüchtling, der plötzlich in Hamburg auftaucht. Halb Russe, halb Tschetschene, gibt der aus schlimmster Folter entflohene Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) Bachmann Rätsel auf. Als Karpov schließlich Kontakt mit der islamischen Gemeinde aufnimmt, schrillen sowohl beim deutschen als auch beim US-Geheimdienst die Alarmglocke n. Die Befürchtung: Der Flüchtling will das immense Erbe, das ihm sein verstorbener Vater hinterlassen hat, einer Terrorgruppe zur Finanzierung weiterer Anschläge überlassen. Nur die idealistische Anwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) scheint dem meistgesuchten Mann der Welt beizustehen.

Traue niemandem

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Spielt er sich selbst?

(Foto: dpa)

Den Film als "One Man Show" von Hoffman zu bezeichnen, würde Regisseur Anton Corbijn und der restlichen Besetzung (u.a. Robin Wright, Daniel Brühl, in einer kleinen Nebenrolle Herbert Grönemeyer und vor allem Nina Hoss) nicht gerecht werden. Dennoch ist es gerade das Wissen über den Tod des Schauspielers, das den Film in ein besonderes Licht rückt. Anton Corbijn: "Das Wissen um seinen Tod macht es jetzt auf der einen Seite schwer, den Film zu promoten. Auf der anderen Seite sage ich mir, jetzt erst recht, ich will, dass er gefeiert wird, so, wie es ihm zusteht." Hoffmans Charakter lebt so ungesund, atmet bei den geringsten Anstrengungen schwer und wirkt so verlebt, dass es fast unmöglich erscheint, Realität von Schauspielkunst zu differenzieren. Das macht Hoffmans Darbietung zwar umso glaubhafter, lässt den Zuschauer aber immer wieder aus der Filmwelt gleiten und über das Schicksal des Schauspielers grübeln. "Er hinterlässt eine riesige Lücke", findet Corbijn, "niemand ist wie er. Alle waren so schockiert, als sie die Nachricht hörten. (zögert) Ich wollte wieder mit ihm drehen."

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Willem Dafoe (r.) als Bankier - herrlich.

(Foto: dpa)

Relevant ist "A Most Wanted Man" auch hinsichtlich der jüngsten Abhörskandale der NSA. Konnte zu Drehbeginn des Films noch nicht mit einer derartigen Spionage der US-Geheimdienste gegen deutsche Behörden gerechnet werden, wirkt Corbijns Streifen im Nachhinein beinahe wie eine Prophezeiung: Ständig hintergehen sich die eigentlich kooperierenden Behörden in "A Most Wanted Man". Die US-Seite misstraut den Deutschen, ähnlich argwöhnisch stehen die deutschen Agenten der CIA gegenüber. Wem kann man noch vertrauen? Diese Frage zieht sich durch den gesamten Film und lässt am Ende nur eine Antwort zu: niemandem. "Diese Situation spitzt sich auf der Welt immer weiter zu, das ist schon beängstigend. Zwischen dem Entstehen des Buchs und jetzt dem Film ist so viel Zeit vergangen, aber man sollte nicht meinen, dass die Menschen etwas gelernt hätten, im Gegenteil. Das ist eine Tendenz, die mir Sorgen macht", gibt Corbijn zu. "Solche Themen machen mich schlaflos, aber deswegen wollte ich auch diesen Film machen. Wir sind nur eine sehr begrenzte Zeit hier auf dieser Welt", sinniert der Niederländer, der fast alle Stars vor seiner Foto-Linse hatte, "warum machen wir nicht das Beste daraus, wirtschaftlich, ökologisch, menschlich."

Wenig Action, dafür mehr Tiefgang

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Verändert er mit Filmen die Welt? "Keine Ahnung, aber das Filmen hat mich verändert", findet Anton Corbijn.

(Foto: dpa)

Corbijn fokussiert sich auf die zwischenmenschlichen Beziehungen, oder im F all von Bachmann auf das Fehlen solcher. Es ist die Charakterstudie eines in vielerlei Hinsicht gebrochenen Mannes, der ironischerweise nur noch in dem Beruf aufzugehen scheint, der ihn früher oder später endgültig dahinraffen wird. "Vielleicht romantisiere ich die Rolle des einsamen Wolfs ein bisschen zu sehr", lacht Corbijn, "aber wie die Realität unsere Vorlage während des Drehens eingeholt hat, ist dafür alles andere als romantisch." Hoffmans Darbietung jedenfalls ist tadellos und rührend, fast schon unspektakulär und gerade deshalb ungemein fesselnd.

Wenn ein Mann derart im Fokus steht, haben es die Kollegen zwar schwer, aber es ist nicht unmöglich, neben einem wie Hoffman zu bestehen: Dobrygin als rätselhafter Flüchtling schafft das, bei Willem Dafoe (als Bankchef) wartet man immer auf etwas. Worauf genau, weiß man nicht, vielleicht etwas "Böses", aber es kommt nichts. Das ist irritierend. Für Daniel Brühl ("Rush") hätte man sich etwas mehr Text vorgestellt. Besser ergeht es da Nina Hoss: Sie lässt den kaputten Mann durch ihre Wärme ab und an erstrahlen. Das ist nicht einfach, denn der Film wirkt kalt, sieht kalt aus, die Farben sind kalt, man verlässt fröstelnd das Kino.

123 Minuten dauert der Film - an manchen Stellen mag einem das langatmig vorkommen, es macht aber auch klar, welch eine Sisyphos-Arbeit die Geheimdienste verrichten und wie oft man in  einer Sackgasse landen kann. Dieser Film ist kein actiongeladener, brutaler Thriller ("Ich habe das Gefühl, Gewalt ist zur Normalität geworden", so der Regisseur) sondern ein sehr sehenswerter Abschied von Philip Seymour Hofman. Vor allem im Original: "Ich kann mir nicht vorstellen, wie es funktionieren soll, einen Schauspieler wie Philip Seymour Hoffman zu synchronisieren", sagt Corbijn noch. "Man muss doch seine Stimme hören! Das war seine erste Rolle, die er in Europa gespielt hat. Und er hat monatelang an seinem deutschen Akzent gefeilt!"

"A most wanted man" startet am 11. September in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de, mit spot

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