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"Keep Surfing" Spiel mit den Extremen

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Nichts als ein Brett und eine Socke: Szene aus "Keep Surfing".

(Foto: © 2010 PROKINO Filmverleih GmbH)

Surfen als Sucht: Dieses Motiv durchzieht den Film "Keep Surfing" von Björn Richie Lob - sein Kinodebüt und zugleich erster abendfüllender Dokumentarfilm – wie ein nasser Faden.

Woran denkt man, wenn man an München denkt? Ganz klischeehaft vielleicht an Bier, Oktoberfest, Lederhosen und Weißwurst. Dann möglicherweise noch an den Englischen Garten und die Isar – und damit nähert man sich schon eher dem Thema des Dokumentarfilms "Keep Surfing" von Björn Richie Lob, der München mal von einer ganz anderen, coolen, vielen eher unbekannten Seite zeigt. Darin geht es nämlich, wie der Name schon erahnen lässt, um Surfer – mitten in München.

Mehrere hundert Kilometer vom Meer entfernt, ist Bayerns Landeshauptstadt dennoch ein Geheimtipp in der internationalen Wellenreiter-Szene, denn: Auf dem Eisbach im Englischen Garten kann man Flusssurfen. Der kleine Nebenfluss der Isar, eigentlich mehr ein Bach, erzeugt an seiner Austrittsstelle eine stehende Welle, die von Surfen genutzt wird.

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Quirin Rohleder, einer der Surfer auf dem Eisbach.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was war zuerst da – die Welle oder der Surfer? Diese Frage stellt sich ja eigentlich nicht – und auch am Eisbach, dem Hauptdrehort des Films, gab es erst die Welle, aber irgendwann fing sie an zu schwächeln, die Surfer waren der Verzweiflung nahe, wussten sich jedoch zu behelfen: Sie machten sich ihre Welle selbst, erst durch ihre Surfbretter – das ist aber anstrengend und hält nicht lange. Dann schließlich durch Stahlträger, die in den Eisbach gelegt und befestigt wurden und so seitdem das Wasser zu einer stabilen Welle stauen – in einer (natürlich) nicht genehmigten Bau-Aktion, mit abgesperrter Straße, nach dem Motto: Wenn es offiziell aussieht, wundert sich keiner und stört auch nicht.

Surfen als Bedürfnis

Wer macht so was? Jemand, der ohne nicht mehr kann, für den Surfen nicht nur Hobby ist, sondern ein Muss, eine möglichst tägliche Verrichtung. Surfen als Sucht – dieses Motiv durchzieht den Film "Keep Surfing" von Björn Richie Lob – sein Kinodebüt und zugleich erster abendfüllender Dokumentarfilm – wie ein nasser Faden. Exemplarisch dafür steht die Antwort der Tochter des Eisbach-Surfers Dieter Deventer (eine der wenigen Frauen, die im Film zu sehen ist und zu Wort kommt) auf die Frage, wie oft ihr Vater surfen geht: "Am Tag?"

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Florian Kummer: Surfer und Arzt.

(Foto: ProKino)

Der Kölner Björn Richie Lob, selbst leidenschaftlicher Wellenreiter, stellt in seinem Film eine Gruppe Indivualisten mit unterschiedlichsten sozialen Hintergründen vor - einen Familienvater, einen Arzt, einen Informatiker, einen naturverbundenen, eher menschenscheuen Aussteiger und Instrumentenbauer – die alle die gemeinsame Passion des Surfens verbindet. Er konnte dabei auf dokumentarisches Filmmaterial aus 35 Jahren zurückgreifen – denn das Reiten auf der Eisbachwelle begann bereits in den 1970ern.

Während der Produktionszeit, die etwa fünf Jahre in Anspruch nahm, sind einige wirklich aufregende Aufnahmen gelungen: Halsbrecherische Manöver, spektakuläre Sprünge und natürlich auch Stürze. Der Kameramann ist stets so unglaublich nah am Geschehen, dass man sich fragt, wie von einem Surfbrett aus solche Aufnahmen möglich sind. Zum Teil wurden auch die Surfbretter selbst mit Kameras bestückt – näher dran geht für den Zuschauer nicht.

Spiel mit den Extremen

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Gewagte Stunts am Münchner Eisbach.

(Foto: ProKino)

Die Aufregung und Ekstase hat aber auch ihren Preis – mehr oder weniger schwere Unfälle gehören zum Spiel mit den Extremen. Das Risiko für Leib und Leben jedoch kommt im Film zwar immer mal wieder zur Sprache, wird aber recht unkritisch heruntergespielt. Als beispielsweise Dieter Deventer, der in der Welle beinahe eine seiner Töchter verloren hat,  von dem tragischen Unfall berichtet, meint er nur sinngemäß, Gefahr gehöre nun mal dazu. Das Risiko wird romantisiert, man lässt sich den Spaß nicht verderben.

Passend zum Lebensgefühl ist die Dokumentation zu großen Teilen geschnitten wie ein Musikclip: schnell, rasant, mit kurzen Wechseln; Daten und Informationen werden oft nur kurz und verwackelt eingeblendet. Dennoch hat der Film durchaus einige Längen, die mit langen Surfszenen gefüllt werden – eine etwas kürzere Dauer als die Spielfilmlänge von 91 Minuten hätte es vielleicht auch getan.

Echte Surf-Fans wird das sicher nicht stören – ihnen wird "Keep Surfing" eher eine Dauergänsehaut bescheren. Sonstigen Interessierten bietet der Film immerhin einen visuell beeindruckenden, authentischen und spannenden Einblick in die Welt der Wellen-Verrückten.

Bei der Weltpremiere auf dem Filmfest München im Jahr 2009 wurde "Keep Surfing" bereits mit dem Bayern3-Publikumspreis ausgezeichnet. Er lief auch auf dem Tribeca Filmfestival in New York im April 2010 – dessen Auswahljury lobte Lobs Film als "vital und schnell". In Deutschland kommt er am 20. Mai 2010 in die Kinos.

Quelle: ntv.de