Kino

Umstritten, intensiv, grandios "Steve Jobs" ist oscarverdächtig

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The stage is yours: Michael Fassbender in und als "Steve Jobs".

(Foto: François Duhamel / Universal Pictures)

Die Film-Biografie "Steve Jobs" sorgt schon im Vorfeld für Wirbel. Und tatsächlich kommt der Apple-Gründer darin nicht wirklich gut weg. Trotzdem sollten auch die, die ihr iPhone anbeten, ihre Freude daran haben. Und alle anderen sowieso. Denn der Streifen ist brillant.

Es gibt Menschen, für die ist Apple eine Religion. Dementsprechend ist Microsoft Satan, ein PC der Vorhof zur Hölle und ein Android-Smartphone die Pest. Für sie kann es bis heute nur einen Hohepriester geben, auch wenn der vor vier Jahren mit gerade mal 56 Jahren tragischerweise dem Krebs erlegen ist: Steve Jobs.

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Fassbender porträtiert Jobs zwischen Genie und Wahnsinn - und nur bedingt sympathisch.

(Foto: François Duhamel / Universal Pictures)

Für Menschen diesen Schlags sollte ein Besuch der unter der Regie von Danny Boyle entstandenen Film-Biografie mit dem schlichten Titel "Steve Jobs" natürlich ein Pflichttermin sein. Und das auch und erst recht, weil der Apple-Gründer in dem Streifen nicht gerade positiv wegkommt. Jedenfalls, was die menschliche Seite betrifft. Umso mehr wird der Visionär herausgestellt, der angetreten ist, die Welt digital zu revolutionieren. "Ich will eine Kerbe im Universum hinterlassen", hat Jobs einmal gesagt. Und Genie und Wahnsinn liegen nun mal ebenso oft dicht beieinander wie Großmannssucht und soziale Inkompetenz.

Die Kraft der drei Oscars

Doch auch für all jene, die Apple für einen Apfel, den iMac für überteuerten Design-Quatsch und die, die für ein neues iPhone stundenlang anstehen, für Spinner halten, ist "Steve Jobs" absolut sehenswert. Ja, der Film ist so eindringlich, intensiv und trotz seiner dialoggeprägten Kammerspiel-Atmosphäre auch fesselnd und unterhaltsam, dass er oscarverdächtig daherkommt. Verwundern kann dies nicht, schließlich versammelt er hinter und vor der Kamera bereits geballte Oscar-Power.

Boyle, der für den ursprünglich vorgesehenen, aber wegen Vertragsstreitigkeiten ausgeschiedenen  David Fincher im Regiestuhl Platz nahm, räumte die Trophäe 2008 für "Slumdog Millionär" ab. Drehbuch-Lieferant Aaron Sorkin erhielt 2011 einen Oscar für sein Script zu "The Social Network", in dem er mit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg schon einmal einen Superstar des digitalen Zeitalters lose porträtierte. Kate Winslet, die in "Steve Jobs" als Joanna Hoffman agiert, die mehrere Jahre Marketing-Chefin an der Seite des Apple-Gründers war, bekam die Auszeichnung 2009 für "Der Vorleser". Nur Michael Fassbender, der in die Rolle von Jobs selbst schlüpft, hat bisher noch keine kleine Goldstatue zu Hause stehen. Das jedoch könnte sich mit diesem Film ändern. Seine Verkörperung der Computer-Legende ist schlicht brillant.

Wie ein Gemälde

Dabei sollte sich von "Steve Jobs" keiner einen linear-chronologischen Ritt durch die Biografie der Apple-Ikone erwarten. "Ich wollte kein traditionelles Biopic machen", erläutert Drehbuchautor Sorkin auch dementsprechend im Gespräch mit n-tv.de. "Ich wusste: Wenn ich die breite Struktur eines Biopics - von der Wiege bis zur Bahre - wähle, geht das in die Hose. Das wäre wie eine Coverband, die die Greatest Hits von Billy Joel spielt." Stattdessen entschied er sich für den vielleicht engsten Fokus, der möglich war, um die Geschichte zu erzählen. "Der Film sollte ein Gemälde werden und keine Fotografie", so Sorkin. Denn, so die Annahme, "umso größer würde die Wirkung sein".

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Die Personen sind real, die Handlung nicht immer: Jobs und Steve Wozniak (Seth Rogen).

(Foto: François Duhamel / Universal Pictures)

Was das konkret heißt? "Steve Jobs" spielt in drei Akten. Im Mittelpunkt jedes Akts steht eine historische Produktpräsentation, die der Computer-Pionier tatsächlich geleitet hat: die des ersten "Macintosh" 1984, die des von Jobs nach seinem Apple-Rauswurf entwickelten "NeXT"-Computers und die des nach seiner Rückkehr entworfenen "iMac". Sämtliche Akte laufen dabei in Realzeit ab - zwar mit Schnitten und Ortswechseln, aber ohne zeitliche Sprünge. Kurzum: der Film ähnelt einem Theaterstück, im Wesentlichen getragen von seinen Dialogen. "Ich fühle mich beim Schreiben von Theaterstücken am wohlsten. Ich glaube, so mogele ich mich in Filmen und Fernsehshows irgendwie durch", gesteht Sorkin, der zugleich daran feilt, seine Dialoge wie Musik klingen zu lassen. "Ich liebe den Sound von Dialogen. Große Schauspieler und Schauspielerinnen, die großartige Worte sagen, die aufeinandertreffen", erklärt er und ergänzt: "Der Klang von Worten ist für mich genauso wichtig wie ihre Bedeutung."

Wahrheit und Fiktion

Doch die Bedeutung kommt in "Steve Jobs" alles andere als zu kurz. So scheint man in 122 Minuten tatsächlich sowohl dem einfachen Menschen und Vater mit all seinen Schwächen als auch dem genialen Überflieger und Unternehmer mit all seinen Visionen ein ganzes Stück näher zu kommen - ohne die Szenerie der Produktpräsentationen je zu verlassen. Doch man sollte auch nicht alles für bare Münze nehmen, auch wenn der Streifen in weiten Teilen auf einer von Jobs zu seinen Lebzeiten noch selbst autorisierten Biografie von Autor Walter Isaacson beruht. So manches an dem Film ist Fiktion. So hat es etwa die darin gezeigten späteren Treffen von Jobs und John Sculley (gespielt von Jeff Daniels), der als CEO von Apple den Unternehmensgründer 1985 vor die Tür setzte, nie gegeben.

Möglicherweise aufgrund dieser historischen Ungenauigkeiten stieß das Filmprojekt "Steve Jobs" nicht bei allen auf Gegenliebe. Der heutige Apple-Chef Tim Cook übte ebenso Kritik wie Jonathan "Jony" Ive, Design-Ikone des Unternehmens. Und Laureen Powell Jobs, die Witwe des Firmengründers, soll sogar versucht haben, Schauspielern wie den zunächst für den Streifen gehandelten Leonardo DiCaprio eine Mitwirkung persönlich auszureden.

"Ich möchte das mit allem möglichen und aufrichtigen Respekt sagen, vor allem vor Frau Jobs", sagt dazu Aaron Sorkin. "Weder sie noch Tim Cook noch Sir 'Jony' Ive haben den Film gesehen." Andere Leute, die Jobs nahe gestanden und den Streifen bereits in Augenschein genommen hätten - darunter Hoffman, Sculley,  die Entwickler Steve Wozniak (gespielt von Seth Rogen) und Andy Hertzfeld (Michael Stuhlbarg) sowie die Marketing-Expertin Andrea "Andy" Cunningham (Sarah Snook) - seien da ganz anderer Ansicht.

"Steve Jobs" ist nicht die erste künstlerische Auseinandersetzung mit dem Apple-Gründer. Nicht nur Dokumentarfilme haben sich bereits ausführlich mit ihm befasst, mit einem schlicht "Jobs" betitelten Streifen von 2013, in dem Ashton Kutcher die Hauptrolle übernahm, liegt auch schon ein Spielfilm zum Thema vor. Der fiel beim Kinopublikum jedoch gnadenlos durch. Ob das Dialog-Feuerwerk, das Boyle, Sorkin, Fassbender, Winslet & Co in der Neuauflage abfackeln, ein Kassenschlager werden wird, wird sich zeigen. Ein großes Publikum verdient hätte es jedoch allemal - mindestens so groß, als würde Apple mal wieder ein neues Produkt vorstellen.

"Steve Jobs" läuft ab 12. November 2015 in den deutschen Kinos

Quelle: ntv.de

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